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Baum und Klima

Kuckuck, Fasan und Nachtigall

Erstellt am 31. Juli 202631. Juli 2026 von baumundklima.de

Lange hatte sich der Sommer gewehrt, so manchen Tag noch einmal mit üppiger Wärme übergossen, um die morgendliche Kühle, das erste Frösteln und die aufkommende Traurigkeit nicht zuzulassen. Vergebens! Am östlichen Himmel tauchten die ersten Ketten von Graugänsen auf und erfüllten die Nacht mit ihrem Geschnatter. Das Blau des Himmels ging in Weiß und Grau über, das Grün der Natur wechselte zu gelb und braun und die Traurigkeit blieb. Alles war in Bewegung geraten, schien ohne Halt zu rutschen, Farben verwischten, Tiere verließen das Land oder verschwanden einfach im Winterquartier. Kühle, Regen und Stürme drängten vom Norden herein.

Kay stand lange am Fenster und beobachtete die Krähe auf der anderen Straßenseite, die mit dem Schnabel eine Walnuss bearbeitete.  Genau gesagt war es ein Kolkrabe. Kay hatte vor zwei Wochen Walnüsse gesammelt, einen ganzen Korb voll, und teilte sie nun mit den schwarzen Gesellen aus der Umgebung. Meist legte er morgens drei Nüsse neben dem Briefkasten auf die Wiese.

„Na schön,  dich kenne ich.“ Dachte Kay und wie zur Bestätigung hielt der Rabe kurz inne, sah zu dem Fenster herüber und vertiefte sich dann wieder in seine Beschäftigung.

Ein Auto bog in die Straße ein, viel zu schnell, und der Rabe musste kurz aufspringen, um nicht überrollt zu werden. Die Nuss war anschließend breitgewalzt, der Rabe ließ sich wieder auf der Straße nieder und sortierte das Verbliebene.

„Warum? So ein Volltrottel!“

Kay verspürte Wut, bekam augenblicklich schlechte Laune, stellte sich vor, was hätte passieren können. Da waren sofort wieder die Bilder, wie seine Katze Schwarzweiß einen Moment zu spät sprang und gegen das Fahrzeug des heranrasenden Nachbarn prallte. Er hatte damals fassungslos an der Tür gestanden, als der Nachbar die tote Katze vor die Treppe legte mit den Worten: “Morgen wird die schwarze Tonne geleert, leg sie rein und die Sache ist erledigt.“

Der Rabe sortierte unbeeindruckt aus den Scherben das Nussmus.  „Der hat vielleicht ein Gemüt“, dachte Kay. So ein Rabe ist eben ein kluges Tier. Und trotzdem, ab morgen gibt es die Nüsse nur noch hinter dem Haus, ohne Autoverkehr. Und wenn der Rabe die Nüsse doch wieder auf die Straße schleppt?

Kay musste sich ermahnen, nun endlich mit dem Tagesplan zu beginnen. Es waren einige Restarbeiten am Schuppen zu erledigen, Mittag kochen und dann waren da noch  mehrere hundert Seiten Planungsunterlagen für ein Bauvorhaben, das heute Abend im Ortsbeirat auf der Tagesordnung stand. Den Berg Planungsunterlagen hatte er schon durchgearbeitet, nur fehlte es an einer Erfolg versprechenden Strategie, das Bauvorhaben aufzuhalten. Alle am Planungsprozess Beteiligten kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass schützenswerte Belange von Umwelt und Natur durch den Bau und Betrieb der Anlage nicht beeinträchtigt werden und die Einwohner der angrenzenden Siedlungen nicht mit wahrnehmbaren Störungen rechnen mussten. Entwürfe des Bauwerkes zeigten begrünte Fassaden vor einem himmelblauen Hintergrund. In vorausgegangenen Sitzungen war deutlich geworden, dass die meisten Mitglieder des Gremiums dankbar waren, dass ihre Fragen zum Bauvorhaben geduldig beantwortet und Hinweise in die Planung eingearbeitet wurden. Und da war noch das Versprechen des Stadtplaners, den Ortsteil bei bestimmten unerledigten Aufgaben zu unterstützen. So fügte sich Eins zum Anderen, wirtschaftliche Zwänge verbanden sich mit der Vorstellung, Gutes zu tun und Schaden zu begrenzen. Ein zähes Gemenge, dem mit einfachen sachlichen Argumenten nicht beizukommen war.

Kay wurde bewusst, dass er schon wieder in diese Endlosschleife geraten war, aus der er nur schwer wieder herauskam. Warum sahen die gewählten Vertreter nicht, was er sah oder fehlte ihm das Wissen und die Einsicht, weil er das Kreuz nicht zu tragen hatte?

„Schluss jetzt! Erst der Schuppen, dann das Mittagessen und heute Abend  gehe ich in die Sitzung und werde sachlich, ohne Aufregung, vortragen, was gegen das Bauvorhaben spricht.“  

Die Arbeit kam nicht so richtig voran, immer wieder schweiften die Gedanken ab zu dem Thema des heutigen Abends. Wieso gab es Belange von Umwelt und Natur, die nicht schützenswert waren? Wer dachte sich solchen Schwachsinn aus? Es war doch unsere Verantwortung, die verbliebene Natur ohne  jede Einschränkung vor weiterer Vernichtung zu schützen. Und dann diese absurde Verschwendung. Die Anlage soll 100 Megawatt Strom verbrauchen, wobei nur zwei Prozent des Stromes in Rechenleistung fließen, der Rest als Wärme einfach in die Umgebung entsorgt wird! An der Wirtschaftlichkeit derartiger Verschwendung gab es offensichtlich keinen Zweifel. Welcher Aufwand aber war nötig, um so eine Menge Strom zu erzeugen, wie viele Windräder, Solarfelder und  Kraftwerke mussten zu Lasten der Natur errichtet und betrieben werden mit dem Ergebnis, dass der erzeugte Strom am Ende als Wärme in die schon schwer atmende Umwelt geschüttet werden würde?

Nichts ging Kay von der Hand und die Zeit bis zum Abend wollte nicht vergehen.

Kurz vor 19.00 Uhr kam Kay im Sitzungssaal an. Dort herrschte geschäftiges Treiben. Stühle wurden gerückt, Wasserflaschen auf die Tische des Gremiums und der Gäste verteilt und die Technik für die Präsentation des Bauvorhabens abgestimmt. Der Bürgermeister der Gemeinde war gekommen. Den Stadtplaner und seinen Gehilfen hatte Kay auch gleich entdeckt. Alle standen ganz zwanglos in Grüppchen hinter ihren Plätzen und unterhielten sich scheinbar gut gelaunt. Ja, es herrschte eine fröhliche, gelöste Stimmung vor Beginn der Sitzung.     

„Komisch“, dachte Kay, „sie werden heute ein weiteres Mal über den Untergang unserer Natur entscheiden in der Gewissheit, nur Gutes zu tun. Der Einzige mit schlechter Laune in diesem Raum bin ich.“

Kay fühlte wieder diese Feindseligkeit in sich aufsteigen. Aber ging das überhaupt, gut gelaunt in den Abgrund zu springen?

Die Sitzung begann. Nach den Formalien folgte der Vortrag des Stadtplaners zum Bauvorhaben, genauer gesagt zum Planentwurf, der laut Tagesordnung Gegenstand der Abstimmung sein würde. Der Stadtplaner redete kurzweilig und engagiert und auch sehr respektvoll über die Sorgen von Einwohnern, die im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben geäußert wurden. Er sprach über Bauflächen und Bauvolumen, die Anpflanzung neuer Gehölze und Fassadenbegrünung, die schonende Einordnung des Bauwerkes in das Landschaftsbild, über Energiemengen und Abwärmekonzepte, Arbeitsplätze, über wirtschaftliche Erwartungen bei vollem Betrieb der Anlage, das geringe Störpotential für die Einwohner, selbst Umwelt und Natur seien kaum vom Bauvorhaben betroffen, weil geschützte Pflanzen- und Tierarten bei den Untersuchungen der Baufläche nicht festgestellt werden konnten. Ein Wohlklang, der durch ausschließlich positive Erwartungen erzeugt wurde. Dazu die Entwürfe des Stadtplaners, die das angenehme Rauschen auf der Kinoleinwand begleiteten.

Kay beschlichen Zweifel, ob seine ablehnende Haltung zu diesem Bauvorhaben überhaupt zu erklären oder zu rechtfertigen sei. Hatte er vielleicht die Orientierung vollständig verloren, sich in dem Gedanken des Naturschutzes endgültig verirrt? Mit seiner Forderung nach kompromisslosem Schutz der Natur hatte er schon viel Ablehnung erfahren, würde auch heute kein Verständnis erreichen und nur für schlechte Laune sorgen.

Es kam der Moment für Fragen und Wortmeldungen zum Vortrag des Stadtplaners. Kay sprang auf, um nicht übersehen zu werden, erhielt nach dem Bürgermeister und den gewählten Vertretern Platz Sieben auf der Rednerliste und musste sich erst mal wieder setzen. Die Beiträge der Redner vor ihm verfolgte er nur sehr unaufmerksam. In seinem Kopf ratterte es regelrecht. Seine Zweifel, das hatte er schon oft erlebt, setzten Überlegungen in Gang, seine Argumentation wieder und wieder umzustellen. Natürlich war er mit einem Konzept in diese Sitzung gekommen. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass der Vortrag des Stadtplaners so überzeugend ausfallen würde, scheinbar unangreifbar  und absolut plausibel war. Hinzu kam, dass er als Einwohner nur drei Minuten Redezeit zur Verfügung hatte. Wie sollte das gehen, einen komplexen Sachverhalt in drei Minuten darzustellen, Anknüpfungspunkte für seine Argumente aus Weltklima- und Artenschutzkonferenzen, Richtlinien der Europäischen Union, Naturschutz- und Klimazielen auf nationaler Ebene herzuleiten? All das den lokalen Vertretern auszubreiten, hier, wo Naturschutz allenfalls als Pflege einer öffentlichen Grünanlage oder das Pflanzen von Blumenzwiebeln verstanden wurde? Vielleicht wäre es das Beste, die Wortmeldung zurück zu ziehen?

Kay hörte seinen Namen aus der Richtung des Präsidiums, er war an der Reihe. Er erhob sich etwas schwerfällig, fühlte, wie sich alle Blicke auf ihn richteten. Er hatte das Wort, die Gelegenheit, die gewählten Vertreter von seiner Position zu überzeugen. Doch sein Kopf war leer, es gab keinen Plan in diesem Moment. Um Zeit zu gewinnen, begrüßte er die Anwesenden, stellte sich vor und bedankte sich dafür, das Wort erhalten zu haben. Nach kurzer Pause wandte sich Kay an eine gewählte Vertreterin mit der Bitte, ihr eine ganz persönliche Frage stellen zu dürfen. Ohne eine Antwort abzuwarten, leitete er seine Frage ein: „Was sagt Ihnen Ihr Gewissen, wenn Sie heute darüber entscheiden, dass Lebensraum für Pflanzen und Tiere verschwindet, Nachtigall, Kuckuck und Fasan hier nicht mehr leben können. Und wenn die Teiche auf dem Baugelände beseitigt werden, verschwinden die letzten Kleingewässer in unserer Umgebung. Von den Teichen auf der Baufläche konnte man jedes Frühjahr ein munteres Froschkonzert hören und Graureiher und Störche wussten das zu schätzen. Den Störchen ist das übrigens egal, ob sie geschützte oder nicht geschützte Frösche vertilgen. Sind die Teiche weg, gibt es keine Amphibien mehr und die Storchenkinder werden verhungern, Störche letztendlich ganz ausbleiben.“ Kay redete und redete, und hatte doch eigentlich eine Frage angekündigt. „Was werden Sie eines Tages Ihren Kindern sagen, warum es hier keine Störche mehr gibt, keine Nachtigall und keinen Kuckuck? Sie haben das so entschieden. Ihre Sachzwänge fressen die Natur auf, die auch Ihren Kindern gehört. Haben Sie einmal Ihr Gewissen befragt, …“

Kay wurde aus der Mitte des Präsidiums in scharfem Ton unterbrochen: „Hören Sie sofort auf, unsere geschätzte Vertreterin persönlich anzugehen! Dazu haben Sie kein Recht. Ich muss Sie darauf hinweisen, “ die Stimme zitterte vor Erregung „dass Fragen nur zu der hier behandelten Sache zulässig sind. Wenn Sie sich nicht daran halten, werde ich Ihnen das Wort entziehen und Sie des Saales verweisen. Ihre Redezeit ist ohnehin gleich abgelaufen.“   

Kay beeindruckte diese Zurechtweisung überhaupt nicht. „Ich würde gerne dem Stadtplaner noch eine Frage in der Sache stellen.“

Kay hatte die anfängliche Starre überwunden und fühlte, wie sein Kampfgeist erwachte. Er kannte solche Momente aus seiner beruflichen Arbeit, hatte sich immer darauf verlassen können, dass auch in auswegloser Lage  ganz spontan neue Lösungsansätze sichtbar wurden, die selbst bei gründlicher Vorbereitung einfach im Verborgenen blieben.

An den Stadtplaner gewandt, fuhr Kay fort: „Sehen Sie es mir bitte nach, manchmal ist es nötig, mit einer scheinbar ungewöhnlichen Fragestellung auf eine Aufgabe  aufmerksam zu machen, für die bisher keine Lösung gefunden wurde.“

Der Stadtplaner nickte verständnisvoll und Kay fuhr fort: „Wenn ich für das tägliche Leben etwas brauche, steige ich auf mein Fahrrad und fahre zur Kaufhalle nach Lindenfeld. Ich vermute, Sie müssen auch regelmäßig eine Kaufhalle ansteuern, um Brot, Obst und Gemüse einzukaufen. Wahrscheinlich nicht in Lindenfeld, vielleicht fahren Sie in ein schönes Center an der Autobahn, wo kein Wunsch offen bleibt. „

Aus der Mitte des Präsidiums folgte die nächste Zurechtweisung: „Kommen Sie zur Sache, ich entziehe ihnen sonst das Wort!“

Der Stadtplaner, geübt im Umgang mit schwierigen Einwohnern, winkte ab und antwortete bereitwillig: „Da haben Sie völlig recht, jeder muss das. Ich fahre sehr gerne mit meiner Frau in das neue Autobahncenter nach Falkental. Übrigens habe ich mit meinem Team für dieses Vorhaben die Planung gemacht und es gab anfangs viel Widerstand bei den Einwohnern der benachbarten Ortschaften. Man befürchtete eine massive Zunahme des Verkehrs in den Dörfern verbunden mit permanenten Staus. Dank einer gesonderten Anbindung an die Autobahn haben sich diese Befürchtungen nicht verwirklicht. Heute, drei Jahre nach Fertigstellung, möchte niemand dieses moderne und vielseitige Einkaufszentrum mehr missen. Die Leute sind durchweg begeistert, es gibt dort nichts, was es nicht gibt.“

Als der Stadtplaner kurz Luft holen musste, nahm Kay seinen Faden wieder auf.

„Haben Sie dort in dem Einkaufszentrum schon mal einen Storch gesehen?“

Der Stadtplaner sah sichtlich irritiert zu Kay hinüber und in der Mitte des Präsidiums entstand erneut Unruhe.

„Ich meine so einen Weißstorch  mit roten Beinen und diesem langen Schnabel, natürlich mit Einkaufswagen. Da, in der Lebensmittelabteilung, wo das Heringsfilet, die Muscheln und Froschschenkel im Kühlregal liegen?“ Wenn alle Gewässer verschwunden sind, bleibt dem Storch nur noch die Kaufhalle.

Und es hagelte die nächste Zurechtweisung aus dem Präsidium. „Na wenn schon“, dachte Kay. Es war alles gesagt. Er sah zum Stadtplaner hinüber und tatsächlich zeigte dieser dem Präsidium an, etwas erwidern zu wollen. 

„Ich verstehe Ihr Anliegen, der Weißstorch genießt den höchsten Schutzstatus  als streng geschützte Art. Dennoch haben alle Untersuchungen ergeben, dass auf dem Baugelände und in der angrenzenden Umgebung keine Störche brüten. Auch gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem geplanten Bauvorhaben und dem Verschwinden der Kleingewässer im Gemeindegebiet. Das ist möglicherweise eine Folge geringer Niederschläge und langer Hitzeperioden in den letzten Jahren. Das bleibt hier außer Betracht, wie auch komplexe Zusammenhänge in Natur und Umwelt, die keinen direkten Bezug zu dem Bauvorhaben aufweisen, keine Berücksichtigung finden können. Ich habe mit meiner Arbeit zu sichern, dass die in das Gesetz aufgenommenen Schutzgüter durch das Bauvorhaben  nicht beeinträchtigt werden. Mein Team und die Verwaltung haben in enger Abstimmung ….“

Kay hörte nicht mehr hin. Als der Stadtplaner sich endlich setzte, wurde sein Einsatz mit Beifall belohnt. Es folgten noch mehrere Wortmeldungen, danach stimmten die gewählten Vertreter mehrheitlich für die Durchführung des Bauvorhabens.

Der Stadtplaner hatte das Ergebnis der Abstimmung abgewartet, räumte dann seine Unterlagen zusammen und verließ den Sitzungssaal ohne Eile. Auch Kay nahm seine Jacke von der Stuhllehne und ging hinaus. Hier waren alle Messen gesungen. Vor der Tür traf Kay auf den Stadtplaner, der auf seinen Mitarbeiter wartete. Das war die Gelegenheit, ohne die öffentliche Bühne eine Sachfrage zu besprechen.

„Darf ich Sie noch was fragen?“ wandte sich Kay an den Stadtplaner. „ Mir ist nach wie vor rätselhaft, wie der Standort für das beschlossene Bauvorhaben ausgewählt wurde. Auf der einen Seite muss mit hohem Aufwand eine Stromtrasse gelegt werden, um die Anlage zu betreiben. Auf der anderen Seite gibt es keinen Abnehmer für die riesige Menge Abwärme, die durch die  Anlage erzeugt wird. Nach dem von Ihnen vorgestellten Konzept ist es nicht vorgesehen, die Abwärme zurück zu gewinnen. Deshalb wäre es viel sinnvoller, solche Anlagen dort zu errichten, wo die Abwärme genutzt werden könnte?“

Während Kay sprach, hatte sich der Mann, der neben der Eingangstür stand und rauchte, zu ihnen gestellt. Kay kannte ihn, er stand bei Veranstaltungen regelmäßig dort und rauchte.

Der Stadtplaner ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Die Entscheidung darüber, was wo gebaut wird, ist grundsätzlich immer Sache der Grundstückseigentümer. Wenn diese, so wie hier, eine Verständigung mit der Gemeinde über die Art der Grundstücksnutzung herbeiführen können, bedarf es keiner weiteren Steuerung. Der gesamte Aufwand für das Bauvorhaben geht in die Investitionskosten ein, auch der Bau von Stromtrassen. Für die Abwärme gibt es eine gesetzliche Vorgabe, ein Fünftel ist zurück zu gewinnen und könnte damit einem lokalen Wärmenetz angeboten werden. Da gibt es jedoch Ausnahmen. Einerseits gibt es kaum Wärmenetze im Niedrigtemperaturbereich, andererseits hat die Verwaltung schon angedeutet, dass hier bei Ihnen kein ….“

Kays Aufmerksamkeit richtete sich in diesem Moment auf den steinigen Boden  des Vorplatzes, auf dem sie standen. Zwischen ihren Schuhen schleppte sich eine Erdkröte hindurch, der Größe nach zu urteilen war es ein Weibchen. Mit jedem Hopser arbeitete sie sich fünf Zentimeter voran und es schien, ihr Ziel war die offene Eingangstür des Gebäudes mit dem Sitzungssaal.

Während der Stadtplaner noch immer redete, tippte Kay ihn an der Schulter an. „Sehen Sie mal nach unten, hier hat sich eine Einwohnerin etwas verspätet für die heutige Sitzung. Ich vermute, die Erdkröte wollte sich auch zu Wort melden.“

Der Stadtplaner trat vorsichtig einen Schritt zurück. „Tatsächlich“ Er betrachtete die Erdkröte einige Momente, dann verabschiedete er sich: „Wir müssen weiter, Ihnen einen gesegneten Abend“.

Der Mann, der neben dem Eingang geraucht hatte, geriet nun auch in Bewegung, weil die Kröte nur noch wenige Meter bis zur Eingangstür zurückzulegen hatte. „Ich werde mal die Tür besser schließen, nicht, dass die Kröte bis in den Sitzungssaal durchmarschiert“. Er überholte die Erdkröte, löste die geöffnete Tür aus ihrer Verriegelung und schloss sie hinter sich.

Kay und die Erdkröte blieben auf dem Vorplatz zurück. Der Wind trieb feuchte schwere Kühle heran und das Licht der Straßenlaterne vor dem Eingang wurde mehr und mehr von Nebelschwaden verwischt, versank langsam in der Dunkelheit. Ein vielstimmiges Rauschen, das Kay bisher nicht wahrgenommen hatte, erfüllte den Vorplatz. Der Wind wirbelte Blätter vom Boden auf, zauste die kahlen Äste der Straßenbäume und verfing sich in den trockenen Blättern, die die Eiche auf der kleinen Wiese noch nicht loslassen wollte.   Es schien, als ob sich sämtliche Konturen auflösten und selbst die Zeit versank in dieser nebelnassen rauschenden Dunkelheit. Wo war die Erdkröte? Kay konnte sie nirgends entdecken, stand ganz allein auf dem Vorplatz. Er  rieb sich die Augen, hatte

*****

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