Interview 18. März 2026
Frage: Du bist zurück aus dem Hohen Norden, zwei Tage Eisenbahnfahrt, Berliner Hauptbahnhof, keine Rolltreppe funktioniert, wie fühlt sich das an nach so langer Reise mit dem ganzen Gepäck, Rucksäcke, Skier, Schlitten…
Antwort: Tja, ganz schön müde. Es war auch schön, die Beine wieder bewegen zu können, dass die lange Reise endlich ein Ende findet. Ich musste ja nur noch einmal umsteigen.
Frage: Naja, aber die Anstrengung, die dahinter steht mit dem ganzen Gepuckel vom Keller bis ganz nach oben?
Antwort: Wir sind oben angekommen, wollten aber zur Mitte, noch einen Kaffee trinken. Also, wir zum Aufzug mit dem ganzen Gepäck. Wir haben uns angestellt, der Aufzug war, als er ankam rappelvoll. Niemand wollte aussteigen. Alle waren scheinbar auf der Fahrt nach oben eingestiegen, um dann nach unten zu fahren. Sehr praktisch.
Frage: Na gut, aber wie war das so mit den vielen Menschen, ihr seid ja aus der Einsamkeit gekommen?
Antwort: Man könnte denken, wie waren in der Einsamkeit. Wir haben in einer netten Gemeinschaft von ausgewählten Menschen gelebt, ein Schlag Mensch, der es sich ausgesucht hat, da oben zu leben.
Frage: Sag mal bitte, wo ist eigentlich „da oben“?
Antwort: „Da oben“ ist Longyearbyen, die größte Stadt auf Svalbard, Spitzbergen. Dort leben ungefähr 2500 Menschen. Die haben es sich alle ausgesucht, dort oben zu leben. Da ist keiner aus Versehen hängen geblieben. Die, die dort mal hängen geblieben sind, liegen schon lange im Eis.
Frage: Ihr seid am 2. Januar abgereist und im März zurückgekommen, habt somit dort auf Spitzbergen die Polarnacht erlebt. Wie muss ich mir das vorstellen – es wird nicht hell?
Antwort: Das war anfangs noch nicht so richtig absehbar. Man kann sich das ja vorstellen, wenn man auf Reisen geht, erst abends an einem neuen Ort ankommt, wo man noch nicht gewesen ist, man kann nicht viel von der Umgebung sehen, weiß eigentlich gar nicht, wie es ringsherum aussieht. So war es bei uns auch. Wir sind scheinbar in der Nacht angekommen, die Umrisse der Berge waren so ein bisschen zu erkennen und man konnte erahnen, da drüben geht es hoch und dann wieder in ein Tal rein. Und davor war Wasser.
Frage: Ihr seid mit dem Flugzeug angekommen, von Tromsø?
Antwort: Mit dem Flugzeug ja, aber von Oslo. Bis Oslo sind wir mit dem Zug gefahren.
Frage: Aber ihr seid am Abend, quasi in der Nacht angekommen und am nächsten Tag war immer noch Nacht. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wie fühlt sich das an?
Antwort: Naja, du guckst am Abend aus dem Fenster, siehst die Straßenlaternen, ziehst die Gardine zu, denn du willst die Straßenlaternen nicht im Zimmer haben. Dann gehst du ins Bett, schläfst, wachst auf. Dann ziehst du die Gardine auf uns siehst wieder die Straßenlaternen vor dem Fenster und es ist immer noch dunkel. Zur Mittagszeit das Gleiche. Also lässt du die Gardine einfach zu. Und irgendwann…
Frage: Ja irgendwann, aber wenn man wochenlang nur Dunkelheit hat, ändert sich da irgendetwas?
Antwort: Naja, irgendwann, während der Arbeit im Feld oder auf einer Wanderung bist du raus aus dem Straßenlicht, weg von der Stadt und den Häusern, die alle mit Lichterketten beleuchtet sind, und du schaust in die Landschaft und stellst fest, man kann doch schon eine ganze Menge sehen. Und du denkst: Oh, das ist ja schon richtig hell. Ich habe das erlebt bei einem Tagesausflug, die Wolken sind in der Mittagszeit aufgerissen und die Sicht war trotz Dunkelheit gut. Da war Sternenlicht und im Süden so ein ganz zarter Lichthauch. Später sind die Wolken wieder zugezogen und es wurde stockfinster. Dir wird klar, dass es eben noch richtig hell war. In der Nähe der Stadt ist das genau anders herum, durch die Wolkendecke wird eine Menge licht von der Stadt reflektiert und verteilt. Wenn dann die Wolken aufreißen, wird es scheinbar dunkel.
Frage: Welche Gründe gibt es, am 2. Januar Richtung Svalbard aufzubrechen, eine Reise bei Tageslicht wäre doch…
Antwort: Ach, es ist auch Schlimmeres vorstellbar. Nein, wir hatten uns um einen Kurs an der Universität von Longyearbyen beworben, wurden angenommen und der Kurs lag so einigermaßen in unserer vorlesungsfreien Zeit. Unser Kurs fing in der zweiten Januarwoche an, wobei wir in der ersten Woche das Sicherheitstraining absolviert haben. Ohne bestandenes Sicherheitstraining gibt es keinen Unikurs.
Frage: Was war der Gegenstand Eures Unikurses?
Antwort: Arctic winter ecology. Das war die Überschrift, der Kurs war ziemlich breit angelegt, man konnte sich ziemlich viel vorstellen unter dem Titel, was sich dahinter alles verbergen könnte. Ich habe mir Permafrost vorgestellt, Gletscher, Rentiere, CO2– Flüsse im Winter, Mikroorganismen im Boden, im Kern also biologische Prozesse, die in der Arktis im Winter stattfinden.
Frage: Womit habt ihr euch in diesem Kurs tatsächlich beschäftigt und kannst du das mal etwas genauer beschreiben?
Antwort: In einem Komplex ging es beispielsweise darum, wie die Rentiere den arktischen Winter überleben. Was fressen sie, um genügend Energie aus der Nahrung zu gewinnen, um eben diesen langen Winter zu überstehen. Wie wählen die Rentiere aus, wo sie fressen. Warum fressen sie an der einen Stelle, nicht aber einen Meter daneben? Was ist der Unterschied in der Schneebedeckung? Gibt es Eisschichten, die im Schnee verborgen sind oder auf dem Boden, die die Vegetation unerreichbar machen? Oder, wie überleben im Boden lebende Insekten den Winter und welchen Einfluss hat es auf ihre Überlebenschancen, wenn im Winter häufiger Regenereignisse stattfinden, die dann zu Eisschichten auf dem Boden oder dem Schnee werden? Es geht also viel um Eis. Eigentlich würdest du es nicht erwarten, dass es im Winter regnet. Und wenn es aber doch regnet, wird der Schnee nass, das Wasser gefriert, wenn es wieder Kälter wird. Eis hat andere Eigenschaften als Schnee. Eine geschlossene Schneedecke wirkt isolierend und Schnee ermöglicht noch einen Gasaustausch. Hast du eine geschlossene Eisschicht, die den Boden versiegelt, dringt der Frost tiefer in die obere Bodenschicht vor, der Gasaustausch kommt zum Erliegen und möglicherweise gibt es keinen Sauerstoff mehr. Das hat Folgen für die im Boden lebenden Organismen, die das organische Material zerkleinern.
Oder, welchen Einfluss hat die Schneetiefe auf die Keimungsrate von Pflanzen, die dort vorkommen. Keimen Pflanzen besser, wenn sie unter einer hohen Schneedecke lagen oder ist es besser, wenn sie ordentlich Frost abbekommen haben?
Frage: Wie muss ich mir die Vegetation vorstellen? Im Winter ist davon im Wesentlichen ja nichts zu sehen.
Antwort: Ja, es gibt immergrüne Pflanzen, Moose zum Beispiel kann man sehen. – wenn man ein bisschen im Schnee gebuddelt hat. Manchmal ragt auch ein Stein aus dem Schnee heraus mit Flechten drauf. Ansonsten gibt es Zwergsträucher, das wurde zumindest berichtet, dass die dort wachsen. Und es gibt Pflanzen, die in der Lage sind, sich in der kurzen Vegetationsperiode schnell zu entwickeln. Die Vegetationszeit ist auf Spitzbergen immer vom konkreten Standort und der jeweiligen Schneebedeckung abhängig. Wenn der Schnee geschmolzen ist, beginnt die Vegetationszeit und wenn er kommt, endet sie. Diesen Teil des Zyklus haben wir nicht beobachten können. Aber so pauschal lässt sich sagen, im Verlauf des Juni schmilzt der Schnee und im September ist er wieder da. Dazu kommt der Wind, der den Schnee verweht und es entstehen Bereiche, auf denen mehr oder auch weniger Schnee abgelagert wird. Und das wiederum beeinflusst die Zeitdauer, die den Pflanzen für ihr Wachstum zur Verfügung steht, selektiert, welche Pflanze unter welchen Bedingungen überhaupt wachsen kann. Es gibt beispielsweise immergrüne Zwergsträucher, die kommen mit einer hohen Schneebedeckung überhaupt nicht klar, die wachsen dann bevorzugt an Hängen und nicht auf der Talsohle neben einem Flussbett.
Frage: Das heißt auch, dass es auf Spitzbergen Flüsse gibt?
Antwort: Ja, im Winter sind sie gefroren und im Sommer fließt dort das Wasser aus der Schneeschmelze und aus Gletschern.
Frage: Gibt es auf Svalbard außer den Rentieren noch andere Pflanzenfresser im Winter?
Antwort: Ja, Schneehühner, die leben dort ganzjährig. In der Winterzeit müssen die Schneehühner Nahrung aufspüren, die für sie erreichbar ist, Planzenteile, die aus dem Schnee herausragen, Samen, Knospen oder Planzenteile, die sich freischarren lassen. Die Hühner stehen auf diese eine Knöterichart, die heißt Bistorta vivipara. Die Pflanze bildet so kleine Brutknospen, das sind kleine keimfähige Klone, vollgepackt mit Nährstoffen für die neue Pflanze. Diese Brutknospen sind sehr beliebt bei Schneehühnern. Übrigens habe ich nur ein einziges Schneehuhn gesehen, Spuren im Schnee gab es reichlich.
Frage: Gibt es noch weitere Tierarten da oben?
Antwort: Es gibt noch den Polarfuchs, der bleibt auch da. Weitere heimische Tierarten, die ausschließlich auf dem Land leben, gibt es nicht. Allerdings hat sich die osteuropäische Feldmaus angesiedelt, die wurde im 19. oder 20. Jahrhundert von Siedlern eingeschleppt und lebt nun ganzjährig auch auf Spitzbergen. Alle anderen Tierarten, Vögel, Walrosse und Wale, zum Beispiel Belugas kommen zur Paarung und zum Brüten, wenn es wärmer wird. Und natürlich der Eisbär, der, wenn er sich an Land aufhält, vorwiegend in den Küstenbereichen zu finden ist.
Frage: Das Wasser in den Fjorden, war das zugefroren?
Antwort: Nein, bis zu unserer Abreise waren die Fjorde offen. Das Wasser friert dort erst ab März richtig zu, dann beginnt die Saison für die Snowscooter, mit denen die Leute über das Meereseis brettern. In den Monaten Januar und Februar waren die Temperaturen sehr schwankend. Es gab Wochen mit -20 ºC und dazwischen lag auch mal eine Woche mit -5 ºC. Man konnte quasi fast kurzärmelig gehen. Und dann ist noch die Sache mit dem Wind. Wenn es sehr windig ist, lieg die gefühlte Temperatur viel tiefer und aus -20 ºC werden schnell mal -30 ºC. Windstärke und Windrichtung haben, wie schon mal angedeutet, auch wesentlichen Einfluss auf die Schneebedeckung. Als wir ankamen, waren die Berge auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords vollständig mit Schnee bedeckt, sahen aus, wie aus einem Guss. Vier Wochen später änderten sich Windrichtung und Windstärke und die kahlen Felsen wurden sichtbar.
Frage: Jetzt mal zu eurem Kurs, die Veranstaltungen waren eher in Räumen oder draußen?
Antwort: Das war geteilt. Der Kurs war als Projektstudie angelegt, ein Teil war Arbeit im Feld, wir haben Messungen gemacht, Daten aufgenommen, Proben aufgenommen, Rentiere beobachtet und auch Rentierkacke eingesammelt, um beispielsweise herauszufinden, was die Rentiere gefressen haben. Die Köttel kamen ins Labor, wurden dort analysiert. Dabei musste sehr viel hin- und her pipettiert werden, die DNA wurde extrahiert und letztendlich kamen die Proben in das Analysegerät. Das Gerät rechnete drei Tage und das Ergebnis lag vor: Die Rentiere hatten Moose, Flechten, Sträucher und Weihnachtsbäume gefressen. Auf Spitzbergen wachsen natürlich keine Weihnachtsbäume, es gibt nur ein Hotel in Longyearbyen, dessen Lodge mit Nadelbäumen umpflanzt wurde. Die halten scheinbar durch und Rentiere kommen dort gerne hin, um an den Zweigen zu knabbern.
Frage: Ich habe auf einem deiner Fotos ein Rentier gesehen, das genau in die Kamera geschaut hat und es wirkte so, als ob es sein Gegenüber so leicht verschmitzt angegrinst hat. Sind Rentiere sehr zutraulich?
Antwort: Sie sind vor allem sehr neugierig, wollen wissen, wer sich in ihrer Nähe befindet. Dafür müssen sie das Gegenüber schnuppern können. Wenn man Rentieren begegnet läuft das meistens so ab: Sie laufen auf dich zu, betrachten dich mit großen Augen und schnuppern, du kannst sehen, wie die Nase richtig arbeitet. Nach einer Weile haben sie alle Informationen, drehen sich weg und machen weiter, was sie vorher gemacht haben, scharren mit den Hufen, graben den Schnee weg und fressen. Der störende Mensch findet keine Beachtung mehr. Rentiere haben keine natürlichen Feinde und gejagt werden sie auf Spitzbergen kaum noch.
Frage: Was habt ihr noch untersucht?
Antwort: Wir haben Schneeproben genommen, geschmolzen und was da so drin war im Labor angesehen. Eigentlich ging es darum, zu gucken, ob da Diatomeen drin sind, also Kieselalgen, die waren früher schon mal aufgetaucht. Dazu hätte man vielleicht ein neues Projekt entwickeln können. Es sind aber keine Diatomeen aufgetaucht, aber dafür eben alle möglichen Pflanzenteile von Moosen, irgendwelche Blättchen, Samen aber auch Tiere, zum Beispiel Springschwänze. Die waren eine echte Überraschung. Und was man in jeder Probe finden konnte war Mikroplastik. Unter dem Mikroskop gut zu erkennen.
Frage: Mikroplastik kommt mit dem Niederschlag …?
Antwort: Ja, aber auch mit den Leuten, die dort lang gehen. Was von den Handschuhen abgeht oder von der eigenen Kleidung, wenn man gerade dort kniet, um die Probe zu nehmen. Die ganze Outdoorkleidung wird durch Reibung abgetragen. Die äußeren Schichten sind selten biologisch abbaubar. Mikroplastik ist einfach überall.
Frage: Was ist mit den Eisbären?
Antwort: Eisbären gibt es mehr als Menschen auf Spitzbergen. Die halten sich aber größtenteils nicht in der Stadt auf. Eisbären sind in der Regel in den Küstenbereichen zu finden, ich habe keinen lebenden Eisbären gesehen, nur den im Museum und den vor dem Krankenhaus.
Frage: Ihr seid im Sicherheitstraining darauf vorbereitet worden, bei der Feldarbeit oder Exkursionen und Wanderungen auf Eisbären zu treffen. Wie muss ich mir das vorstellen?
Antwort: Grundsätzlich darfst du die Stadt nicht verlassen, wenn du keine Waffe dabei hast. Auf Schildern wird darauf aufmerksam gemacht, dass du damit rechnen musst, bei Verlassen der Stadt auf Eisbären zu treffen – also nimm eine Waffe mit. Die Bewohner in der Stadt sind in der Regel mit Waffe unterwegs, dafür gibt es Regeln.
Bei Mitnahme einer Waffe in der Stadt muss sichtbar sein, dass der Verschluss herausgenommen wurde. Der Verschluss wird von der Waffe getrennt mitgeführt. Und an der Kaufhalle hängt ein Schild, du sollst bitte ohne Waffe einkaufen. Naja, du nimmst eben die Waffe zum Einkaufen nicht mit. Es wurde aktuell auch nichts darüber berichtet, dass ein Eisbär in der Stadt gesehen wurde. In der Stadt wird man sich in erster Linie in Sicherheit bringen, wenn ein Eisbär gesichtet wird. Die Autos und auch Haustüren sind in Longyearbyen immer unverschlossen. Wenn jemand zufällig doch mal auf einen Eisbären treffen sollte, kann er oder sie einfach in das nächste Haus oder Auto hineinhuschen.
Frage: Sag mal bitte, worauf wurdet ihr im Sicherheitstraining alles vorbereitet?
Antwort: Das Sicherheitstraining im Winter ist das Umfangreichste. Für jedes Thema gab es einen Tag. Im Lawinenkurs wurden wir eingewiesen, wie man Risiken erkennt, welche Bereiche durch eine Lawine erfasst werden können, welche Vorkehrungen sind zu treffen, dass ich nicht in eine Lawine gerate, wie finde und berge ich Personen, die verschüttet wurden. Es gab einen Kurs zu Sicherheit auf dem Gletscher, wie erkennt man Gletscherspalten und Schmelzwasserkanäle, bevor man auf den Gletscher geht. Wie muss man sich absichern, wie verhalte ich mich in Schmelzwasserkanälen. Dann gab es einen Kurs zum Meereseis. Wie verhalte ich mich auf dem Eis, ist es überhaupt tragfähig? Was mache ich mit meinem Snowscooter, wenn sich auf dem Eis durch zu hohe Schneelast Wasser staut und der Scooter sich festfährt. Was mache ich, wenn ich ins Wasser gefallen bin, wie komme ich da wieder heraus. Wir haben das tatsächlich auch trainiert: Also mit Sachen ins offene Wasser, durchatmen 2-3 Meter schwimmen und dann mit dem Eispickel ohne fremde Hilfe wieder auf das Eis zurück. Das alles in so einem Anzug, mit dem man auf dem Snowscooter fährt, mit eisigem Wasser vollgesogen. Für die Orientierung im Gelände wurden die möglichen Navigationsgeräte und Karten behandelt und welche Kontaktmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Alles Dinge, die bei der Planung und Vorbereitung von Exkursionen oder Wanderungen zu berücksichtigen sind. In Longyearbyen gibt es natürlich Telefonempfang und Internet. Außerhalb der Stadt läuft die Orientierung und Kommunikation nur über GPS und Satellit. Die Karten brauchst du, um eine Route zu planen, du musst für ungünstige Bedingungen oder Wetteränderungen Alternativen kennen, um die Tour anzupassen. Und es gab einen Kurs zu Eisbären – Polar Bear Safety. Dort ging es darum, wie verhalte ich mich, wenn ich auf einen Eisbären treffe, was kann ich tun, um das zu vermeiden und welche Reaktionsmöglichkeiten stehen mir zur Verfügung. Dazu gehörte auch das Schießtraining. Wir haben den Umgang mit der Waffe erlernt und geübt, wohin man zielen muss, wenn man denn muss. Dazu gab es auch echte praktische Übungen. Wir sind als Gruppe losgegangen, Wandern und Beobachten war die Aufgabe. Und in dem vorbezeichneten Gebiet waren Eisbären aus Plastik platziert, die dann unerwartet aufgeploppt sind. Von den Trainern wiederum wurde beobachtet, wie lange es gedauert hat, bis die Gruppe die Gefahr entdeckt und sich neu organisiert hat. Das alles bei Dunkelheit, ausgerüstet mit Stirnlampen. Es wurde auch geübt, wie man sich einem Ziel, einer Hütte beispielsweise annähert, dass man eben nicht direkt darauf zugeht, sondern mit Abstand das Ziel umgeht, dass hinter dem Ziel oder der gesamten Umgebung kein Eisbär hockt. Es ging auch darum, wie du im Gelände deine Route auswählst. Überall gibt es Hügel, Geländeabbrüche, Felsen, die die Sicht auf das Dahinter verdecken. Du musst einen Weg wählen, der sich einigermaßen gut laufen lässt und dir gleichzeitig eine gute Übersicht über das Gelände bietet. Wenn du die Übersicht nicht haben kannst über das Gelände, es ist dunkel und ein Sturm kommt auf mit Schneetreiben, dann brauchst du starke Stirnlampen und höchste Aufmerksamkeit. Das zu erwartende Wetter muss man vor jedem, Ausflug checken.
Frage: Was hattet ihr für eine Waffe?
Antwort: Den Typ weiß ich nicht. Wir haben gelernt mit der Waffe umzugehen, du musst das Sicherheitstraining bestehen, du musst zeigen, dass du auf der Zielscheibe triffst, dazu ein untadeliges Führungszeugnis vorlegen und dann bekommst du vom Gouverneur die Waffenerlaubnis, also den Schein, um eine Waffe zu leihen.
An der Universität ist das so geregelt, dass für jeden Kurs zwei Waffen zur Verfügung stehen. Die sind für die Feldarbeit. Für jede Waffe können fünf Personen eingetragen werden aus dem Kurs. Wenn eine Gruppe zur Feldarbeit geht oder fährt, muss immer eine Person dabei sein, die die Waffe bedienen kann und in dieser Funktion auch für die Wache verantwortlich ist. Wenn also eine Gruppe Messungen macht oder Proben nimmt, sind immer ein oder zwei Studis abgestellt, die das Gelände beobachten, je nachdem ob das Gelände übersichtlich ist oder eben nicht. Bei Wanderungen ist es die Aufgabe aller, das Gelände zu beobachten. Wir waren 19 Studis im Kurs und sind häufig gemeinsam losgezogen, manchmal haben wir uns dann auch in kleinere Gruppen aufgeteilt. Wir hatten den Vorteil, dass unsere Kursleiterin zwei zusätzliche Waffen organisiert hatte. Damit war es auch möglich die Waffen für Ausflüge in der Freizeit zu nutzen. Du hast das angemeldet und die Waffe mit in das Wohnheim genommen. Dort gab es einen Waffenschrank, da kam alles rein, die Waffe, der Verschluss und die Munition. Der Verschluss wurde dort Bolt genannt, also dieser Hebel, mit dem die Patrone aus dem Magazin in den Lauf transportiert und die leere Patrone ausgeworfen wird. Es kamen vier Patronen in das Magazin und mit dem Bolt wurden die Patronen in den Lauf vorgeschoben und die leere Hülse ausgeworfen. Ohne diesen Bolt oder Verschluss ist die Waffe nicht schussfähig.
Für Ausflüge in der Freizeit war es nötig, dass die Teilnehmer, die auf eine Waffe eingetragen waren, sich absprechen mussten.
Frage: Wie habt ihr die Freizeitausflüge organisiert?
Antwort: Es gab zur Vorbereitung eine ausführliche Besprechung, anhand der Karte wurde die Route geplant, für schwierige Abschnitte Alternativen gesucht, die Wettervorhersage einbezogen, also, ist der Sonnabend oder der Sonntag günstiger, sind zwei Teilnehmer mit Waffenberechtigung dabei, wer nimmt die Erste Hilfe Sets und haben alle eine Lawinenausrüstung? Am Anfang waren die Gruppen größer, weil noch nicht so viele Teilnehmer eine Waffenberechtigung hatten. Der Plan wurde gemeinsam besprochen, alle mussten gesundheitlich fit sein, und dann sind wir losgezogen. An der Spitze ging der Teilnehmer mit der Waffe, am Ende der mit der Signalpistole, die musste auch mit. Was die zweckmäßigste Bekleidung ist, mussten wir dort erst lernen. Ist man zu dick angezogen und es geht lange bergauf, ist man oben durchgeschwitzt und danach wird es richtig kalt. Wie viele Lagen zieht man also übereinander, was sind die besten Kombinationen, wie kann ich unterwegs auch Sachen wechseln. Und da ist noch der Lawinenpieper, den trägt man dicht am Körper, man möchte ihn aber nicht auf der nackten Haut haben. Der muss also irgendwie dazwischen. Und dann die Halstücher, man muss je nach Temperatur und Wind auch das Gesicht bedecken. So ein Halstuch ist dann zugeschnoddert oder vereist, das muss dann gewechselt werden. Wir hatten solche Schlauchhalstücher dabei, die zieht man bis zu den Augen oder unter die Brille. Wenn die Temperaturen unter minus 15 ºC fallen, tut es richtig an der Nase weh. Wenn man nichts vor dem Gesicht hat, bekommt man schnell mal eine Frostbeule an der Nase. Kälte ist sehr unangenehm an der Nase und wenn dann noch Sturm und Schnee dazu kommt, bist du froh, wenn du eine Skibrille dabei hast. Dann bist du komplett eingepackt. Dazu brauchst du die richtigen Handschuhe und Socken, die auch zum Wechseln.
Frage: Was gab es für Ziele für eure Wanderungen?
Antwort: Ganz unterschiedlich, wir sind auf Berge gestiegen, auf Gletscher oder sind zu Eishöhlen gewandert und haben die uns angesehen. Eishöhlen entstehen dort, wo ein Gletscher eine Schmelzwasserrinne hat. Longyearbyen liegt in einem Tal, das langsam ansteigt und sich zu einer Bergkette hin verzweigt in zwei Seitentäler. In diesen Seitentälern liegt jeweils ein Gletscher. Die Seitentäler steigen nicht so steil an und die Gletscher füllen die Täler aus, sind auch nicht steil und eben anfängerfreundlich. Wenn man auf dem Gletscher steht, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass es ein Gletscher ist. Es ist eine halbwegs ebene Fläche, alles ist dick mit Schnee überpudert, man sieht keine Spalten oder auch Felsen, die zu den Felsformationen gehören. Und in den Gletschern gibt es Schmelzwasserkanäle direkt auf der Talsohle, in denen Schmelzwasser im Sommer abfließt. Diese Kanäle sind wie ein natürliches Flussbett mäandrierend und verschlungen. Weil im Winter kein Schmelzwasser entsteht, kann man sie begehen. Über den Schmelzwasserkanälen sind im Laufe der Zeit Eishöhlen entstanden, die teilweise sehr hoch sind. Die Decke kann Eis aber auch angewehter Schnee sein. Von der Oberseite des Gletschers ist das nicht zu erkennen, ob man sich über einem Hohlraum befindet und wie tief der ist. Da möchte man nicht unbedingt reinfallen. Die Eingänge zu den Schmelzwasserkanälen sind bekannt und werden häufig auch von Touristen aufgesucht. Teilweise wurden dort schon Stufen im Eis angelegt, für die Bequemlichkeit. Die Eingänge sind nicht unbedingt am Fuß des Gletschers, häufig irgendwo in der Mitte. Man geht auf den Gletscher rauf und dort ist irgendwo der Einstieg in den Schmelzwasserkanal. Dort steigt man hinunter, manchmal sind Stufen angelegt oder auch ein Seil oder es geht allmählich abwärts. Also Stellen, an denen es günstig ist, in den Kanal einzusteigen. Auf der Sohle angekommen geht man durch die Höhlenformation, es gibt dort Verzweigungen und verschlungene Gänge im Eis. Alles ist aus Eis, es gibt Eiszapfen und viele andere schöne Gebilde. Die Höhlen sind häufig mehrere Meter hoch, manchmal muss man an einer engen Stelle auch kriechen.
Frage: War das nicht gefährlich?
Antwort: Man sollte sich auf jeden Fall einen Helm aufsetzen. Helm war bei uns Pflicht. Es ist vorgekommen, dass die Gruppe mehr Teilnehmer hatte, als Helme zur Verfügung standen. Dann ist erst der eine Teil in die Höhle gegangen, die anderen haben draußen gewartet. Danach wurde gewechselt. Die Gletscher sind beliebte Ausflugsziele für Touristen und auch für Einwohner. An den Wochenenden waren ganze Familien mit ihren kleinen Kindern in den Gletscherhöhlen unterwegs. In Berlin geht man zusammen in den Tierpark, in Longyearbyen geht man in die Gletscherhöhlen. Vor den Eingängen werden die Gewehre in den Schnee gesteckt, die nimmt man nicht mit hinein. Das ist schon ganz schön verrückt, wenn an einem Eingang einfach ein paar Gewehre im Schnee stecken. In der Höhle brauchst du nur den Helm und eine gute Stirnlampe.
Frage: Wie groß sind diese Gletscherhöhlen so von ihrer Ausdehnung?
Antwort: Man kann da schon ganz schön weit gehen, so mehrere hundert Meter. Irgendwo geht es nicht weiter, weil der Durchgang zu eng ist. Es kommt eben immer darauf an. an welcher Stelle man in den Gletscher einsteigt. Es gibt zahlreiche Eingänge, manche auch gefährlicher, da muss man sich abseilen. Du kannst auch irgendwo reingehen, wenn dich die Abenteuerlust packt, dann nur mit Seil, damit du wieder rauskommst. Wenn man keine Erfahrung hat, nimmt man die Eingänge, die alle nehmen, Familien, Touristen. So haben wir das auch gehalten. Touristen sind dort immer mit einem Guide unterwegs. Man kann die sicheren Eingänge nicht verfehlen, da führt eine gut sichtbare Spur hin. Die Gletscher in dem Tal von Longyearbyen sind zu Fuß in einer bis eineinhalb Stunden zu erreichen. Du nimmst alles mit, was du brauchst, Essen, Trinken, Helm, Lampe und Gewehr. In so einer Höhle kann man es sich auch gemütlich machen, da ist es wärmer, kein Wind, man kann da auch übernachten z.B. in einer Hängematte.
Frage: Was gab es noch für Ausflugsziele?
Antwort: Es gibt den Trollsteinen, ein Berg hinter dem Gletscher. Das ist ein beliebter Punkt, wenn die ersten Sonnenstrahlen zu erwarten sind, man sieht die Sonne dort eher als im Tal. Es gibt natürlich sehr viel mehr Gletscher als die beiden in dem Tal von Longyearbyen, man kann Ski fahren oder man setzt sich auf einen Snowscooter und fährt nach Barentsburg. Wir sind mit dem Snowscooter nach Tempelfjorden gefahren. Longyearbyen liegt in einem kleinen, winzigen Seitental, das von dem riesigen Tal Adventdalen abgeht. Fjorden ist ein Fjord, Dalen ein Tal und Adventdalen – abgeleitet von adventure – ist das Abenteuertal. Das ist riesig lang, breit und flach und geht weit nach hinten. Erst kommt der Fjord, im Anschluss das Tal und davon gehen wieder viele Seitenarme ab. Wenn man hinten in den einen Seitenarm abbiegt, kommt man nach Eskerdalen und dahinter, wenn man da rauskommt, schließt sich das nächste riesige Tal an, das heißt Sassendalen. Und wenn man in Sassendalen ganz nach vorne fährt, kommt man nach Tempelfjorden. In Tempelfjorden gibt es auch einen Gletscher, der mündet direkt in den Fjord rein. Da hast du vorne so eine spektakuläre Abbruchkante, wie man das von Naturdokus kennt. Das ist so eine riesige Gletscherwand, die ins Wasser reinbricht. Die konnte man sich aus der Ferne ansehen. Da geht man nicht hinein. Außerdem war der Fjord noch nicht zugefroren und deshalb konnte man nicht bis ran an den Gletscher sondern wir haben von oben vom Berg herunter geguckt.
Frage: Nach Tempelfjorden, gab es da einen Weg oder eine Straße?
Antwort: Nein, da sind nur die Spuren von Snowscootern, denen man folgen kann. Du kannst dort auch ohne Spuren unterwegs sein. In der Umgebung von Longyearbyen gibt es viele attraktive Ausflugsziele sowohl für die Einwohner als auch für Touristengruppen, die dort hingeführt werden. Das ist aber nur ein winziger Teil von Spitzbergen. Da sind riesige Bereiche, die nicht besiedelt und auch nicht erschlossen sind. Da in Tempelfjorden gab es mal eine kleine Siedlung, die hieß Fretheim, da ist aber nichts mehr, nur Wasser, Steilküste und Eissturmvögel. Das sind Vögel, die sehen aus wie Möwen, sind aber keine. Im Februar waren die Eissturmvögel schon da.
Frage: Die Teilnehmer in eurem Kurs, waren das alles Studierende und wo kamen die her?
Antwort: Viele kamen aus Deutschland, einige aus Norwegen den Niederlanden, Belgien, USA, Polen, Slowakei, Tschechien, Frankreich, Österreich und Schweiz. Alle waren Studis, alle sprachen Englisch.
Frage: Und die Unterbringung und die ganze Organisation?
Antwort: Es gab Zweibettzimmer, Gemeinschaftsküchen und einen großen study room. Dort wurden die Projektarbeiten gemacht. Die Gemeinschaftsküchen waren schon ein wichtiger Treffpunkt. Wir waren acht Leute in unserer Gemeinschaftsküche, sechs Deutsche, ein Slowake und ein Belgier. Jeden Sonnabend haben wir gemeinsam Abendbrot gemacht, alle haben Ideen eingebracht, dann wurde abgestimmt. Das erste Mal haben wir Pelmeni gemacht. Wir haben verschiedene Sachen reingefüllt, Spinat mit Sojahack oder Süßkartoffel und irgendwas anderem gefüllt. Unser slowakischer Mitbewohner hat dann die Falttechnik seiner Oma ausgepackt und dann wurde gemeinsam gefaltet, jeder einzelne. Wenn du acht Leute hast, die alle am Tisch sitzen und Teigtaschen falten, das ist schon putzig. Wir haben auch Lasagne gemacht, Burger, es gab selbst gebackene Brötchen, Brot haben wir gebacken, der Starter kam mit der Post. Eine aus unserer Gruppe hatte einen Weizenmehlstarter, den hat sie von ihrer Professorin bekommen. Wir hatten dann zwei Starter. Eingekauft haben wir in einer Coop-Kaufhalle, da gab es praktisch alles, Gemüse – nicht immer ganz frisch, Obst, Fisch, Fleisch, Süßigkeiten, naja, alles was man braucht. Die Kichererbsen waren immer schnell weg. Im Januar ist die Lieferung ausgefallen, das Schiff war in Reparatur. Die Regale wurden langsam leerer und es mussten dann auch die unbeliebten Sachen in den Korb. Lebensmittel gab es in Longyearbyen nur in dieser einen Kaufhalle. Es gab natürlich noch andere Läden, Souvenir Shops und ganz viele Outdoorshops, für die gesamte Ausrüstung. Wichtig waren beispielsweise Handschuhe, die gingen oft verloren. Ich habe mir auch eine Mütze gekauft und ein Buff und später noch ein Paar Handschuhe. Meine Mütze war nicht schlecht, nur wenn der Wind stärker wurde, ist er immer durch die Maschen durchgepfiffen. Dort gab es winddichte Mützen, alles Wolle, viel Wolle. Um die Handschuhe bin ich erst eine Weile herumgeschlichen, da gab es viel Auswahl.
Frage: Die Expeditionen früher sind in der Regel daran gescheitert, das die Ausrüstung mangelhaft war. Heute reist du mit kleinem Handgepäck und dickem Portemonnaie per Flugzeug an und kaufst großzügig ein, was du brauchst. Kann man trotzdem scheitern?
Antwort: Du kannst immer scheitern, wenn das Wetter schlecht ist, hast du Pech gehabt. Wir sind meistens ans Ziel gekommen, mussten aber auch mal umkehren. Das würde ich nicht als Scheitern bezeichnen.
Frage: Hattet ihr auch mal Nachtquartiere außerhalb der Stadt?
Antwort: Ja, es gibt Hütten außerhalb der Stadt. Du musst wissen, wo man sie bucht und meist geht das über eine Lotterie. Du wirfst deinen Namen in einen Lostopf und der Zufall entscheidet, ob du sie bekommst. Es sind viel weniger Hütten als Anfragen. Die Hütten sind sehr beliebt, auch bei den Einwohnern von Longyearbyen. Wir haben auch so einen Ausflug zu einer Hütte gemacht, es gibt die Student Cabin, das läuft auch über ein Losverfahren. Da kannst du dich bewerben für die Wochenenden und in der Woche kannst du einfach buchen. Der Kalender wird an einem bestimmten Tag 23.00 Uhr freigeschaltet und alle Studis sitzen an ihren Rechnern, hoffen, dass sie den gewünschten Termin erwischen.
Frage: Wie muss ich mir die Hütte vorstellen?
Antwort: Das ist eine kleine Hütte, ausgerüstet mit Küchenzeile, Schlafplätzen, Kamin, wenn es gut läuft, ist Holz da, Batterien, Lampen und ein Plumpsklo. Für die Cabin gibt es eine Studigruppe, die sich jedes Semester finden muss. Sie sorgt dafür, dass Holz in die Hütte gebracht wird, dass Batterien zur Verfügung stehen, dass alles in Ordnung ist, das Dach dicht ist, eben alles benutzt werden kann, wie das vorgesehen ist. Trinkwasser musst du mitbringen oder du schmilzt im Winter Schnee und ansonsten holst du Wasser aus einem Bach. Wenn du ankommst, ist die Hütte kalt, da können schon mal minus 10 ºC sein. Es ist in der Hütte immer etwas wärmer als draußen, weil da kein Wind ist. Du heizt den kleinen Kamin an, schon wird es warm. Die Cabin ist echt gut ausgerüstet, da sind Doppelstockbetten, Matratzen, Decken, Bettwäsche konnte man ausleihen, zwei große Couchen mit Rentierfellen, Couchtisch, große Kerzenständer mit Kerzen, Spiele, es mangelt an nichts, du kannst einfach alles benutzen. Die Küche hatte einen Gasherd. Das Essen haben wir mitgebracht, unser eigenes Holz auch, das Holz in der Hütte war knapp. Es lag zu wenig Schnee und deshalb konnte das Holz nicht mit dem Snowscooter gebracht werden. Deshalb musste jeder sein Holz mitbringen. Du konntest dir einen Schlitten ausleihen, eine Pulka. Das Holz gab es in der Kaufhalle, man konnte es auch an der Rezeption der Universität kaufen. In der Mensa hatten wir auch einen offenen Kamin.
Frage: Eine Wasserleitung zu der Hütte gab es sicher nicht?
Antwort: Nein es gab jede Menge Schnee. Den haben wir geschmolzen, dann drei Minuten abgekocht und das Trinkwasser war fertig. Der Topf, mit dem wir den Schnee gesammelt haben, war riesig. Der wurde auf den Holzofen oben drauf gestellt und da ist der Schnee langsam geschmolzen und es gab warmes Wasser. Ein Teil wurde dann auf dem Herd abgekocht, du musst ja nicht alles sterilisieren, wenn du abwäschst oder so ….
Frage: Ihr habt das Trinkwasser aber nicht gefiltert?
Antwort: Nein, hätte man machen können. Wenn du einen Filter hast, kannst du auch filtern.
Frage: In der Hütte habt ihr zwei Tage gewohnt?
Antwort: Ja, wir sind dort abends bei Sturm und wenig Sicht angekommen. Am nächsten Tag sind wir fünf Uhr aufgestanden, um in die Uni zu gehen. Wir hatten dort 8.00 Uhr einen Termin. Naja, erst mussten wir eineinhalb Stunden laufen und dann noch eine halbe Stunde mit dem Taxi fahren. Der Taxifahrer wusste an dem Morgen nicht genau, wie weit er aus der Stadt herausfahren, also uns entgegenkommen kann. Auf den Wegen gibt es jeden Tag neue Schneeverwehungen. Wenn du ein Taxi bestellst, fährt es so weit, wie es geht und du musst so lange laufen, bis du dein Taxi erreicht hast.
Wir sind also zurück gefahren, den Tag in die Uni gegangen und dann am Nachmittag zurück zur Hütte. Der Schneesturm hatte sich gelegt und es war auch noch nicht ganz dunkel. Das Objekt, das ich am ersten Abend bei der Annäherung an die Hütte für einen Eisbären gehalten hatte, stellte sich bei etwas Licht als Kabeltrommel heraus. Als wir uns am ersten Abend der Hütte angenähert haben wurde, nachdem wir das unklare Objekt gesichtet hatten, Eisbärenalarm ausgelöst. Wir haben also das Objekt lange mit Lampe durch das Fernglas beobachtet. Es bewegte sich nicht und wirkte nach eingehender Betrachtung wie ein Tisch oder eine Bank, die vollständig überfroren und verschneit war. Die Kabeltrommel lag auf der Seite, so dass sie als Tisch benutzt werden konnte. Wahrscheinlich stammte sie aus der Kohlezeit und gehört heute zum kulturellen Erbe, wird deswegen auch nicht zu Brennholz gemacht.
Frage: Die Hütte stammte auch aus der Kohlezeit?
Antwort: Nein die war relativ neu gebaut, hatte mit dem Kohleabbau nichts zu tun.
Frage: Ich will noch mal auf den Eisbärenalarm zurückkommen. Ist denn etwas darüber bekannt geworden, dass in der Umgebung der Hütte schon Eisbären gesichtet wurden?
Antwort: Ja, es gibt in der Hütte ein Foto, das aus dem Fenster heraus gemacht wurde, als ein Eisbär vor dem Fenster langgegangen ist. Ich glaube, da stand die Jahreszahl 2015 daneben. Die Hütte ist in Björndalen an der Küste. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass dort auch mal ein Eisbär langkommt. Es ist immer noch die Zone, in der Eisbären vergrault werden, wenn sie auftauchen.
Frage: Aber noch mal gefragt, in Longyearbyen gibt es keine Eisbären?
Antwort: In der Regel nicht, aber es kann vorkommen, dass mal ein Eisbär unentdeckt durch die Straßen spaziert. Wir haben keinen Eisbären gesehen und auch keine Spuren. Eisbärenspuren wurden erst nach unserer Abreise gesichtet. Da gibt es auch Fotos als Beweisstück. Es gibt sie also doch.
Frage: Gut, wir wollen dieses Thema mal verlassen. Sag mal bitte, an welcher Uni habt ihr euren Kurs absolviert?
Antwort: Das ist die Universität von Svalbard. Die heißt UNIS – University Centre of Svalbard. Die Universität ist eine Außenstelle von insgesamt vier norwegischen Universitäten, unser Kurs lief im Bereich arktische Biologie. Es gab auch andere Fachbereiche, arktische Geologie, Geophysik und arktische Technologie. An der Uni gibt es vor allem Forschung, auch in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten und eben auch Lehre. Es gibt dort Kurse für Bachelor- und Masterstudiengänge und für Doktoranden. Du bewirbst dich für Kurse, die mit deinem eigenen Studienfach kompatibel sind, das musst du bei der Bewerbung alles angeben. Wenn es gut läuft, wirst du für den ausgewählten Kurs angenommen. Wenn du den Kurs erfolgreich abgeschlossen hast, bekommst du die vorgegebenen Punkte – Credits – die du dir auf deinen eigenen Studiengang anrechnen lassen kannst. Ich habe für den Kurs 10 Credits bekommen und kann mir davon sieben angerechnen lassen. Naja.
Frage: Die Anrechnung von Credits finde ich nicht so relevant. Du hast in den zwei Monaten wesentlich mehr gelernt und geleistet, als mit Credits bewertet werden kann. Ich will das mal von einer anderen Seite aus betrachten: Es gab schon viele Menschen, das ist noch nicht so lange her, die auf Spitzbergen gescheitert sind. Häufig wegen der schwierigen natürlichen Bedingungen, die nicht zu überwinden waren und unzureichender Ausrüstung. Du hast einen kleinen Teil Spitzbergens unter vergleichsweise günstigen Voraussetzungen erschließen können, vor allem wurdest du gut vorbereitet aber die natürlichen Bedingungen waren keine anderen als vor 100 Jahren. Das finde ich schon beeindruckend.
Antwort: Das sehe ich auch so. Ich finde beeindruckend, was der Sicherheitskurs vor Beginn der fachlichen Arbeit an Erkenntnissen und Erfahrungen vermittelt hat. Du hast den Kurs abgeschlossen, verlässt das erste Mal die Stadt und du weißt, dass du dich in so viele Gefahren begibst, Lawinen, Gletscherspalten, Erfrierungen, all das kann real eintreten. Und du hast gelernt, damit umzugehen, wie du dich darauf vorbereitest, damit du nicht von einer Lawine verschüttet wirst, nicht in eine Gletscherspalte fällst oder erfrierst. Wenn es dieses Sicherheitstraining nicht gäbe, sollte man die Stadt besser nicht verlassen, weil man die Gefahren nicht kennt und nicht gelernt hat sicher mit diesen Gefahren umzugehen. Häufig ist es so, dass sich Menschen in Gefahr begeben, weil sie die Gefahren gar nicht kennen. Du bist erst bereit, wenn du die Gefahren kennst, ernst nimmst und weist, wie damit umzugehen ist. Nur daraus entsteht Sicherheit. Du willst auf den Berg hinauf steigen, musst die bestehenden Gefahren einschätzen und dann ist das in Ordnung. Oder du kommst zu dem Schluss, heute nicht, besser morgen. Früher dachte ich immer, Lawinen, ja keine Ahnung. Heute weiß ich, Schnee am Felshang mit bestimmter Neigung bedeutet Lawinengefahr. Und dann gibt es immer Bedingungen, die Lawinen fördern oder auch nicht. Grundsätzlich musst du das selbst einschätzen. Wir hatten aber immer die Möglichkeit, die Leute vom Safety Centre der Uni zu fragen, deren Einschätzung zu hören. Das haben wir auch gemacht. Wenn wir für das Wochenende einen größeren Trip geplant haben, dann sind wir zum Safety Centre gegangen, haben unseren Plan vorgelegt und gefragt, was sie davon halten. Die haben sich immer die Zeit genommen, mit uns hingesetzt und sind mit uns die Tour durchgegangen. Und sie haben die nötigen Hinweise gegeben: Hier passt auf, da ist eine Abbruchkante, besser dort lang gehen oder den Gletscher besser umgehen, nicht quer rüber. Es war einfach cool, diese Möglichkeit zu haben. Die Leute vom Safety Centre kennen das Gelände, haben das Wissen und geben das weiter, geben dir auch das Gefühl, dass du immer fragen kannst. An der Uni ist rund um die Uhr ein Telefon besetzt, da kann man jederzeit einen Menschen erreichen. Wenn du irgendwo im Gelände bis, nicht sicher bist, welche Route du nehmen sollst, das Wetter sich gerade ändert oder du unsicher bist, dann kannst du einfach anrufen und die on duty Person hilft dir weiter. Du musst ein Satellitentelefon dabei haben, du rufst diese Telefonnummer an, da wird jemand ans Telefon gehen und dir weiterhelfen: dreh mal lieber um oder was eben zu tun ist. Du hast dort eine Gemeinschaft, die aufeinander aufpasst, du bist Teil der Gemeinschaft. Du wirst ausgebildet, selbst Entscheidungen zu treffen und wenn du einen Rat brauchst bekommst du den immer. So kannst du das Richtige lernen. Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, zu zweit, also ohne Guide auf einen Gletscher zu steigen. Das war undenkbar.
Frage: Aber warst du dir sicher, dass ….?
Antwort: Ja, schon, sonst wäre ich da nicht raufgegangen. Wir haben die Route geplant, vorher die Leute vom Safety Centre gefragt und du kannst darauf vertrauen, dass sie dich absolut sachkundig beraten. Gletscher sind ein ganz spezielles Thema: Das Verhalten der Gletscher ist immer eine Frage von Massenbilanzen. Und so, wie sich Gletscher verhalten, ergeben sich daraus die Risiken für den, der sie begehen will. Es gibt Gletscher, die langsamer und welche, die schneller fließen und es gibt Zeiten, in denen sich die Fließgeschwindigkeit ändert. Gletscherspalten entstehen regelmäßig durch Druck. Der Druck oder Spannung entsteht dadurch, dass die Eismasse im Randbereich langsamer fließt als in der Mitte. Die Eismasse reißt und es entstehen Gletscherspalten. Gletscherspalten werden häufig von Schnee überweht, man sieht sie nicht. Und so gibt es Bedingungen, die das Entstehen von Gletscherspalten begünstigen oder eben nicht. Wenn der Gletscher gerade langsam fließt und du dich auf der Mitte bewegst, kannst du davon ausgehen, dass keine Spalten entstanden sind. Andererseits, wenn du dich auf einem Pfad bewegst, den andere vorher gegangen sind, gibt dir das nicht die Sicherheit, dass der Schnee dich trägt. Dafür ist die Beratung im Safety Centre wichtig, die Leute haben Erfahrung und können dir sagen, der Teil des Gletschers ist schwieriges Gelände, dort gehst du besser nicht lang und die Chance ist aber auch hoch, jemanden zu finden, der kürzlich erst dort war.
Mit dem Eis auf einem Fjord ist das ähnlich, wenn es die erforderliche Dicke erreicht hat, fahren die Leute mit ihren Snowscootern auf dem Eis. Als Folge von Strömungen gibt es Bereiche, die man unbedingt meiden sollte, weil das Eis dort nicht trägt. Diese riskanten Stellen musst du kennen, bevor du deine Route planst.
Frage: Ihr seid auch Snowscooter gefahren?
Antwort: Ja. Aber nur auf dem Land, die Fjorde waren ja noch nicht zugefroren. Wir haben für den Snowscooter eine ausführliche Einweisung bekommen. Man kann mit diesen Fahrzeugen auf ebenen Gelände bis zu 80 km/h fahren und kommt zügig voran.
Frage: Das verstehe ich. Lass uns bitte noch mal auf die Gletscher zurückkommen. Es ist doch so, dass unsere Landschaft sehr wesentlich durch die letzte Eiszeit geformt wurde und der Blick nach Spitzbergen aus unserer brandenburgischen Perspektive auch ein Blick in die Vergangenheit ist?
Antwort: Ja, die Landschaft, die wir hier haben, wurde von der letzten Eiszeit geprägt. Alle Hügel und Erhebungen, wenn es nicht gerade neuzeitliche Schuttberge sind, haben ihren Ursprung darin, dass der Gletscher darüber gefahren ist oder Material vor sich hergeschoben hat. Auf Spitzbergen gibt es noch sehr viele Gletscher. Die Landschaft ist so aufgebaut, dass es Berge und Täler gibt und in jedem Tal liegt der Rest eines Gletschers, der zur letzten Eiszeit wesentlich größer war, das gesamte Land überdeckt hat. Und von dem riesigen Eispanzer sind die Reste bis heute erhalten. Und so ein Tal mit Gletscher zeigt, wenn auch nur als kleiner Ausschnitt, wie es hier bei uns während der Eiszeit ausgesehen haben könnte. In Spitzbergen liegen die Gletscher in den Tälern, man kann sehen, wo fängt er an und wo hört er auf. Jedes Tal hat irgendwo ein Ende, wird von einem Bergsattel abgeschlossen und in dieser Mulde liegt der Gletscher, der überwiegend eine glatte Oberfläche bildet und zum Ende des Tals ansteigt, wie auch das Gelände unter dem Gletscher. Vor dem Gletscher kann man die aufgeschobene Moränenlandschaft sehen. Da ist alles mögliche an Material, was der Gletscher vor sich hergeschoben hat, über das er auch mal rübergefahren und wieder zurück geschrumpft ist, um sich im nächsten Winter wieder auszudehnen. Besonders spektakulär sind die Gletscher, die noch heute ein gesamtes Tal ausfüllen oder eine Formation aus mehreren Tälern bilden und dann in den Fjord stürzen. Dort entstehen diese spektakulären Abbruchkanten. Wenn man in einen Gletscher reingeht, kann man sehen, wie das Gletschereis von der Struktur aufgebaut ist, was auf dem Grund alles an Gestein mitgeschoben und abgelagert wurde. Man kann sich ganz gut vorstellen, wie Gletscher das Gestein schieben, abschleifen, weiterschieben und ablagern. Warum ist das so? Gletscher fließen, manche fließen schneller und manche langsamer. Die Fließgeschwindigkeit ist abhängig von der Massenbilanz, der Neigung des Untergrundes, Hindernissen und so weiter. Gletscher fließen in der Mitte schneller als an den Rändern, wo häufig mehr Reibung, beispielsweise durch Felsen, entsteht. Die unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten innerhalb des Gletschers führen zu Spannungen, was wiederum Risse, also das Entstehen von Gletscherspalten zur Folge hat, aber das hatten wir heute ja schon. Naja, so gibt es Gletscher, die zeitweise schnell fließen, weil eine große Masse in Bewegung versetzt wurde. Dort findet man häufig eine zerklüftete Oberfläche. Und dann gibt es auch Gletscher, die so aussehen, als würden sie nicht fließen. Wenn man sich dann die moränigen Hügel vor dem Gletscher ansieht und mit der Situation vor ein-zwei Jahren vergleicht, wird man Unterschiede feststellen, was zeigt, dass sich der Gletscher bewegt.
Frage: Und die Moräne besteht woraus?
Antwort: Die Moräne besteht aus allem Material, das der Gletscher abträgt und weiter trägt, und das ist die Mischung aus allen Korngrößen. Man sieht auf Spitzbergen genau, wie das funktioniert. Jeder Vorstoß eines Gletschers hat eine Moräne zur Folge, die dann durch einen weiteren Vorstoß wieder überformt und weiter bewegt wird. Und immer so weiter.
Frage: Und wenn man das auf unsere brandenburgische Landschaft überträgt, wie sind Hügel oder Seen entstanden?
Antwort: Nehmen wir Berlin oder Eberswalde, beide Städte liegen in einem Urstromtal. Über das Gebiet sind verschiedene Eiszeiten hinweggezogen, die einzelnen Eiszeiten hatten, das kommt dazu, verschiedene Phasen, also Untereiszeiten, unterschiedliche Ausdehnungen und Stadien. Zu jedem Gletschervorstoß gibt es eine Endmoräne, sichtbar als hügeliges Gelände. Die Endmoräne ist der Wall, den der Gletscher vor sich hergeschoben hat. Beispielsweise in Chorin, da gibt es eine Endmoräne. Die Grundmoräne ist das Gebiet, auf dem der Gletscher gelegen hat. Dort liegt alles, was der Gletscher auf seiner gesamten Länge mitgeschleppt hat. Das Bodensubstrat ist der Geschiebemergel, kalkhaltig ist, eine Mischung aus allen Korngrößen, größere Steine, Sand, Schluff, Ton, was man hier als Klassiker auf dem Feld hat. Und dann gibt es in der glazialen Serie den Sander, der Sand, den das Schmelzwasser mit sich bringt, transportiert und wieder ablagert. Und davor liegt das Urstromtal, wo das ganze Schmelzwasser aus den verschiedenen Schmelzwasserrinnen zusammenfließt, sich einen breiten Weg gebahnt hat als Abfluss. Die Entstehung der Seen im Zusammenhang mit der Eiszeit lässt sich grob zwei verschiedenen Typen zuordnen. Wir haben Seen die als lange, schmale Rinne entstanden sind, aus einem Schmelzwasserkanal hervorgegangen sind wie zum Beispiel der Werbellinsee aus der Weichseleiszeit. Dort hat das Schmelzwasser unter dem Gletscher den Untergrund stark ausgespült. Die Rinne wurde dann von dem liegengebliebenen Eis ausgefüllt. Das Eis hat die Seitenwände der Rinne stabilisiert und die Rinne auch vor Überschüttung bewahrt.
Eine andere typische Form der Entstehung von Seen lief so ab, dass im Prozess der ständigen Ausdehnung und des Zurückziehens der Gletscher – Oszillation – Teile des Gletschers abrissen, also keine Verbindung mehr zu dem intakten Gletscher hatten und als Toteis liegen blieben. In dieser Zeit wurden durch starke Winde große Mengen vorwiegend Sand angeweht bis zur Oberkante des Gletschereises. Das Gelände wurde also mit Sand aufgefüllt. Als die Temperaturen wieder stiegen, schmolz der Eisblock langsam ab und es blieb eine mit Wasser gefüllte Mulde – ein See zurück. Die Ufer der Seen und die Hügel im Uferbereich bestehen nur aus feinem Sand, da gibt es keine Hinkelsteine, ist so wie eine Düne. Auf Spitzbergen war alles eingeschneit und die Strukturen waren nicht so gut zu sehen, aber die Moränen vor den Gletschern waren gut zu erkennen. Nur eben wesentlich kleiner.
Frage: Jetzt mal noch ein ganz anderes Thema: Du hast dir ganz bestimmt das Museum in Longyearbyen angesehen, was gibt es zu berichten?
Antwort: Genau, ein sehr schönes Museum. Dort bekommt man beispielsweise sehr anschaulich einen Überblick über die Ereignisse seit Entdeckung der Inselgruppe durch Willem Barents 1596. Die Bezeichnung Spitzbergen geht auf Barents zurück. Die Inselgruppe, mehr als 400 Inseln heißt heute Svalbard – Kalte Küste, die Hauptinsel, auf der Longyearbyen liegt, heißt Spitzbergen. Nach der Entdeckung setzte auch gleich der Walfang ein, in den Fjorden gab es unzählige Wale, vor allem Grönlandwale. Der Walfang war sehr erfolgreich, die Wale mussten nicht im offenen Meer gejagt werden, man konnte in den Fjorden mit kleinen Booten die Wale jagen. Es dauerte keine hundert Jahre, bis die Population so klein war, dass der Walfang in den Fjorden nicht mehr lohnte. Die Walfänger mussten wieder auf die offenen Meere zurück. Im Museum gibt es eine kleine Box, die kann man öffnen und mal reinschnuppern, wie es damals in den Walfangstationen gerochen haben muss – sehr tranig und rauchig. Es war wohl eine ziemlich grausame Periode.
Später setzte die Pelztierjagd ein. Es wurden Polarfüchse, Eisbären, Robben und auch Rentiere gejagt. Die ersten Jäger, die auch im Polarwinter auf den Inseln blieben, waren Pomoren, Angehörige eines kleinen ostslavischen Volkes, das an den Küsten des Weißen Meeres lebte. Dann kamen immer mehr Jäger auf die Inseln. Die Pelztierjagd verlief so ähnlich wie der Walfang, endete, als es sich nicht mehr lohnte.
Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Kohleabbau, man hatte reiche Steinkohlevorkommen entdeckt, die bis an die Erdoberfläche reichten. John Longyear, ein us-amerikanischer Unternehmer eröffnete die erste Kohlemine in Longyearcity, dem heutigen Longyearbyen. Der Kohlerausch dauerte wiederum einhundert Jahre, bis es sich nicht mehr lohnte. Heute ist der Tourismus das Hauptgeschäft.
Frage: In dem Museum geht es eher um die Geschichte der Besiedlung und Ausbeutung oder erfährt man auch etwas über die Natur?
Antwort: Du bekommst ein Komplettpacket, was Svalbard ausmacht, die Menschen, ihre Geschichte, die Entwicklung seit der Entdeckung, die Landschaft und natürlich die Tierwelt. Man kann sehr viele ausgestopfte Tiere sehen, es gibt einen Felsen, auf dem die Vogelarten zu sehen sind, also präparierte Vögel, du kannst einen Eisbären sehen, die verschiedenen Robbenarten. Es sind viele Fossilien ausgestellt, beispielsweise Skelette von Sauriern, die von Svalbard stammen. Kinder können selbst nach Fossilien in einem Haufen von Steinschutt buddeln, bis sie Knochen finden. Die kann man natürlich nicht mitnehmen. Es gibt auch einen nachgestellten Kohleschacht, wo man einmal durchkriechen kann. Dort lieg eine Figur mit dem Bohrer und du kannst, wenn du da reinkriechst sehen, wie eng es in einer Kohlegrube zuging, wie schwer die Arbeit gewesen sein muss.
Frage: Gibt es denn eine Botschaft, die das Museum dem Besucher vermittelt?
Antwort: Ja, schon, es ist mehr eine Fragestellung, die der Besucher mitnehmen soll. Was bringt die Zukunft. Du siehst die Vergangenheit, die Geschichte, also die ganze Entwicklung und die Frage ist eben, was bringt die Zukunft für die Menschen, die auf Svalbard leben und was bringt die Zukunft für das Klima, was bringt die Zukunft für die Natur und den ganzen Planeten Erde und was bringt die Zukunft für dich. Und den Blick auf Svalbard gerichtet wirst du mit der Frage entlassen: Sollten Menschen weiterhin auf Spitzbergen leben und Einfluss nehmen oder ist es vielleicht auch in Ordnung, dass Menschen dort überhaupt nicht hingehören und das gesamte Inselreich komplett der Natur überlassen werden sollte?
Frage: Sehr schön, könnte das nicht auch ein guter Abschluss sein?
Antwort: Ja.