Heute Morgen, nachdem es hell geworden war, lief ich zum Briefkasten, um die Zeitungen zu holen. Draußen ging ein stürmischer Wind, ein feiner, dichter Regen erfüllte die Luft, es war sehr ungemütlich. Mit den Zeitungen in der Hand zog ich den Abtreter, den der Wind weggeschoben hatte, wieder an seine Position vor die Tür zurück. Dabei kam unter dem Abtreter ein Umschlag zum Vorschein. Ich zog ihn ganz hervor, drehte ihn hin und her, aber weder eine Anschrift noch ein Absender waren darauf. „Was soll bitte das“, dachte ich, „wozu ist der Briefkasten da. Und kein Absender, komisch“.
Ich sah mich um nach allen Seiten, vielleicht war der Bote noch in der Nähe. Weder Mensch, noch Hund oder Katze waren auf der Straße zu sehen bei so scheußlichem Wetter. Trotzdem entstand bei mir der Eindruck, ich werde beobachtet. Hinter irgendeinem Fenster sieht mir Jemand zu, beobachtet, ob ich den Umschlag finde und aufhebe. Das würde einen Sinn ergeben, aber warum hat sie oder er den Umschlag nicht besser in den Briefkasten geworfen? Zumal bei diesem Wetter?
Ich sah mich nochmals um, aber ich konnte nichts entdecken, was als Erklärung dienen könnte.
Nur auf dem Giebel gegenüber, dort wo in letzter Zeit häufig ein Baumfalke die Umgebung beobachtet hatte, hockte heute ein Kolkrabe. Nichts Besonderes. Er sah zu mir herunter, sein Schnabel wippte mehrmals auf und ab, als würde er mir zunicken. Dann breitete er seine Flügel aus und schwebte ohne Hast davon.
Drinnen im Trockenen nahm ich mir den Umschlag vor. Es war so ein hellgrauer Umschlag von früher, offen. Ich zog ein gefaltetes Blatt Papier heraus. Das Blatt war einfach nur leer auf beiden Seiten. Mit dem Blatt Papier in der Hand kam ich nach längeren Überlegungen zu dem Schluss, hier hat jemand einen Spaß gemacht, ich werde mich jedoch nicht darüber ärgern.
In die noch nicht ganz abgeschlossenen Überlegungen hinein klingelte das Telefon. Nach mehreren „Hallo“ legte ich ärgerlich auf, weil sich am anderen Ende der Leitung niemand meldete. „Alles klar“, dachte ich, „das passt gut zusammen, vergiss es einfach. Ab in die Tonne mit dem Brief, der gar keiner ist.“
Ich nahm das Blatt Papier vom Tisch, warf einen letzten Blick darauf und erstarrte. Das Blatt, das bis eben noch leer war – zumindest hatte ich das angenommen, war eng beschrieben. Wo ist die Brille? Mit zitternden Händen setzte ich sie auf und las:
„Lieber Paul,
ja, ich weiß, ich hatte Dir versprochen, mit meiner Antwort nicht so lange zu warten.“
„Hm, ein Brief an Paul, nicht an mich. Gut, ich werde den Brief zurück in den Umschlag legen und Paul geben … Doch halt, wer ist der Absender. Und überhaupt, wieso war das Blatt vorhin leer und jetzt ist es ein Brief? Und was sollte der Brief unter dem Abtreter? Der war auch völlig trocken, trotz des Regens. Und wieso saß gerade heute der Rabe da oben auf dem Giebel?
Schweißperlen traten auf meine Stirn. Gleichzeitig zog eine unbekannte Kraft meinen Körper nach hinten. Das war zu viel auf einmal.
Ich erwischte mit dem Pops gerade noch die Sitzfläche eines Küchenstuhls. Dann wischte ich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.
„Jetzt ganz langsam, eins nach dem anderen. Als erstes ein Handyfoto von dem Brief, wer weiß, wie lange der Text auf dem Papier bleibt. Dann den Brief wieder eintüten und Paul anrufen.“ Ich trenne mein Handy vom Ladekabel, will es einschalten, aber es lässt sich nicht entsperren. Mir fällt auf, ich habe eiskalte, feuchte Finger. Das kenne ich, immer dann geht die Touch-ID nicht. Wie war nur das blöde Passwort? Irgendwann bekomme ich das Telefon eingeschaltet. Auf dem Bildschirm wird der Brief sichtbar und ich löse aus. Dann sehe ich mir das Foto auf dem Telefon an. Der Text ist gut zu lesen; nur, je länger ich hinsehe, umso blasser wird er. Irgend so ein neuer Effekt, denke ich noch. Dann wird mit schärfer werdenden Konturen das Gesicht einer Frau erkennbar. Die Frau kenne ich, zumindest kommt es mir so vor. Claudia, sie singt im Chor, ist die Mutter von Jessica. Oder ist es doch nicht Claudia, sieht ihr nur sehr ähnlich? Aber wie kommt diese Frau in mein Telefon?
Sie lächelt, sieht mich an. Dann bewegt sie die Lippen ein wenig und beginnt zu sprechen:
„Lieber Paul,
ja, ich weiß, ich hatte dir versprochen, mit meiner Antwort nicht so lange zu warten.“
„Nein“, rufe ich laut, das ist ein Missverständnis, ich bin nicht Paul.“
Die Frau runzelt die Stirn etwas und unterbricht mich: „Ich spreche gerade zu Paul, Sie können da meinetwegen zuhören, aber lassen Sie mich einfach sprechen.“ Mir stand der Mund offen, wagte nicht, noch etwas einzuwenden. Also doch nicht Claudia, aber absolut ähnlich, die Augen, der Mund. Nur das Haar, wirkt sehr natürlich, ist schon ganz schön grau. Claudia färbt sich ihre Haare , Kastanie, trägt sie auch viel kürzer.
Die Frau lächelt wieder und spricht weiter:
„Ich wollte dir erzählen, was hier in der letzten Zeit so los war. Eigentlich nichts Besonderes.
Neulich hat sich Timm mal wieder gemeldet, der von der JG. Die Woche wäre wieder Scooter-Dance in Ahrensfelde, er würde mit Katharina hingehen, sie war auch bei der JG und sie sind heute immer noch zusammen. Wir könnten ein wenig schnattern und Spaß haben. Ich war noch nie zum Scooter-Dance. Was soll ich da alleine.
Naja, ich habe zugesagt und bin gestern mit hingefahren. Da sind bestimmt 300 Leute zusammengekommen, wegen der großen Beteiligung und des guten Wetters fand die Party auf dem Rathausplatz statt. Wenn ich mir das so recht überlege, es ist Mitte Februar und die Lebensabendgenießenden kurzärmelig und mit kurzen Hosen, völlig schräg. Die meisten waren auf ihren Scootern angereist, deswegen heißt die Veranstaltung wohl auch Scooter-Dance. Früher hieß das Seniorennachmittag oder so ähnlich. Hat mich wirklich nicht interessiert.
Du wirst es nicht glauben, aber ich habe Timm und Katharina nicht wiedererkannt. Hatte sie auch viele Jahre nicht gesehen. Gott sei Dank hat Timm mich gefunden. Wir saßen dann an einer der langen Tafeln und haben schön erzählt. Natürlich ging es am meisten um die ganz alten Geschichten.
Schön wäre es gewesen, du hättest mit dabei sein können. Ich weiß, ich hätte dir das vorher schreiben müssen, tut mir leid.
Timm hat erzählt, wie ihr als Kinder auf dem Feuerwehrteich Schlittschuhe gelaufen seid. Die Feuerwehr hatte einen Grill aufgestellt, es gab Bratwurst und für die Erwachsenen Glühwein, Musik gab es auch und es war schweinekalt. Nach dem Eishockeyspiel der Feuerwehrleute sind wir mit unseren Schlittschuhen über das Eis geschossen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich damals auch dabei war, nur kannten wir uns noch nicht. Ich denke, es war im Februar 2011 und es war auch das letzte Mal, dass wir auf dem Feuerwehrteich Schlittschuh gelaufen sind. Mir war das damals überhaupt nicht klar, dass es das letzte Mal war, es überhaupt ein letztes Mal geben könnte.
Bis heute hat sich da eine Menge verändert. Der Feuerwehrteich ist schon vielen Jahren ausgetrocknet, dann sind die Pappeln eine nach der anderen eingeknickt und heute steht auf der Stelle ein Mobility-Hub mit Landeplatz für Lastendrohnen. Nicht schön.
Bei den alten Geschichten wurde mir immer schwerer ums Herz, irgendwann musste ich aufstehen und gehen. Ich möchte da auch nicht wieder hin. Am liebsten würde ich auswandern, irgendwohin, wo es so ist, wie früher.“
Der Frau rannen Tränen über die Wangen. Mir war auch nach Heulen.
Nach und nach verschwamm das Bild, ich hörte sie noch leise sagen: „Paul, lass uns mal reden, ich würde gern zu dir kommen in deinen hohen Norden. Ich umarme dich. Jessi“
„Batterie fast leer“ konnte ich gerade noch erkennen, dann war der Bildschirm schwarz.
Lange saß ich in der Küche, das Telefon noch immer in der Hand. Auf dem Tisch lagen der graue Umschlag, das leere Blatt und die Zeitungen vom 12. Februar.
„Strom“, dachte ich, „das Foto von dem Brief“. Als mein Telefon wieder atmete, suchte ich nach dem Foto, es gab kein Foto von heute. Was soll ich Paul sagen?
Ich versank wieder in Gedanken. Nach und nach wurde einiges klarer, Jessica hat an Paul geschrieben. Das ist doch logisch. Dann war sie auch die Frau in meinem Telefon? Wobei, ich kenne doch Jessica, sie hat im letzten Jahr oft mit Paul an diesem Küchentisch gesessen, waren fast noch Kinder. Gar nichts ist klar.
So verging die Zeit und der Abend zog herauf.
Es war Mitte Februar, nicht richtig kalt und noch nicht warm.
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