Die Dämmerung hatte aus der kurzen Nacht einen kühlen, klaren Morgen gezaubert. Spatzen tobten in den Dachrinnen, Rotschwänze versorgten bereits die hungrigen Kinder und der Kuckuck war wie jeden Morgen aus der Ferne zu hören.
Bevor die ersten Bewohner der Straße aus ihren Häusern traten, flog noch ein Rabe herbei und hockte sich auf den Giebel eines der kleinen Häuser. Er konnte von dort sowohl die Straßenseite als auch die Gärten hinter den Häusern überblicken. Man sah dem Giebelstein an, dass dieser Platz bei kleineren und auch großen Vögeln sehr beliebt war.
Den ganzen April hindurch hatte hier hoch oben ein Amselmann jeden Abend bis zum Dunkelwerden seine wunderschönen Liebeslieder gesungen. Anfang Mai musste der Amselmann den Platz jedoch dem Graureiher überlassen. Dieser war, wie sich herausstellte, ein Liebhaber der Chorkonzerte vom Froschteich hinter dem Haus. Der Reiher stand fortan bis lange nach der Dämmerung auf dem Giebelstein und lauschte andächtig den eher eintönigen Gesängen der Frösche. Musik ist ja bekanntlich Geschmackssache, auch für den Graureiher. Wenn die Bewohner der Straße ins Bett gegangen waren, schwebte der Reiher langsam zum Froschteich hinunter, stand eine Weile scheinbar unschlüssig im seichten Wasser und nach einer Weile verbeugte er sich tief, rührte mit dem Schnabel im Teich herum und flog danach gemächlich zu seinem Schlafplatz davon. Ende Mai, als kein Frosch mehr zu hören war, kam der Reiher nicht mehr.
An besagtem Junimorgen hatte sich der Rabe auf dem begehrten Plätzchen früh eingefunden. Heute, das fühlte er schon seit Tagen, sollte in dieser kleinen Straße ein Ereignis mit Folgen stattfinden. Wie immer am Morgen geschah erst einmal nichts Außergewöhnliches. Die Bewohner fuhren in ihren Autos zur Arbeit, Kinder fuhren auf Fahrrädern zur Schule und Hundebesitzer führten ihre Lieblinge Gassi. Der Mann aus dem letzten Haus zog wie jeden Morgen seinen Fahrradanhänger unter der Vortreppe hervor, hängte ihn an sein Fahrrad an und belud ihn mit Gießkannen. Dann fuhr auch er los, um mehrere, im Frühjahr gepflanzte Bäume zu gießen. Danach musste noch, das hatte der Rabe beobachtet, ein Gießsack an einer Linde der Hauptstraße nachgefüllt werden. Die Kannen wurden neu gefüllt. Richtung Gießsack ging es zu Fuß. Der Mann zog den Anhänger auf der Fahrbahn der Hauptstraße entlang. Nicht ohne Häme beobachtete der Rabe, wie sich hinter dem Fahrradanhänger ein kleiner Fahrzeugstau bildete, heute traute sich keiner, in der Kurve zu überholen. Und wie sonst auch jagten die Autos, nachdem der Mann seinen Anhänger von der Straße gezogen hatte, mit langem Hupen vorbei.
Als letztes musste nun das kleine Blumenbeet zwischen Straße und Gehweg vor dem Nachbarhaus gegossen werden. Und nun nahm das schon lange Erwartete seinen Lauf. Zwei Punkte des Universums liefen auf vorgezeichneten Linien auf deren Schnittpunkt zu, um dort beim Zusammentreffen beachtliche Veränderungen auszulösen. Und genau neben diesem Schnittpunkt hatte zwischenzeitlich der Rabe auf der Straßenlaterne Platz genommen, um aus der Nähe alles noch besser beobachten zu können.
Der Mann lief also mit seinem Wägelchen die Straße zurück und zur gleichen Zeit hielt ein großes silbernes Auto genau neben dem kleinen Blumenbeet vor dem Nachbarhaus. Weil das Auto auch quer auf dem Gehweg stand, wechselte der Mann auf die Straße, schob den Fahrradanhänger unter die Vortreppe und füllte dann eine Kanne am Regenwassertank. Auf dem Weg zum kleinen Blumenbeet traf der Mann mit der Gießkanne in der Hand auf die Nachbarin, die gerade hinter dem silbernen Auto hervortrat.
Der Rabe hüpfte mit beiden Füßen auf dem Dach der Straßenlaterne. Der Blechdeckel schepperte. Nicht krahkrah, los, jetzt!“
„Guten Morgen“ hörte der Mann sich mit einer ihm fremd klingenden Stimme sagen. „Darf ich Sie einen kleinen Moment aufhalten?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, sprach die Stimme weiter: „Ich wollte Sie schon ganz lange mal was fragen.“ Das war genau der Schnittpunkt. Und der Rabe wurde noch aufgeregter. “Hier vor Ihrem Haus ist doch dieses kleine Blumenbeet.“ Er wies mit der Hand in die Richtung des kleinen Blumenbeetes. „Ihre Nachbarin gegenüber und auch meine Frau und ich, wir pflegen dieses kleine Blumenbeet schon seit mehreren Jahren. Wir ziehen das Unkraut heraus, haben Blumen gepflanzt, Blumen gesät, Mittagsblumen, Akelei, Sonnenhut, und wir gießen die Blumen und den kleinen Baum jeden Tag. Und nun meine Frage: Können Sie sich vorstellen, wie soll ich das sagen, ist es für Sie vorstellbar, dass Sie mit Ihrem Auto nicht mehr durch das kleine Blumenbeet fahren? Sie und auch Ihre Besucher fahren täglich völlig ungerührt durch dieses kleine Blumenbeet.“
Jetzt war es endlich ausgesprochen.
Während die Nachbarin vor Überraschung kein Wort hervorbrachte, tauchte ihre Tochter vor dem silbernen Auto auf und sagte an ihre Mutter gewandt: „Du hast es hier ja nicht leicht mit dem Einparken, alles ist sehr eng, und wenn das andere Auto auch unter dem Carport steht, wird es noch schwieriger.“
„Ja, ja, da hast du recht, und dann ist dein Auto ja noch größer, noch breiter als meins. Hier ist einfach kein Platz zum Wenden.“
„Stimmt, wenn ich hier wenden will, geht das nicht ohne …“ Die Tochter sprach den Satz nicht zu Ende.
„Dann wenden Sie doch wie alle anderen am Ende der Straße, da ist so viel Platz, dass selbst das Müllauto umdrehen kann!“ Der Mann klang bereits etwas ärgerlich.
„Na, wenn Ihnen das wichtig ist“, gab die Tochter nun auch etwas gereizt zurück, “ dann wende ich eben in Zukunft immer da hinten.“
„Mir ist das überhaupt nicht wichtig, dass Sie da hinten wenden. Mir ist nur wichtig, dass Sie mit Ihrem Auto nicht mehr durch das kleine Blumenbeet fahren. Mir tut das weh, wenn sie da täglich durchfahren.“
„Ja, ich werde künftig da hinten wenden, weil Ihnen das Blumenbeet wichtig ist.“ Die Tochter wirkte genervt.
Die Nachbarin hatte dem Wortwechsel nachdenklich zugehört. Weit nach vorn gebeugt und mit schwerem Schritt ging sie zu dem Mann, der noch immer die Gießkanne in der Hand hielt, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise:“ Ich weiß, was Sie meinen. Sie lieben die Blumen. Wir werden uns bemühen …“
„Ich danke Ihnen.“
Die beiden Frauen fuhren mit dem großen silbernen Auto davon, der Mann goss das kleine Blumenbeet und der Rabe hüpfte mit lautem Gepolter auf dem Dach der Straßenlaterne. Jetzt erst bemerkte der Mann den Raben, sah zu ihm hinauf und für einen kurzen Moment schien es ihm, dieser habe ihm zugenickt.
Eigentlich war alles gut und der Mann ging daran, die weiteren Tagesaufgaben zu erledigen. Der Rabe hätte das ebenso tun können, blieb jedoch auf der Straßenlaterne hocken und darüber wunderte sich der Mann. Fehlte noch etwas?
Zwei Stunden später klingelte es an der Eingangstür. Wer sollte das sein?
Der Mann sah als Erstes aus dem Fenster zu der Straßenlaterne hin, dort hockte noch immer der Rabe.
Der Mann öffnete die Eingangstür. Auf der Treppe stand die Tochter von nebenan, oder besser, hing am Geländer. Sie schluchzte laut, Tränen liefen über ihr Gesicht und es dauerte einige Momente, bis sie etwas hervorbringen konnte. „Ich habe mir soeben das ganze Auto kaputt gemacht, alles nur wegen Ihnen“
Der Mann verstand nicht und murmelte: “Das tut mir leid.“
Das Häuflein Unglück richtete sich ein wenig auf. „Weil Mutti nicht da ist, wollte ich in das Carport reinfahren. Ich soll das immer so machen, wenn Mutti nicht da ist. Und ich bin so einen großen Bogen um das Blumenbeet gefahren“. Sie zeigte mit einer Armbewegung den großen Bogen. „Und dabei habe ich mir an dem Balken das ganze Auto auf der Seite geschrammt. Das ganze Auto ist kaputt“ Alles wegen Ihnen.“
„Das wollte ich nicht, es tut mir leid. Ich verstehe mich auf diese Dinge nicht, ich fahre selbst nicht Auto, immer nur Fahrrad.“
Der Rabe mischte sich vom Dach der Straßenlaterne in das Geschehen ein: “Krah-krah muss sein“ hörte der Mann ihn krächzen. Er sah empört zu ihm hinauf. Auf der Straßenlaterne wurde es ruhig und die Tochter schluchzte heftig auf: „Das ganze Auto ist kaputt, alles wegen Ihnen.“
„Wenn die Sache so steht, dann fahren sie doch weiter durch das kleine Blumenbeet, die Natur wird auch das überstehen.“
Der Rabe drehte angewidert den Kopf zur Seite und die Tochter der Nachbarin schleppte sich schluchzend ohne weitere Worte die Treppe hinunter.
Seit einer Woche waren im kleinen Blumenbeet keine Reifenspuren zu sehen und die Mittagsblumen reckten die Blüten der Sonne entgegen. Der Rabe ließ sich übrigens auch jeden Tag kurz blicken.