Das Läuten der Dorfkirche verkündete die Mittagszeit. Die Sonne schien verhalten und mild, weil der Himmel mit einem zarten, milchigen Schleier überzogen war. Es wirkte so, als ob der ganze Himmel leuchtete und dieses Leuchten alle Schatten weggewischt hatte. Im Radio war am Morgen die Rede von Saharastaub gewesen.
Die ersten Hummeln waren zu hören, machten sich an den Krokussen zu schaffen und wechselten zu den Blüten des Aprikosenbaumes. Die Blüten hatten in den letzten Nächten mächtig unter den Nachtfrösten gelitten, nur die Verspäteten entfalteten sich voll und lockten die Hummeln an.
Zu dieser Mittagsstunde musste die Post kommen, der Mann, der am Fenster stand und auf die Straße hinaussah, wartete schon seit einer Weile ungeduldig darauf, dass endlich das bestellte Buch geliefert werden würde.
Dann war es so weit, der Postbote hielt an und warf den gelben Umschlag in den Briefkasten ein.
Kay zögerte noch. Während der Zeit des Wartens hatte er immer wieder daran zurückdenken müssen, wie er vor Tagen auf der kleinen Brücke, die über ein winziges Fließ führt, gestanden und die Veränderungen an dem kleinen Weiher zwischen Erlen und Weiden beobachtet hatte. Das Fließ, und hierin lagen die sichtbaren Veränderungen, schlängelte sich durch die von kleinen Landzungen und Bodenwellen durchbrochene Wasserfläche des Weihers hindurch und verschwand munter glucksend und ohne jedes Hindernis unter der Brücke. Noch vor wenigen Tagen war hier eine geschlossene Wasserfläche zu sehen gewesen. Das Fließ hatte sich an einem Damm aus Ästen, Blättern und Allerlei vor der Brücke gestaut.
Dann war auf der Brücke noch ein Mädchen mit seiner Mutter stehen geblieben und sie sahen lange schweigend zu dem Weiher hinüber. Das Mädchen begann leise zu schluchzen. Die Mutter legte ihren Arm um die Schultern des Mädchens, zog es zu sich heran und versuchte es zu trösten. Alles half nichts, der Kummer war scheinbar zu groß.
Kay hatte lange mit den Händen auf das rostige Brückengeländer gestützt dagestanden und ahnte noch nicht, worin der Kummer des Mädchens bestand. Eigentlich hatte er etwas Tröstendes sagen wollen, ihm fielen jedoch keine passenden Worte ein und außerdem – was hätte er schon sagen können?
Von den Menschen auf der kleinen Brücke unbemerkt, überflog der Rabe auf dem Weg zu seinem Nachtquartier den Weiher und beschloss, dort in der Nähe der Brüche noch ein wenig zu verweilen. Der Rabe kannte Blanca. In den letzten Tagen hatte er, wenn die Dämmerung einsetzte, gerne in dem nahegelegenen Garten auf einem schon recht großen Apfelbaum gehockt und der Gute- Nacht-Geschichte zugehört, welche die Mutter ihrer Tochter im Kinderzimmer vorlas. Er konnte, bevor die Vorhänge zugezogen wurden, sehen, wie sich die Mutter jeden Abend zu Blanca auf das Bett setzte und das Buch aufschlug. Blanca hatte schon die Bettdecke bis an ihr Kinn hochgezogen und wartete ungeduldig. Der Rabe konnte den Titel des Buches sehen, es war jeden Abend dasselbe Buch und dieselbe Geschichte, die die Mutter vorlas. Nach der Geschichte löschte die Mutter das Licht im Zimmer, zog die Vorhänge zu und der Rabe flog zufrieden davon.
Gestern hatte sich jedoch alles geändert.
Der Ärger begann am Morgen. Ein Trupp Arbeiter in grünen Hosen und Warnwesten war mit einem Transporter bis zu der kleinen Brücke gefahren, hatte einen Bagger abgeladen und begann, den Wall aus Ästen vor dem Brückendurchfluss abzutragen. „Und alles aufladen, dass mir nichts liegenbleibt, sonst baut der Bursche gleich wieder einen neuen Damm“, ordnete der Brigadier an.
„Ja, ja, dem Biber werden wir das Handwerk legen, ein für alle mal. Der wird sich wundern.“
„Genau, “ fügte ein weiterer Arbeiter hinzu, “der wird uns hier nicht mehr ärgern.“
Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Das gesamte Baumaterial des Biberdammes wurde aufgeladen, dann legte der Bagger mit seiner Schaufel den Durchfluss unter der Brücke vollständig frei und auch dieser Schlamm wurde aufgeladen. Als das Wasser unter der Brücke hindurchschoss, standen die Männer oben auf der Brücke, rauchten, schnippten die Zigarettenstummel ins Wasser und sahen zufrieden zu, wie die Wasserfläche des Weihers kleiner wurde. Einige der Arbeiter zogen hohe Gummistiefel an und begannen, die Stämme der Erlen vor der Brücke mit Maschendraht zu umwickeln.
„Da wird der Biber einen guten Zahnarzt brauchen, wenn er das durchknipst!“ Es kam Gelächter auf.
Der Brigadier betrachtete das Tageswerk anerkennend und ordnete die Räumung der Baustelle an.
Der Rabe hatte das Treiben vor der kleinen Brücke mit wachsender Besorgnis beobachtet und war auch nicht weggeflogen, nachdem die Arbeiter abgerückt waren. Ihm war klar, dass der Biber den Damm nicht ohne Grund aufgerichtet hatte. Jetzt, nachdem der Wasserspiegel des Weihers um mehr als einen halben Meter gesunken war, würde das für den Biber Folgen haben. In diese Überlegungen verstrickt, empfand der Rabe zunehmend das Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung aufsteigen. Und er versuchte immer wieder, sich vorzustellen, wie der Biber mit diesen Veränderungen fertig werden würde. Gab es überhaupt eine Lösung?
Aus Richtung der Kirche erklang bereits das Abendgeläut und dem Raben kam es so vor, als hörte er aus dem hinteren Teil des Weihers aufgeregte Stimmen. Er wechselte seine Position, flog an das andere Ende des Weihers und als die Glocken verstummten, konnte er jedes einzelne Wort verstehen.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, wir hätten nicht hierher in die Nähe der Menschen ziehen sollen. Es gibt immer nur Ärger und alles, was wir uns geschaffen haben, zerstören sie.“
„Heute hast du Recht, aber als wir hierher kamen, waren die Häuser noch weit weg und du fandest das Plätzchen hier sehr idyllisch.“
„Ja, wir waren verliebt“, antwortete die Frau des Bibers, “wir wussten noch nichts von der Welt. Aber meine Mama hat immer gesagt, halte dich fern von diesen Menschen.“
„Das hilft uns jetzt nicht weiter: Wir müssen versuchen, unsere Burg in das verbliebene Wasser zu bauen.“
Der Rabe schaute von seiner Erle hinunter und sah, dass die Biberburg auf dem Trockenen stand. Und es sollte sich sogleich zeigen, dass gewaltige Veränderungen bevorstanden. Der Biber hatte das letzte Wort vom Bauen kaum ausgesprochen, da fauchte seine Frau:
„Das kannst du voll vergessen! Wir haben Verantwortung für drei Kinder und du redest vom Bauen. Als wir hierherkamen, haben wir uns eine schöne Burg gebaut und dann, nach kurzer Zeit, sind uns die Menschen mit ihren Häusern fast auf den Pelz gerückt. Die Menschen kamen und das Wasser ist verschwunden und wir mussten neu bauen, haben Tag und Nacht gebuddelt und uns eine Höhle gebaut, wie es nur selten Art der Biber ist. Es hätte so bleiben können, aber nein.
Eines Tages beschloss man, das Fließ wieder anzustauen, unser schönes Haus lief voll mit Wasser. Wir haben das alles geduldig hingenommen, neu gebaut, diesmal wieder auf dem Wasser und heute sitzen wir auf dem Trockenen. Jetzt ist endgültig Schluss.“
Die Frau des Bibers hatte sich in Rage geredet und ihre Augen funkelten böse, während ihr Mann voller Kummer schweigend zuhörte.
„Ich hatte geglaubt, die Menschen hätten die Sache mit dem Wasser verstanden. In ihren Zeitungen schreiben sie, wir seien willkommen. Und dort, wo wir uns ansiedeln, vertreiben sie uns, machen uns das Leben zur Hölle. Ich habe das satt, wir ziehen weg, endgültig und für alle Zeiten! Sie sollen uns nie wieder zu Gesicht bekommen, sie sollen uns für immer vergessen.“
Blitze schossen der Frau des Bibers aus den Augen, zumindest erschien es so. und unter der Wucht der Worte erzitterten die Erlen. Auch der Biber und der Rabe wurden heftig durchgeschüttelt, es schien jedenfalls so.
Die Frau des Bibers rief die drei Kinder zu sich, wies ihren Mann an, sich den wenigen Hausrat aufzuladen und so zogen sie auf der Stelle davon.
Der Rabe saß tief beeindruckt von diesem Gewitter noch lange auf der Erle über der verlassenen Biberburg. „Sie hat Recht“, dachte er.
Es begann mittlerweile zu dämmern. Trotz des ganzen Kummers wollte der Rabe die Gute- Nacht-Geschichte nicht versäumen und er flog zu dem Apfelbaum hinüber. Blanca lag bereits im Bett und die Mutter setzte sich mit dem Buch in der Hand zu ihr. Sie schlug das Buch auf, blätterte die Seite mit der Beutelmeise um und starrte ungläubig auf die beiden nun folgenden leeren Seiten, die sie geöffnet hatte. Hier hatte gestern noch auf der linken Seite der Text über den Biber gestanden, auf der rechten Seite befand sich der gezeichnete Biber. Wieso? wo waren der Text und die Zeichnung? Sie blätterte die leere Seite um, dort folgte das Bleßhuhn.
„Was ist denn, “ drängte das Mädchen, „warum liest du nicht, Mama?“
„Der Biber ist nicht mehr da, Blanca“, antwortete die Mutter, ihr versagte die Stimme. Und so nahm das nächste Unglück dieses Tages seinen Lauf. Blanca weinte und konnte und konnte nicht einschlafen. Der Mond sah schon mit schmaler Sichel und einer kleinen spitzen Nase zum Fenster herein, auch der Rabe saß noch immer traurig im Apfelbaum. Er hatte den Abflug verpasst, was nun wirklich kein Wunder war. Zu später Stunde hatte Blanca ihrer Mutter das Versprechen abverlangt, am nächsten Tag mit ihr nach dem Biber zu suchen.
Und so standen sie auf der kleinen Brücke und sahen zu der verlassenen Biberburg hinüber. Auch Kay konnte es ganz deutlich erkennen: die Biberburg stand auf dem Trockenen.
Blancas Mutter wandte sich an Kay: „Wussten Sie, dass hier bei uns ein Biber wohnt?“
„Ich hatte es mir gedacht, der Damm hier vor der Brücke war ein sicheres Zeichen. Ich habe das so gedeutet.“
„Wir haben den Biber hier schon lange beobachtet, in der Dämmerung ist er manchmal durch den Weiher geschwommen. In unserem Garten hat er zwei Apfelbäume abgenagt. Der hintere Teil unseres Gartens stand häufig unter Wasser, wenn es mal länger regnete. Zuerst waren wir damit nicht glücklich. Seitdem wir den Biber beobachten und kennen, ist das alles nur noch halb so schlimm und wir haben in guter Nachbarschaft gelebt.“
„Wie haben die übrigen Nachbarn, ich meine die Nachbarn in Ihrer Straße die Sache gesehen?“ wollte Kay nun wissen.
„Wir sind wohl die Einzigen, die den Biber als Nachbarn so entspannt betrachten. Seit gestern ist alles anders, wir denken, der Biber ist endgültig weggezogen.“
Blancas Mutter erzählte dann, wie sie gestern Abend die Geschichte vom Biber vorlesen wollte und davon, dass der Biber aus dem Buch verschwunden war.
Der Rabe in der Erle über der kleinen Brücke seufzte laut und lange auf, so dass Kay, Blanca und ihre Mutter nach oben schauten. Kay kam es so vor, als hätte er dieses verständige Tier schon gesehen.
„Und wo ist der Biber jetzt und wie holen wir ihn wieder zurück?“ wollte Blanca wissen.
„Das ist ein langer Weg.“ Dachte Kay, sprach diesen Gedanken aber nicht aus.
Sie redeten auf der kleinen Brücke noch eine ganze Weile über den Biber und die übrigen Tiere, die man von hier aus beobachten konnte.
Die Sache mit dem verschwundenen Biber ließ Kay nicht los. Er suchte das Buch, aus dem Blancas Mutter jeden Abend vorgelesen hatte und wollte sich selbst überzeugen, was an der Geschichte dran war. Er hatte sich nicht vorstellen können, dass aus einem Buch Texte und Bilder einfach so verschwinden. Er hatte seine Zweifel auf der kleinen Brücke nicht ausgesprochen. Andererseits, warum hätte Blancas Mutter eine so unglaubliche Geschichte erfinden sollen?
Da draußen im Briefkasten vor der Tür lag das Buch, er musste es nur hereinholen und sich überzeugen.
Kay gab sich einen Ruck, ging und nahm das Päckchen, das noch zur Hälfte aus dem Briefschlitz heraushing, an sich. Es war das gesuchte Buch. Kay blätterte Seite für Seite, nach der Beutelmeise folgten zwei leere Seiten. Es war kein Zweifel möglich. Später, nach der Seite über die Ringelnatter folgte wieder eine leere Seite. Was mochte hier ursprünglich verzeichnet gewesen sein? Und was würde als Nächstes verschwinden?
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