Die Verkehrsnachrichten von sieben Uhr kreisten, so schien es zumindest, noch immer in der Küche. Die folgenden Morgennachrichten aus der Region, dem Land und der Welt drangen nicht bis in Kays Bewusstsein vor. Was sollte das? „… auf der Straße Richtung Lindental liegt ein toter Dachs auf der Fahrbahn. Wir melden, wenn die Gefahr vorüber ist.“
Welche Gefahr? Was für eine Gefahr sollte von einem Dachs ausgehen, zumal er bereits tot war? Und wie sollte die Gefahr vorübergehen?
Mitten in diese Überlegungen hatte sich noch eine weitere, eilige Meldung gedrängt: „Soeben wurde noch folgende Nachricht hereingereicht: “Achtung Autofahrer, die Bahnschranke in der Lindenstraße öffnet sich derzeit nicht. Bitte umfahren Sie die Sperrung weiträumig.“
Das war dieselbe Straße, auf der der tote Dachs lag. Einerseits. Andererseits war es besser, die Schranke war geschlossen. Was wäre, wenn sie nicht schließen würde? Dennoch, wie konnte das sein? Die Schranke war vor einem Jahr vollständig erneuert worden, modernste Technik wurde verbaut, so zumindest der Bericht nach Fertigstellung. Alles funktionierte digital und wartungsfrei. Ein Stellwerk überwachte das Schließen und Öffnen der Schranke. Ob dort schon jemand den Fehler bemerkt hatte? Und wieso richtete sich die Information nur an die Autofahrer? Was sollten die Fußgänger nun tun?
Kay schaltete das Radio aus. Er seufzte, sein Tagesplan war schon aufgestellt, jedoch gab es nun Anlass für eine Änderung. Er könnte sich die Sache mit der Schranke einmal selbst ansehen. Nicht, weil er aus reiner Schaulust die Autoschlange von seinem Fahrrad aus betrachten wollte. Nein, die Schranke beschäftigte ihn und vielleicht gab es etwas zu entdecken, was Autofahrer, Dachs und Schranke miteinander verband? Kay schmunzelte bei diesen Überlegungen, „du spinnst ja wohl, was sollte es da für eine Verbindung geben?“ Egal, er schaltete das Radio zur nächsten Nachrichtenzeit wieder an. Es wurde berichtet, dass die Schranke noch immer geschlossen war.
Kay frühstückte in aller Ruhe, holte danach sein Fahrrad aus dem Schuppen und eine halbe Stunde später kam er am Bahnübergang an.
Alles schien ganz normal zu sein, der Autoverkehr passierte den Bahnübergang ungehindert in beide Richtungen.
Und nun? Kay sah sich suchend um. Entweder diese Verkehrsnachrichten taugten nichts oder man hatte die Reparatur der Schranke in Windeseile erledigt? In der Seitenstraße vor der Schranke entdeckte Kay zwei Männer in Orange, die Werkzeugkoffer in ihren Transporter luden. Und das Logo auf der Fahrertür wies auf die Bahn hin.
Kay schob sein Fahrrad über die Straße und leitete mit einem freundlichen „Guten Morgen“ sein Anliegen ein: „Darf ich mal was fragen?“
Eine Antwort bekam er nicht. Der Eine räumte ohne aufzusehen das Werkzeug ein und der Andere sah kurz ziemlich verdrießlich auf den Störer.
„Entschuldigung, ich habe nur eine technische Frage“, versuchte Kay den Faden neu aufzunehmen, “woran lag es, dass die Schranke nicht mehr öffnen wollte?“
Der zweite Monteur kam nun rückwärts aus dem Transporter heraus und beide musterten den Frager mit misstrauischen Blicken. „Warum willst du das wissen?“
„Entschuldigung, ich habe das vorhin in den Nachrichten gehört und dachte mir, schau doch mal hin. So eine neue Schranke kann doch nicht einfach kaputt gehen.“
„Nein, nicht von alleine, das wird noch untersucht. Wohnst du hier in der Nähe?“
„Nein, ich sagte doch, ich habe das vorhin in den Nachrichten…“ Dachte der Typ etwa, er, Kay hätte etwas mit der geschlossenen Schranke zu tun? Nur, weil er gefragt hatte?
Angesichts der aufkommenden Feindseligkeit entschloss sich Kay, den Rückzug anzutreten.
„Wenn es denn nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, will ich nicht weiter fragen, schönen Tag auch.“
„Ist kein Geheimnis“, entschloss sich der eine Monteur nun doch zu einer Antwort, „es war ein Eimer Sand in der Hydraulik und der kommt dort nicht von allein hinein. So etwas hatten wir noch nicht.“
„Na geht doch“, brummte Kay, „danke“. Er hielt es für besser, die beiden Monteure nicht weiter zu reizen und schob sein Fahrrad Richtung Bahnübergang. Die Schranke schloss sich erst einmal und Kay betrachtete interessiert die beweglichen Teile. Wie sollte dort Sand hineinkommen? Oder stimmte das mit dem Sand gar nicht?
Nach der Durchfahrt des Zuges wartete Kay gespannt darauf, ob die Schranke sich wieder öffnen würde. Ihm schien auch, dass er beobachtet wurde. Er wandte sich um zu dem Transporter und dort standen tatsächlich noch immer die beiden Monteure, und sahen zu ihm herüber. „So ein Quatsch“, dachte er ärgerlich, „die wollen auch nur sehen, ob die Schranke sich öffnet“.
Und tatsächlich, die Schranke gab die Straße und den Fußweg wieder frei. Kay winkte den Monteuren kurz zu und überquerte den Bahnübergang. Er wollte noch ein Stück zu Fuß gehen. Es war so ein herrlicher Vormittag, wie es sie nur im Frühling gibt. Die Sonne übergoss die Welt mit wohliger Wärme, nur ein paar kleine Wölkchen zierten den tiefblauen Himmel und aus der alten Gärtnerei neben dem Gehweg war vielstimmiges Gezwitscher zu hören. Und selbst auf dem Gehweg wuselten lange Kolonnen von Ameisen und es schien, auch sie hatten Lust zum Wandern bekommen. Kay hatte Mühe, diesen Insekten auf seinem Weg auszuweichen. Keinesfalls wollte er auf die Ameisen treten.
Kay blieb nun doch stehen und beobachtete das Treiben auf dem Gehweg. Die Ameisen wuselten natürlich nicht und wanderten ebenso nicht in Kolonnen. Es war gut zu sehen, sie bewegten sich zielstrebig auf ihren Straßen sowohl in die eine Richtung als auch in die andere. Er konnte auch sehen, dass neben ihm eine Straße aus dem Gelände der verlassenen Gärtnerei auf den Gehweg bog und dem Weg Richtung Bahnübergang folgte. Diese Ameisen waren schwarz glänzend, ziemlich groß. Neben seinem Fahrrad verlief eine Straße mit braunen, etwas kleineren Ameisen.
Kay ging in Gedanken die ihm bekannten Ameisenarten durch. Das mussten Wegameisen sein, die gab es als schwarze, etwas größere und als kleinere, braune Ameisen. Und sie liefen auf dem Weg, deshalb hießen sie vermutlich Wegameisen. Einerseits. Andererseits kamen die Straßen offensichtlich aus dem Gelände der verlassenen Gärtnerei. Die Straßen der Gegenrichtung verschwanden wiederum in diesem Gelände.
Kay durchforschte sein Gedächtnis, genau, es gab noch die gemeinen Gartenameisen, die waren aber eher klein und braun. Er nahm sich vor, nochmals nachzuschlagen, ehe er die Arten endgültig bestimmte. Außerdem hoffte er darauf, eine Erklärung für diese Ameisenwanderung im Frühjahr zu finden.
Kay entschloss sich für den Rückweg auf die andere, bebaute Straßenseite zu wechseln, wahrscheinlich würde es dort keine Ameisen geben. Und doch, auch hier verliefen mehrere Ameisenstraßen auf dem sandigen Streifen zwischen Fahrbahn und Gehweg.
Kay schob sein Fahrrad, hob es über eine abbiegende Ameisenstraße, die zum rechten Gehwegrand wechselte. Vielleicht hatten diese Insekten irgendwo eine größere Kolonie von Blattläusen entdeckt. Diese Erklärung schien Kay ziemlich plausibel. Jetzt war die Zeit der Blattläuse, er hatte schon einige auf den Blättern der Kirschbäume im Garten entdeckt.
Zu Hause angekommen, befragte Kay verschiedene Nachschlagewerke nach den heimischen Ameisenarten. Bald stellte sich heraus, es gab die gemeine Gartenameise gar nicht. Er fand die gemeine Rasenameise, die in Mitteleuropa sehr weit verbreitet ist. Ihre Merkmale und Habitate passten nicht zu seinen Beobachtungen. Sie stimmten dagegen ziemlich genau mit den Beschreibungen der Wegameisen überein, ganz sicher war das aber nicht. Das vermutete Ziel der Ameisenbewegung schien zutreffend zu sein. Das Studium der Insekten nahm ihn mittlerweile so in Anspruch, dass die Sache mit dem Bahnübergang schon fast in Vergessenheit geriet.
Die folgenden Tage schaltete Kay das Radio nicht ein. Am Montag lag in seinem Briefkasten die Lokalzeitung der Nachbarn, seine Zeitung dagegen fehlte. Bevor er die Zeitung hinübertrug, blätterte er sie kurz durch. Sein Blick blieb an einer Überschrift hängen: „Beginn der Bauarbeiten an der Lindenstraße“. Gemeint war die verlassene Gärtnerei. Verdammt, nun doch!
Kay tauschte mit den Nachbarn die Zeitungen und beschloss, in die Lindenstraße zu fahren. So richtig kam er jedoch nicht vorwärts, weil ihn so ein lähmendes Gefühl von Ohnmacht erfasst hatte. Der Natur würde es wieder einmal an den Kragen gehen und scheinbar gab es keine Macht, die das drohende Unheil abwenden konnte. Seit vielen Jahren hatte die Natur von den Flächen der Gärtnerei Besitz ergriffen, sich prächtig entwickelt. Auch viele Tiere hatten dort ihr Zuhause eingerichtet. Den Bäumen und Sträuchern würde man mit Kettensägen und dem Boden mit all seinen Bewohnern mit Baggern zu Leibe rücken. Ob so ein Ameisenstaat schon ahnte, was ihm bevorstand?
Als Kay das Rathaus am Anfang der Lindenstraße passiert hatte, staunte er nicht schlecht. Am Rande des Weges verliefen mehrere Ameisenstraßen, die scheinbar auf den Vorplatz des Rathauses abbogen. Letzte Woche waren hier keine Ameisen oder er hatte sie nur nicht bemerkt. Hier gab es jedoch nichts, was nach seiner Vorstellung für Ameisen erstrebenswert war. Er schob sein Fahrrad weiter und beobachtete den Boden. Die meisten Ameisen kamen ihm entgegen, nur wenige liefen auf einer Straße in seine Richtung. Vom Bahnübergang war das Warnsignal zu hören, gleich würde sich die Schranke schließen. Der Zug passierte den Bahnübergang und Minuten später blieb die Schranke noch immer geschlossen. Kay wollte auch auf die andere Seite und wartete geduldig mit einigen Fußgängern und Radfahrern. Einige der wartenden Autofahrer hupten, eine Frau begann zu schimpfen, das sei nun schon das vierte Mal in einer Woche, dass die Schranke sich nicht öffnete. So eine Schande, was sich die Bahn wohl dabei denkt. Dann umgingen die ersten Fußgänger die geschlossene Schranke, die Radfahrer folgten. In der Autoschlange entstand ebenfalls Unruhe, die ersten Fahrzeuge versuchten zu wenden und das ging nicht ohne Hupen.
Kay wartete. Nach zwanzig Minuten hielt der Transporter in der Seitenstraße, die beiden Monteure stiegen aus und inspizierten die Schrankenanlage. Eine Verkleidung wurde gelöst, Sand rieselte aus dem Unterbau einer der Halbschranken.
„Habe ich es nicht gesagt, der Sandsturm war wieder unterwegs.“
„Kiek dir das mal an, der Antrieb is in Eimer, einfach aufgerieben! Bernd, wir müssen den Antrieb wechseln, bring bitte erst mal den Sauger!“ „Schon unterwegs, Kollege Mike. Wenn man diese Klimatrolls mal erwischen würde, denen das Handwerk legen ….“
„Ist nicht unsere Sache, wir bringen nur in Ordnung.“
Kay mischte sich an dieser Stelle ein: „Mal vorsichtig gefragt: Ist wieder Sand im Getriebe?“
„Ach du bist es, immer zur Stelle, wenn die Schranke streikt.“ Mike richtete sich auf. „Eigentlich siehst du nicht so aus, wie ein Klimatroll. Aber komisch ist das schon.“
„Na, na, “ verteidigte sich Kay heute, „hier wird nicht gestänkert- Ich habe auf der anderen Seite zu tun und stehe nur deshalb hier, weil ich mich an die Regeln halte. Ist die Schranke geschlossen, bleibe stehen!“
„War nicht persönlich gemeint“, lenkte Mike ein.
„Nun sag mir bitte mal, wie kommt der Sand in die Schranke?
„Ganz einfach, “ begann Mike zu erklären, „du lässt den Sand ganz vorsichtig hier oben reinrieseln,“ er zeigte auf die Kolbenstange, die mit dem Schrankenbaum verbunden war, „und wenn die Kolbenstange im Sand läuft ist Ende. Vielleicht öffnet und schließt sie noch fünfmal und dann schaltet der Antrieb wegen Überlastung ab. Ganz einfach.“
Bernd hatte den Sauger abgestellt und begann erneut, sich aufzuregen:
„Dieses Klimapack, ihr einziges Ziel ist, den Verkehr lahmzulegen und anständige Bürger mit ihrem Quatsch zu terrorisieren. Auf Straßen ankleben oder ein Rollfeld blockieren. Wir müssen den ganzen Tag arbeiten und werden von solchen Idioten noch behindert. Die sollten besser arbeiten gehen, dann können sie keinen Schaden anrichten.“
Kay unterbrach Bernd, der sich gerade in Rage redete:
„Was macht dich so sicher, dass die Klimaaktivisten den Sand da hinein geschüttet haben?“
„Da gibt es keinen Zweifel, überall dort, wo der Verkehr gestört wird, haben diese Vögel ihre Finger dazwischen. Es ist ihr Ziel, uns zu behindern.“
„Ja, ja, das habe ich schon verstanden.“ Kay war etwas genervt. „Die Bahnübergänge werden doch überwacht, da müsste doch schon mal so ein Störer zu sehen gewesen sein.“
„Ich sage dir, die sind so ausgebufft, warten ganz unauffällig am Bahnübergang und schon ist es passiert. Und uns erzählen sie, wir, die jeden Tag arbeiten gehen, sind schuld daran, dass es auf der Erde immer wärmer wird. Das ist alles Blödsinn. Ich habe schon in der Schule gelernt, dass die Sonne der Erde immer näher kommt. Damit wird es zwangsläufig immer wärmer. Früher war die Erde mit einem Eispanzer überzogen. Das haben Wissenschaftler alles nachgewiesen. Und mit der stetigen Annäherung der Sonne ist dieser Eispanzer abgeschmolzen. Naja, nun wird es immer wärmer und wir können nichts dagegen tun. Solange ich lebe, muss ich mir keine ernsthaften Sorgen machen.“ Bernd streifte einige Ameisen von seinem Hosenbein.
„Genug palavert“, mahnte Mike, „wir wollen zusehen, dass wir zügig fertig werden, sonst müssen wir uns noch mit den Ameisen herumärgern. Und das Stellwerk wartet auf die Freimeldung.“
„Ganz kurz noch diesen Gedanken“ wandte sich Kay noch einmal an Bernd: „Was hältst du davon, dass zumindest hier die Ameisen den Verkehr stören? Sie sehen ziemlich verdächtig aus, die meisten hier am Boden schleppen Material, sieht so aus wie Sand. Schau mal genau hin!“
„Die haben anderes zu tun als sich um Bahnschranken zu kümmern, die bauen irgendwo in der Nähe ihren Ameisenhaufen und da habe ich gar nichts dagegen.“
„Das hier sind schwarze Wegameisen, die bauen keine Ameisenhaufen.“
„Na wenn schon, wir müssen jetzt flott den Antrieb wechseln.“
Die beiden Monteure wandten sich der Schrankenanlage zu.
Kay war unentschlossen. Es war alles gesagt. Was sollte er weiter herumdiskutieren. Die hatten jetzt keine Zeit zu verlieren und Bernd hatte seine Meinung zur Störursache oder besser, die Störursache lag im Zentrum seines Weltbildes. Folgerichtig würde sich da nichts bewegen.
Kay erschien die Sache nicht so klar. Er hatte während des Wartens an der Schranke die Ameisen beobachtet. Mehrere ihrer Straßen verschwanden unter der Verkleidung des Antriebes und die meisten Ameisen trugen das Material, es konnte dem Aussehen nach nur Sand sein, dort hinein. Die Ameisen, die unter der Schrankenanlage wieder herauskamen und in der Gärtnerei verschwanden, trugen nichts mehr. Das konnte doch nur bedeuten, sie hatten den Sand irgendwo hinter der Verkleidung abgeladen. Aber warum sollten sie das tun? Sie konnten nach allem, was Kay über Ameisen wusste, keinesfalls eine Schrankenanlage außer Betrieb setzen. Es fehlte auch an jedem anderen verständlichem Grund, dort hinter der Verkleidung Sand anzuhäufen.
Missmutig kam Kay zu dem Schluss, dass Bernd möglicherweise Recht haben könnte. Andererseits, er hatte die Ameisen beobachtet, ja sogar genau gesehen, wie sie mit dem Sand ….
Er kam mit seinen Überlegungen zu keinem Ergebnis. Mittlerweile hatte der nächste Zug den Bahnübergang passiert und danach gab die Schranke den Verkehr wieder frei. Er schob sein Rad hinüber und auf dem Weg entlang der Straße hatte er Mühe, den Ameisen auszuweichen. Weil seine ganze Aufmerksamkeit dem Geschehen am Boden galt, entdeckte er auch die vielen kleinen Hügel auf der Seite der alten Gärtnerei. Hier waren Millionen Ameisen am Werk und trugen Material zu Ameisenhaufen zusammen. Letzte Woche waren diese Bauwerke hier noch nicht oder hatte er sie nur nicht bemerkt? Es waren diese Wegameisen, die gar keine Ameisenhaufen bauen! Unzählige Hügel, auf einigen wimmelte es von braunen, auf anderen von schwarzen Ameisen. Er konnte das ganz genau sehen.
Kay kramte sein Handy aus der Tasche und fotografierte mehrere dieser ungewöhnlichen Hügel. Er hielt das für den sichersten Weg, weil er bereits mehrfach seine Beobachtungen in Frage gestellt hatte. Nun gab es zumindest einen Beweis. Auf dem Rückweg fotografierte er noch die Ameisenstraßen, die unter die Verkleidung der Schrankenanlage führten. Ein vorbeifahrendes Auto hupte und es schien Kay, er sei gemeint. Was andere dachten, war ihm jedoch ziemlich gleichgültig, er hatte nichts mit der Störung der Schrankenanlage zu tun. Er forschte im eigenen Auftrag an der Ursache der Störung.
Zu Hause angekommen, verglich Kay seine Fotos mit den Abbildungen in den Naturführern. Die Vergrößerung der Ameisen zeigte, dass sie überwiegend Sandkörnchen mit ihren Kopfwerkzeugen hielten. Manche gingen auch ohne Last, hatten scheinbar ihr Material verloren. Für dieses Verhalten der Ameisen fand er keine Erklärung. Im Genre der Mythen und phantastischen Geschichten ließ sich so Einiges finden. Nur, das half ihm hier auf der Erde nicht weiter.
Am nächsten Morgen überraschten die Verkehrsnachrichten mit mehreren Meldungen zur Lindenstraße: „Derzeit ist die Lindenstraße für die Durchfahrt vollständig gesperrt. Die Bahnschranke öffnet sich nicht. Der Bahnverkehr ist ebenfalls unterbrochen. Ein LKW hat in Höhe des Bahnüberganges Teile seiner Ladung verloren. Wir melden ….“ Kay schaltete das Radio aus, er hatte es eilig. Seine Forschungsaufgabe war wieder in den Nachrichten. Er musste sofort, auch ohne Frühstück, los.
Zwanzig Minuten später erreichte Kay den Bahnübergang. Die beiden Monteure arbeiteten bereits an einer der Schranken. Zwischen den Schranken schaufelten Männer in Warnwesten Sand in Schubkarren, der Sand wurde gleich neben dem Gehweg auf das Gelände der alten Gärtnerei geschüttet. Kay konnte das alles nur aus einiger Entfernung beobachten, die Schranke war geschlossen und er wollte sich da nicht vorbeidrängeln. Kay wunderte sich darüber, dass die verlorene Ladung zwischen den geschlossenen Schranken lag, das war irgendwie nicht ganz logisch. Denkbar war natürlich, der LKW hatte die Ladung verloren, als der Übergang geöffnet war und erst später hatte die Schranke die Fahrbahn nicht mehr freigegeben. Aber war es tatsächlich so gewesen? Und der Sand sah nicht so aus wie Baumaterial, eher so, wie die kleinen Hügel, die er am Vortag neben dem Gehweg fotografiert hatte. Wenn er, Kay, an Stelle der Ameisen diese Blockade geplant hätte, er hätte erst die Schranke außer Betrieb gesetzt, also geschlossen, um dann ungestört vom Autoverkehr den Sand auf den Bahnübergang zu schütten.
„Du bist verrückt“, dachte Kay bei diesen Überlegungen. Trotzdem. Den Ameisen ging es jetzt die Tage mit dem Bagger an den Kragen, sie hatten nichts zu verlieren. Andererseits war das alles überschäumende Phantasie, verquirlt mit dem Wunsch, die Ameisen müssten in der Lage sein, auf ihre ausweglose Lage aufmerksam zu machen. Das wirkte alles mehr als abenteuerlich, absurd.
Dann wurde der Bahnübergang gefegt, die Arbeiten abgeschlossen, alle Schranken öffneten sich. Die Ameisenstraßen vom Vortag waren durch Besen und Schaufeln unterbrochen. Kay schien es jedoch, als er den Bahnübergang überquerte, dass die Ameisen sich bereits wieder sortierten. Er ging langsam bis zu der Stelle, wo er am Vortag die kleinen Hügel mit den Ameisen fotografiert hatte, die Hügel waren verschwunden. Nur wohin? Er kramte nach dem Handy, stellte jedoch fest, er hatte es in der Eile zu Hause liegen gelassen.
Auf dem Gelände der alten Gärtnerei gingen an diesem Morgen die Arbeiten los, mehrere Kettensägen heulten auf. Das Gezwitscher der Vögel auf dem Gelände verstummte, ein Rabe flog schimpfend auf. Kay trat missmutig den Rückweg an. Völlig in Gedanken überquerte er den Bahnübergang. Was konnte er, der einzelne kleine Mensch tun, um den Ameisen auf dem Baugelände beizustehen? Und die Ameisen waren nicht die einzigen Bewohner. Ging das überhaupt, der Mensch steht den Insekten, Vögeln und dem ganzen anderen Getier bei, das von Vertreibung und Vernichtung bedroht ist. Wenn er sich für den Erhalt von Flora und Fauna einsetzt, stellt er sich damit nicht gegen die gesamte Menschheit oder zumindest die Bewohner der Gemeinde? Gegen deren Interessen, ihr nicht im Zweifel stehendes Recht, sich die Natur unterzuordnen und darüber auch keine Rechenschaft – wem gegenüber auch immer – ablegen zu müssen?
Der laute Schrei des Raben riss Kay aus seinen Überlegungen. Einigermaßen aufgeschreckt, sah er instinktiv nach oben. Auf dem oberen Ende des Schrankenbaumes hockte ein Rabe. Wieder war ein durchdringendes „Kraaaah“ zu hören. Dann schlug der Rabe mit seinen Flügeln, landete fast im Sturzflug auf dem Gehweg und hüpfte vor Kay hin und her.
„Oh Mann“ brummte Kay, „du hast ja Recht. Ich gehe kommende Woche in die Sitzung der Gemeindevertretung, werde die Sache dort ansprechen.“ Und da war dieser absurde Gedanke, es könnte eine Verständigung zwischen Mensch und Tier geben. Natürlich gab es zwischen seinem Nachbarn und dessen Hund eine Verständigung. Es hatte eine Weile gedauert, bis der Nachbar einsah, dass sein Hund die Richtung vorgibt. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie unterschiedliche Sprachen verwendeten. Aber hier, dem hüpfenden Raben eine Zusicherung zu geben, allen Ernstes?
Als Kay am folgenden Montag den Sitzungssaal betrat, spürte er sofort, dass hier eine kräftige Spannung in der Luft lag. Meist ging eine solche Spannung von einzelnen Tagesordnungspunkten aus, die eine große Zahl von Zuhörern anzogen. Im Zuschauerbereich gab es kaum noch freie Plätze, es war laut, man diskutierte aufgeregt, hier trafen offensichtlich gegensätzliche Meinungen aufeinander. Mancher Zuruf hatte schon den Bereich von Höflichkeit verlassen. Einige Zuschauer der ersten Reihe standen noch und scharrten mit den Schuhen auf dem Fußboden herum. Auch im Saal standen die Gemeindevertreter in Grüppchen und sprachen sichtlich aufgeregt, zeigten auf etwas, das offenbar Grund der Aufregung war. Ein Mann mit einem breiten Besen erschien, zwei Frauen begannen, die Tische abzuwischen. Kay verstand das alles nicht sofort, alles wirkte irgendwie grotesk. Dann sah er auf den Boden des Saales und er verstand. Die, um die es ihm ging, waren auch gekommen. Sie waren überall, auf dem Boden, an den Wänden, auf Stühlen, Tischen, auf Brillenetuis, Laptops und Trinkflaschen, an Hosenbeinen, eben überall und zahlreich.
Mit einer halben Stunde Verspätung begann die Sitzung, die Störung war nicht beseitigt. Während der Bürgermeister berichtete, waren die Teilnehmer ständig damit beschäftigt, zu wischen, zu zertreten, abzustreifen. Der Bürgermeister sprach über den termingerechten Beginn der Bauarbeiten an der Lindenstraße, auch über die Störungen am Bahnübergang, darüber, dass wegen der Störer noch gegen unbekannt in alle Richtungen ermittelt wird. Die Gemeinde werde sich durch Protestaktionen, welcher Form auch immer, nicht einschüchtern lassen. Er informierte, dass das Rathaus vorsorglich wegen einer Ameisenplage evakuiert werden musste. Es seien großflächige Verunreinigungen durch Sand und Ähnliches entstanden, von Sachschäden ganz abgesehen. Die beauftragten Dienste hätten es bisher nicht geschafft, die Ameisen zu vertreiben. Die Gemeindevertreter könnten sich hier im Saal ein Bild vom Ausmaß der Störung machen, unter diesen Umständen könne niemand konzentriert arbeiten. Die Bürgerdienste würden derzeit nur vorübergehend in der Verwaltung der benachbarten Gemeinde angeboten.
Während dieses Berichtes war es im Zuschauerbereich immer lauter geworden, die ersten Unmutsäußerungen flogen durch den Saal. Der Bürgermeister hatte mehrfach vergeblich zur Ruhe gemahnt. Nichts half.
Kay war froh, dass er sich nicht auf einen der freien Plätze durchgedrängt hatte. Er stand quasi mit dem Rücken zur Wand neben dem Zuschauerbereich. Hier wäre auch seine Wortmeldung, sobald der Tagesordnungspunkt „Anliegen der Einwohner“ aufgerufen werden würde, gut zu sehen. Erst einmal konnte wegen des Lärms im Zuschauerbereich die Sitzung nicht fortgesetzt werden. Es folgten Aufrufe zur Mäßigung, dann die Drohung, die Störer vor die Tür zu setzen. Damit eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Zuschauergruppen, die einen wollten weiter stören, die anderen meinten, es sei nun genug. Irgendwann kehrte wieder Ruhe ein, der Bericht des Bürgermeisters wurde von den Gemeindevertretern diskutiert, jedoch ohne nennenswerten Widerspruch. Er hatte alles richtig gemacht. Dann war es so weit, der lang erwartete Punkt wurde aufgerufen, Kay lief mit erhobenem Arm zum Saalmikrofon. Dort kassierte er eine Zurückweisung, er sei nicht der Erste, er wäre an siebter Stelle. „Wieso“, dachte er, wurde aber sogleich von dem Erstplatzierten unsanft bei Seite geschoben. Es hagelte Vorwürfe wegen der ständigen Sperrungen der Lindenstraße. Der nächste Redner forderte, dass diese Klimaleute nun endlich mit aller Härte bestraft werden müssten. Ein dritter Redner beschwerte sich über den fehlerhaften Bescheid wegen der Hundesteuer. Der Mann mit der Hundesteuer hatte Pech, seine Wortmeldung wurde durch die aufheulende Sirene der nahen Feuerwache überlagert, niemand verstand, was er vorzubringen hatte. Eine Antwort bekam er auch nicht. Endlich verstummte die Sirene, kurz darauf ertönten die Sirenen mehrerer Einsatzfahrzeuge. Die Fenster wurden geschlossen und der äußere Lärm wurde erträglicher.
Die weiteren Beiträge der Einwohner hatten alle mit Bautätigkeit und Sperrung der Lindenstraße zu tun. Kay hörte schon gar nicht mehr hin, er beobachtete die Unruhe an den Tischen der Verwaltung und der Gemeindevertreter. Dort versuchte man mit allen Mitteln, die Ameisen von den Tischen herunter zu bekommen. Die Ameisen, so schien es, waren hartnäckig, fest entschlossen, ließen sich nicht vertreiben. Auch der Fußboden war mittlerweile voll in der Hand der Ameisen, sie waren überall, drängten auf die Tische, überrannten die Menschen im Saal.
Der letzte Redner vor Kay verlangte, nun endlich die Ameisenplage im Sitzungssaal zu beenden. Es sei eine Schande, was die Verwaltung den Bürgern zumutet- Das Reden fiel ihm schwer, weil die Ameisen zwischenzeitlich auch das Mikrofon erobert hatten.
Dann war Kay an der Reihe. Er ging langsam zum Saalmikrofon. In der letzten Stunde hatte er seine sorgfältig sortierten Gedanken mehrfach verworfen. Angesichts der Entwicklung im Saal hätten Zweifel an seiner Mission fast die Oberhand gewonnen. Wen würde er mit seinem Einsatz für Ameisen, deren Existenzrecht, wie auch mit der Verteidigung von Pflanzen und Tieren erreichen? Wurde er hier nicht als Spinner, Außerirdischer, oder gar als Sympathisant der hier angeklagten Störer wahrgenommen? Und in den Momenten, in denen er von der Übermacht der Zweifel fast erdrückt wurde, hüpfte der Rabe scheinbar hier in diesem Raum vor seinen Füßen hin und her. Ja, er hatte diesem Tier sein Versprechen gegeben. Andererseits, konnte er, der Mensch, sich mit so einem Versprechen binden?
Kay überblickte noch einmal den Saal. In den Fenstern spiegelte sich der Widerschein von Blaulicht. Die anfängliche Unruhe im Saal hatte zwischenzeitlich tumultartige Züge angenommen, an allen Plätzen tobte der Kampf gegen die anstürmenden Insekten. Die meisten Anwesenden standen hinter ihren Tischen, wischten und schlugen sich gegen den Körper, stampften und traten auf den Fußboden, versuchten sich verzweifelt, gegen die Ameisen zu verteidigen. Das alles schien so schräg, so wirklichkeitsfern und doch stand er, Kay, inmitten dieses Durcheinanders. Würde ihm überhaupt noch jemand zuhören? Egal. Er drückte die Taste, leitete seine Wortmeldung mit den üblichen Höflichkeiten ein. „Ich bitte um Gehör für eine Entdeckung, die ich während meiner Beobachtungen am Bahnübergang in der Lindenstraße gemacht habe“. Er hörte seine Worte über die Lautsprecheranlage, die Stimme schien ihm jedoch nicht zu gehören. „Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Beginn der Bauarbeiten an der Lindenstraße und der Bewegung der Ameisen, die wir alle hier in diesem Saal erleben.“
Kay hörte Gelächter im Zuschauerbereich. „Was will er uns denn hier erzählen?“ Meinten sie ihn, Kay?
„Der Zusammenhang ist folgender:“ Kay versuchte, möglichst ruhig weiterzusprechen. „Vor den Bauarbeiten hat niemand daran gedacht, das Leben der Tiere zu schützen, die auf der Baufläche leben. Niemand hat sich für all die Tiere interessiert, die nicht einfach so mal umziehen können, weil wir Menschen unseren Fuß in ihre Wohnung setzen. Diese Tiere haben ein Recht auf Leben, den Schutz ihrer Lebensgrundlagen. Und nun bekommen wir dafür die Quittung. Wir erleben hier quasi den Aufstand der Tierwelt, die wir bedrohen.“
Kay konnte nicht weitersprechen, der Lärm und die Flut der Zwischenrufe unterbrachen jeden klaren Gedanken.“ Erzähl uns hier keine Ammengeschichten, was hast du heute nur zum Frühstück genascht, aus welcher Einrichtung ist der denn ausgebrochen …“
Und in dieser chaotischen Szene hörte Kay noch den Aufschrei. „Feuer, es brennt, das Rathaus …“ Die Menschen im Saal stürzten zu den Fenstern und Türen, drängten unaufhaltsam ins Freie. Über die Lautsprecheranlage ertönte der Aufruf, Ruhe zu bewahren und, die Sitzung sei unterbrochen. Kay war scheinbar der Einzige, der diese Information noch aufnahm. Er hatte seinen Platz nicht verlassen, zögerte noch immer. Andererseits würde hier niemand mehr zuhören, sein Anliegen überhaupt zur Kenntnis nehmen. Ja, er hatte alles versucht, leider ohne Erfolg.
Kay drückte die Taste, mit der das Mikrofon ausgeschaltet wurde, überzeugte sich damit, dass seine Wortmeldung beendet war. Er ging langsam zur Tür und konnte nun auch beobachten, was hier draußen vorging. Dicke schwarze Rauchschwaden quollen aus den Fenstern des Rathauses, Brandgeruch wehte über den Platz. Gerade wurde die Drehleiter an das Dach angelegt. Aus mehreren Schläuchen schossen Wasserstrahlen gegen die Fassade des Hauses. Kommandorufe drangen herüber, der ganze Platz wurde mit Blaulicht überflutet. Und die Menschen, die im Sitzungssaal so viel Lärm und Unruhe erzeugt hatten, standen schweigend vor dem Gebäude und sahen gebannt zu ihrem Rathaus hinüber.
So hatte sich Kay immer das Ende der Welt, die Apokalypse vorgestellt. Er fühlte, es hatte auch etwas von Titanic. Es war der Moment, bevor das Schiff mitsamt den Menschen unaufhaltsam im Meer versank, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen auf dem Schiff in diesem letzten Moment ein letztes Lied sangen, während hier alles schwieg. Und dann das Fauchen des aufflammenden Feuers, das Getöse der Löscharbeiten, all das glich dem Tosen des Meeres und dem Schreien der Menschen, die im Moment der Katastrophe endgültig in die Tiefe gerissen wurden. Film und Wirklichkeit ließen sich nicht mehr trennen.
Kay riss sich los, er hatte genug gesehen. Er registrierte im Lichtschein des Feuers und des Blaulichts noch, dass auch hier vor dem Sitzungssaal der Boden voller Ameisen war. Er schob sein Rad, konnte den vielen Ameisen jedoch nicht ausweichen. Er lief einfach, überquerte Straßen, viele Menschen kamen ihm entgegen, was für diese Tageszeit ungewöhnlich war. Er wollte nur weg, Abstand gewinnen. Nach zwanzig Minuten hielt er inne, holte Luft. Feuerschein und Blaulicht erhellten noch den Himmel, eine wohltuende Ruhe umgab ihn. Ihm wurde langsam bewusst, dass er nicht in die Tiefe gestürzt war.
Einige Tage später reichte der Nachbar seine Lokalzeitung herüber. Darin wurden in einem Artikel ausführlich die Ereignisse um die Ameisenplage und den Brand des Rathauses dargestellt. Nach den Untersuchungen zur Brandursache konnten keine Anhaltspunkte für Brandstiftung ermittelt werden. Der Brand war im E-Anschlussraum ausgebrochen, es war von Korrosion der Hauptschalter die Rede. Korrosion kann bei hohen Schaltspannungen Lichtbögen erzeugen. Diese wiederum könnten den Brand ausgelöst haben. Damit nicht genug, man nahm an, dass die Schaltkontakte möglicherweise mit Säuren in Berührung gekommen sind, Spuren organischer Säuren konnten nachgewiesen werden, vermutlich Ameisensäure.
Die Ameisenplage blieb trotz aller Erklärungsversuche ein Rätsel. Eine Forschungsgruppe, bestehend aus Biologen und Verhaltensforschern, sei von der Gemeinde beauftragt worden.
Es folgten Betrachtungen darüber, welche Ursachen plötzliche massenhafte Bewegungen im Tierreich haben können, dies wurde am Beispiel von Elefanten, Walen und auch Termiten erläutert. Kay seufzte, alles wirkte in diesem Artikel wissenschaftlich, Aufklärung erhielt der Leser nicht. Letztlich lief alles nur auf dieses „könnte“, „möglicherweise“ und „mutmaßlich“ hinaus. Was nützt die ganze Wissenschaft, dachte Kay, wenn einfache Beobachtungen außer Betracht bleiben?
Etwas bekümmert blätterte Kay zur nächsten Seite. Der Artikel ging dort auf wenigen Zeilen noch weiter. Und dort stand tatsächlich irgendwie beiläufig das Wichtigste, was Kay interessierte, womit er gar nicht gerechnet hatte: Die Bauarbeiten an der Lindenstraße seien eingestellt worden, die Fläche werde der weiteren natürlichen Entwicklung überlassen. Und, auch die Ameisenplage wäre, so plötzlich sie begonnen habe, wieder vorüber. Das waren Neuigkeiten!
Kay radelte gut gelaunt Richtung Lindenstraße. Das Rathaus, oder besser, was nach dem Brand noch übrig war, wirkte an diesem Tag nicht mehr so düster. Ein Bagger griff bereits mit seinem riesigen Löffel nach der Ruine und in wenigen Tagen würden nur noch Fotos an das Rathaus erinnern. Am Bahnübergang wirkte alles ganz normal, die Schranken ließen den Verkehr passieren. Ameisen sah Kay nicht. Auf dem Gelände der alten Gärtnerei zwitscherten die Vögel heute besonders laut und schön. Es war einfach ein wunderschöner Morgen.
Kay hatte auch den Raben auf dem oberen Ende des Schrankenbaumes bemerkt.
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