Der Baum war uralt. Er ragte kaum höher als die anderen Bäume im Hönower Wald, aber fünf Menschen hätten ihre Arme breiten müssen, um seinen Stamm zu umschließen. Auf mächtigen Krallenwurzeln gestützt schob sich wulstig der Stamm in die Höhe. So manches Wetter hatte ihn gezaust, so mancher Knorren war verdorrt, aber noch widerstand er jedem Sturm, noch wölbte sich die Krone und noch behauste er die Raben. In seinem Gezweig hatten sie seit jeher gesessen, hatten vieles gesehen und nichts vergessen.
Ich bin der Rabe im Baum. Meine Ahnen zählten zu den Auserwählten, die Noah mit in den Kasten nahm vor kaum denkbarer Zeit. Mein Urrabenvater, der Gedächtnis hieß, hat uns die Fähigkeit zur Entsinnung vererbt, die Gabe der Unvergesslichkeit, die kein anderes Geschöpf unter dem Himmel besitzt. Ich weiß alles, bis auf das wenige, das Gott für sich selber behielt.
Wenn die Mittagstunde schlägt, sitze ich auf dem Dach des Rathauses und beobachte die Verwaltenden, wie sie in ihre Pause aufbrechen. Jeden Tag schlägt die alte Kirchwärterin die Glocke zur gleichen Stunde. Im Winter wie im Sommer sitze ich und beobachte, sehe, wie die Zeiten sich wandeln, Menschen kommen und gehen und die Luft sich verändert.
Und hätte ich die Schwingen des Adlers und eine Stimme wie er, würde ich fliegen und das Ächzen von Mutter Erde unter menschlicher Herrschaft verbreiten. Aber ihr Klagen bleibt ungehört.
Ich bin der Rabe im Baum und ich erzähle die Geschichte, wie sie war. Blau und blau war der Himmel so blau.
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