Auf dem abgelegenen Bereich eines Parkplatzes versuchte eine Elster mit großer Ausdauer, eine erbeutete Nuss zu öffnen. Sie flog immer wieder einige Meter in die Höhe und lies die Nuss fallen. Die Nuss gab noch nicht auf.
Das Geschehen hatte mehrere Beobachter, den Mann mit dem Fahrrad, der gerade die Einkäufe auf dem Gepäckständer befestigt hatte und den Raben, der interessiert vom Dach einer Laterne zusah. Um besser sehen zu können, näherte sich der Mann mit seinem Fahrrad vorsichtig und dabei fiel sein Blick auf den Raben. Den hatte er schon gesehen, zumindest kam es ihm so vor. Das Dach der Laterne und der Rabe, der sich so nach unten beugte, so konzentriert wirkte. Quatsch, dachte er, diese Tiere sehen doch alle gleich aus.
Der Rabe löste sich von seinem Platz, schwebte nach unten und landete förmlich auf der Nuss. Die Elster hatte scheinbar nicht mit dem Angriff von der Seite gerechnet, landete ebenfalls und meckerte aus einiger Entfernung. Den Raben störte das wiederum nicht. Unter zwei Hieben seines Schnabels gab die Nussschale nach und er zerlegte die beiden Hälften.
Der Mann hatte fasziniert zugesehen und nicht bemerkt, dass er mit seinem Fahrrad scheinbar einem Autofahrer im Weg stand.
Es hupte durchdringend, der Rabe und die Elster flogen auf, die Reste der Nuss blieben liegen. Und der Mann hatte auch einen gehörigen Schreck bekommen. „Mensch, Alter, schlaf nicht ein auf der Straße“. Wieso kann der Idiot nicht dort langfahren, wo Platz ist, dachte der Mann mit dem Fahrrad und drehte sich langsam um. Na klar, so ein Typ mit viel zu großem Auto! Er starrte auf die Frontscheibe.
„Mensch, Alter“, erklang nochmals die Stimme des Autofahrers, der Typ beugte sich aus dem Fenster, “Kollege, das ist ja eine Sache, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ Und nun erkannte auch der Mann mit dem Fahrrad seinen Kollegen Wolfgang. Dieser hatte offenbar nicht gleich seinen Vornamen auf die Zunge bekommen?
„Ja, ist schon mehr als 30 Jahre zurück“. Am Ende einer gewaltigen Erosion des Gemeinwesens wurden sie gemeinsam mit vielen anderen Kollegen scheinbar wie auf Knopfdruck ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Straße geschüttet. Dieser wuchtige Schlussakkord hatte das Aluminium- Zeitalter am Vorabend des Tages beendet, an dem das Zeitalter des ewigen Konsumglücks beginnen sollte.
Nachdem sie die wichtigsten Ereignisse der vergangenen 30 Jahre im Schnelldurchlauf besprochen hatten, lud Wolfgang seinen Kollegen zu einem Ausflug nach Stralsund ein, er wolle in der nächsten Woche mal das Meeresmuseum besuchen.
„Und sag noch mal bitte, deinen Vornamen, irgendwie komme ich nicht drauf“.
“Kay, eigentlich Kay Uwe“.
„Ja, ja, ich werde schon langsam vergesslich“.
Sie verabredeten sich für Donnerstag 8.00 Uhr.
Vor der Abfahrt bat Kay, doch die 96 zu nehmen wegen der schönen Landschaft. „Nee nee“, wehrte Wolfgang ab, „da kommen wir nicht vorwärts, wir nehmen die A20.“ „Aber“, versuchte Kay erneut, „wir haben es doch nicht eilig und…“. „Nein ist doch Quatsch, das Auto muss mal richtig ausgefahren werden.“ Kay zögerte noch mit dem Einsteigen. „Los, komm, ab geht er“.
Zuerst fuhren sie auf der A11, überholten Ketten von LKWs, dann eine Baustelle, runter auf 60, danach wieder weiter mit 160, dann das Ende eines Staus.
So richtig kam keine Unterhaltung zustande, Wolfgang hatte permanent das Verhalten anderer Autofahrer zu kommentieren. Hektisches Bremsen, „oh, dieser Pole, der kann doch bei uns nicht machen was er will. Überhaupt diese Polen, verstopfen hier unsere Straßen. Und diese Litauer auch, die haben hier nichts verloren“.
Sie jagten an der nächsten Kette polnischer LKWs vorbei und Kays Magen zeigte an, dass er seinen Inhalt dringend loswerden wollte. Er wusste jetzt wieder, warum er beim Einsteigen gezögert hatte. Gott sei Dank wieder ein Stau, der Magen konnte sich etwas beruhigen.
Irgendwann verließen sie die A 11 und fuhren auf der A 20 mit konstant 170 auf einer fast leeren Fahrbahn weiter durch endlose blühende Rapsfelder. „Ein herrlicher Anblick“, meinte Wolfgang schwärmerisch. „Im Tank haben möchte ich den Bio-Sprit aber nicht.“ Kay fragte zurück, „wie willst du das verhindern?“ „Ich tanke nur in Polen, die mischen da kein Rapsöl rein und außerdem spare ich je Liter 25ct.“
Kays Blick verweilte nachdenklich auf der Frontscheibe. Er musste daran denken, wie die Frontscheibe des Wartburgs aussah, wenn sie früher von Berlin nach Stralsund fuhren. Damals tuckerten sie mit 80 auf der 96 entlang, sie hatten des Öfteren dienstlich in der Werft in Stralsund zu tun. Der Wartburg kannte nur Stadtverkehr und wollte auch außerhalb der Stadt kaum schneller fahren. Schon beim Losfahren hatte der Fahrer damals immer herumgepoltert, dass er auf der halben Strecke mal kurz Rast machen müsse, um die Frontscheibe zu reinigen, denn die während der Fahrt beim Aufprall zerplatzten Insekten versperrten den Blick auf die Straße. Beim Zwischenstopp nahm der Fahrer den Wasserkanister aus dem Kofferraum und sein Putzzeug, ein altes Stück Feinrippunterhemd, und wischte sorgfältig die Frontscheibe. Dennoch blieben auf der Scheibe immer einige Mahnmale zurück.
Kay fragte seinen Kollegen, wie sich das heute mit den Insekten und den Frontscheiben verhält. „Keine Ahnung“, sagte er, „aber wahrscheinlich hat das etwas mit der aerodynamischen Bauweise der modernen Fahrzeuge zu tun. Ist eben keine Schrankwand, die auf der Straße fährt.“
Das Gespräch kam dann ganz automatisch auf das Thema Windkraft. Rechts und links der Autobahn tauchten viele Windräder auf, die sich munter drehten. Kay war mit seinen Gedanken noch bei den Insekten und Frontscheiben, als er den Kollegen sagen hörte: „Diese Windräder bieten echt keinen schönen Anblick, die ganze Natur wird dadurch verschandelt“. Wolfgang sprach weiter über die Gefahren, die diese Windräder für die Natur darstellen. Es sei schon beobachtet worden, dass Vögel durch ein Rotorblatt getroffen und getötet wurden und Kay müsse sich mal vorstellen, dass sich so ein Rotorblatt an seinem äußersten Ende mit einer Geschwindigkeit von 260 km/h bewege. Er redete und redete. „Ja“, sagte Kay, „schlimm diese Vögel und diese Insekten.“ Und in diesem Moment spürte Kay, wie sich Widerstand in ihm regte.
Nachdem der Kollege bei Tempo 170 seine Ausführungen über die Folgen der Windkraft zu Ende gebracht hatte, entschloss Kay sich zu einer Gegenrede. „Weißt du, ich will dir, wahrem Naturfreund, mal Folgendes erzählen: Im vorigen Jahr hatte sich in unserem kleinen Garten unter dem Fahrradschuppen eine Igelmutter einquartiert und ihre Jungen dort zur Welt gebracht. Im August gingen die Igelkinder in unserem Garten spazieren und kehrten immer am Abend in das Nest zurück. Wir waren echt stolz darauf, dass die Igelmutter sich unseren Garten ausgesucht hatte. Im September wurden die vier Igelkinder dann selbstständiger und ich blickte mit Sorge auf ihre größeren Ausflüge. Ende September verließ ein Igelkind nach dem anderen unseren Garten und zog hinaus in die weite Welt. Als alle fort waren, machte ich mir Sorgen über das Schicksal der kleinen Igel. Mitte Oktober wurden meine Sorgen zur Gewissheit. Auf meinem Weg zur Straßenbahn sah ich in der 30er S-Kurve am rechten Straßenrand einen kleinen toten Igel liegen. Zwei Tage später lag noch ein kleiner Igel tot vor der Einfahrt in die Bushaltestelle. Ich habe die beiden Igelkinder in unserem Garten zurückgebracht und unter dem Apfelbaum begraben.“
Wolfgang schwieg eine ganze Weile. „Ja, das ist nicht schön, das kann man nicht verhindern, aber woher willst du wissen, dass das die Igel aus deinem Garten waren?“ Darauf konnte Kay nichts erwidern, die ganze Trauer und der Frust waren in ihm wieder erwacht.
Kay war ganz elend zumute und wollte nur noch dieses Auto verlassen, nur noch aus diesem Auto aussteigen.
In Stralsund angekommen, verabschiedete er sich von seinem Kollegen und fuhr mit dem Zug nach Berlin zurück. Den Besuch des Meeresmuseums mit Wolfgang hatte er gestrichen.
Die Nachmittagssonne verbreitete noch diese sanfte, angenehme frühlingshafte Wärme, als Kay in die kleine Straße einbog. Vor dem Hauseingang bemerkte Kay die auf der Straße liegenden Nussschalen. Und sein Blick wanderte automatisch hinauf zu der Straßenlaterne. Es war niemand zu sehen. Nur zu hören war, wie ein Vogel scheinbar verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. „Da hast du mich letzte Woche ganz schön verladen mit deinen Kunststücken.“ Und etwas versöhnlicher fügte er hinzu: “Deine Schalen räumst du bitte das nächste Mal von der Straße.“