Die Tage in der Mitte des Monates April nahmen mit ihrer sonnigen Milde schon einmal die für den Mai vorgesehenen Wonnen vorweg. Nach Tagen mit kalten Schauern, Frösten und wenig Licht war die Natur mit vielen Farben und noch mehr Stimmen erwacht. So waren die meisten Zugvögel an ihre Nistplätze des vergangenen Jahres zurückgekehrt. Die Nachtigall übte den ganzen Tag lang unermüdlich ihre Tonfolgen. Es würde wohl noch einige Tage dauern, bis sie ihre Lieder so wie im vergangenen Jahr singen konnte. Der Kuckuck war auch schon gesehen worden, sagte aber noch nichts. Bis zum ersten Ruf des Kuckucks, der drei Tage vor Ende des Monates zu erwarten war, fehlten genau 12 Tage. Und in einer Senke des nahen Weizenschlages standen zwei Kraniche und zupften die frische Saat. In einiger Entfernung, mehr hin zur Straße, hockte der Rabe und zupfte ebenfalls genussvoll den jungen Weizen.
Die Bewohner des Dorfes waren in diesen Tagen damit beschäftigt, sich nach ihrem Verständnis auf den Frühling vorzubereiten. Im Festsaal des Dorfes hatten sich an diesem frühen Vormittag Frauen versammelt, um Schmetterlinge aus Papier, Dekoration für das bevorstehende Frühlingsfest, zu basteln. Vor dem Gebäude wurden aus einem Fahrzeug Bierkästen und Weinkartons ausgeladen und hineingetragen. Den Flaschen folgte ein gewaltiger Holzkohlegrill. Mit einem weiteren Transporter waren zwei in orangen Latzhosen steckende Arbeiter angekommen und luden verschiedene Maschinen und Gerät ab. Der eine Mann in Orange hängte sich ein Motorgebläse um und versuchte, die letzten, liegengebliebenen Blätter der Eiche auf dem Vorplatz in eine bestimmte Richtung zu zwingen. Der andere machte sich mit einem laut fauchenden Brenner daran, das zarte Grün in den Fugen der Pflasterung zu vertreiben. Es erhob sich ein Höllenlärm.
Und obwohl es auf dem kleinen Vorplatz schon ziemlich eng war, versuchte der Mann mit seinem Fahrrad und den Gießkannen auf dem Anhänger nun auch noch, sich dort hindurch zu drängeln. Der Mann am Gebläse hörte auf, zu blasen und beobachtete misstrauisch, wie der nicht besonders zuverlässig wirkende Anhänger mit wenig Abstand zwischen den Fahrzeugen verschwand. Hier lauerte Gefahr, die von diesem Sonderling mit seinem Fahrrad und den Gießkannen ausging. Was sollte dieser Blödsinn mit den Gießkannen – dachte er bei sich – das Amt, also letztlich er in Orange allein hatte die Aufgabe, sich um die Belange der Natur zu sorgen. Er gab seinem Kollegen mit dem Brenner an der anderen Seite des Vorplatzes Zeichen, um ihn auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Dieser hatte bereits alles im Blick, schüttelte heftig den Kopf und zeigte einen Scheibenwischer in Richtung Radfahrer. Dieser wiederum hatte die scheinbar ihm geltende Geste aus den Augenwinkeln beobachtet, zwang sich jedoch, den Ort der Frühlingsvorbereitung ohne weiteren Aufenthalt zu verlassen.
Mit zunehmender Entfernung zu den Frühlingsvorbereitungen stellte sich eine gewisse Ruhe ein und die ersten Vögel waren wieder zu hören. Dennoch war der Weg, den der Mann mit seinen Gießkannen schon mehr als hundert Mal zurückgelegt hatte, heute besonders holprig.
Er radelte mit seinem Anhänger leicht bergan und sah schon von weitem ein neues Hindernis, nun auf der Fahrradstraße. Auf dem Wiesenstreifen neben der Straße parkten mehrere Fahrzeuge und auf deren Höhe, mitten auf der Fahrbahn stand so ein wuchtiger Pickup. Gehörte das auch zu den Frühlingsvorbereitungen?
Als der Mann näher heran war, bemerkte er zwei Männer und eine Frau, die auf dem Feld standen und rauchten. Um sie herum sprangen mehrere Hunde, die miteinander rauften oder in ihrem Spiel über das Feld jagten. Das ganze Geschehen schien nur dadurch gestört zu sein, dass ein weiterer Mann in kariertem Hemd, an Rand des Feldes stehend, ziemlich aufgeregt auf die Hundebesitzer einredete. Beim Näherkommen erkannte der Mann auf dem Fahrrad den Karierten, das war der Landwirt, dem der Pickup gehörte, der nun die Straße sperrte.
Bei den Autos angekommen, stieg der Mann von seinem Fahrrad und schob sein Gespann vorsichtig an dem Pickup vorbei.
„Das hier ist keine Hundewiese, hier wächst mein Weizen“, hörte er den Karierten empört in Richtung der Hundebesitzer rufen, „ runter von meinem Acker!“
Der Lange, ein Typ von vielleicht 35 Jahren, bestimmt über 1,90 m groß, leicht nach vorn gebeugt , wandte sich dem Landwirt zu und meinte: „Nun bleib mal locker, wir machen doch keinen Schaden, wir wussten nicht, dass die Wiese hier ein Feld ist.“
„Aber jetzt wisst ihr es, Abfahrt!“
Da mischte sich die Frau, eine schwarz gefärbte mit Tattoos am Hals in die beginnende Streiterei ein, nachdem sie ihre Zigarette weggeworfen hatte. „Nun übertreibst du aber ein wenig, können wir erst noch unsere Hunde einsammeln?“
„Seht zu, dass ihr verschwindet, ehe ich mich vergesse!“ Es begann ein Hagel von Beschimpfungen, die hier nicht wiederholt werden müssen.
Selbst der unbeteiligte Mann mit seinen Gießkannen zog instinktiv den Kopf etwas ein, stieg wieder auf sein Fahrrad und rollte langsam in Richtung seiner Bäume davon. Bloß weg hier, dachte er und hörte noch, wie der Karierte erneut aufbrauste: „ich habe nicht die Zeit, mich mit euch Berlinern …“ Den Rest verstand er schon nicht mehr und war froh über die langsam zurückkehrende Stille. Er sah hinüber in die Senke, jedoch die beiden Kraniche hatten sich verzogen, auch den Raben konnte er nicht mehr entdecken.
Ohne weitere Komplikationen erreichte der Mann mit seinen Gießkannen die Wegbiegung, an der seine Bäume standen. Am anderen Wegrand in einem Schneeballgebüsch trainierte die Nachtigall wie schon am Vortag ihre Lieder. Oder war es doch ein Sprosser? Das würde sich erst in einigen Tagen herausstellen, wenn alle Übungen abgeschlossen waren.
Während der Mann seine Bäume goss, dabei der Nachtigall zuhörte, die ersten Hopfenranken aus den noch jungen Bäumen herausfädelte, war auch der Landwirt mit seinem Pickup den Weg heraufgefahren, hielt an und ließ die Seitenscheibe herunter, sagte aber nichts.
Der Mann drehte sich mit einer Gießkanne in der Hand zu dem Fahrzeug herum und betrachtete für einen Moment den Fahrer. Er war so um die sechzig, weißhaarig, wirkte dadurch etwas älter und sah noch immer puterrot aus im Gesicht.
„Tachchen, ist das Unwetter vorübergezogen?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob diese nichtsnutzigen Hundeleute mich verstanden haben. Fast jeden Tag muss ich Hundebesitzer von den Feldern vertreiben. Frage mich manchmal, ob die in der Schule noch irgendetwas Nützliches lernen.“
Beide schwiegen eine Weile.
„Schwer zu sagen, wahrscheinlich sind sie nicht dumm, es fehlt ihnen nur das Wissen.“
„Sehr tröstlich, naja, ich muss weiter.“ Der Pickup rollte langsam los.
Herrlich, dachte der Mann mit den Gießkannen, Frieden. Er sah sich jeden Baum nochmals gründlich an und war einfach zufrieden. Ja, man brauchte Geduld und Optimismus, den Rest löste die Natur allein. Er lud seine Gießkannen ein und rollte gemächlich zurück. Und er sah schon von Weitem, dass neues Ungemach oder besser das alte am Wegesrand wartete. Die Hundebesitzer hatten den Landwirt nicht verstanden oder es kümmerte sie einfach nicht, was er von ihnen verlangt hatte. Für den Mann mit dem Fahrrad gab es nur den einen Weg zurück, er musste dort an den Leuten mit den Hunden vorbei, wegsehen war ausgeschlossen. Eine innere Stimme flehte noch: “Häng dich da nicht rein, sind nicht deine Angelegenheiten“. Dann nahm das Unvermeidliche seinen Lauf.
Der Mann blieb mit seinem Fahrrad vor den parkenden Autos stehen und sah zu den Hundebesitzern hinüber. Die waren ein ganzes Stück in das Feld hineingelaufen. Drei Hunde tobten über den Acker, ein schwarzer Labrador, eine französische Bulldogge und ein Barsoi. Der etwas kleinere, leicht dickliche Mann warf ein Hundespielzeug im hohen Bogen über das Feld und die Hunde jagten los, die Erde spritzte auf und der junge Weizen flog ebenfalls durch die Luft. Die Frau beobachtete das Geschehen und rauchte, der Lange telefonierte etwas abseits stehend. Niemand nahm von dem Radfahrer Notiz.
Geduld, dachte dieser, und außerdem habe ich Zeit.
Nach einer ganzen Weile hörte der Lange auf zu telefonieren, sah zu dem Fahrradfahrer hin und gimg gemächlich auf diesen zu. Mit einigen Metern Abstand blieb er am Feldrand stehen und sah den Fahrradfahrer ein wenig herausfordernd an, sagte jedoch nichts.
„Tachchen, das ist hier keine Hundewiese. Ich meine, ihr habt das heute schon mal gehört. Ist ein Feld, da wächst Weizen.“
„Und weiter?“ erwiderte der Lange.
„Nichts weiter, geht mit euren Hunden doch einfach auf einen Hundeplatz und spielt dort mit euren Lieblingen.“
„Ja, ja, hast du sonst noch Neuigkeiten?“ fragte der Lange und wandte sich halb zum Gehen um. Den Radfahrer musste man nur ignorieren, dachte er, der ist harmlos.
„Darf ich dich noch was fragen?“ Der Radfahrer wollte den Faden nicht abreißen lassen.
„Was denn noch?“ gab der Lange zur Antwort.
„Ihr seid doch aus Berlin, wart ihr heute schon beim Bäcker?“
Der Lange sah verständnislos auf den Radfahrer, wo sollte diese Fragerei hinführen?
Der Fahrradfahrer begriff, dass der aufgenommene Gedanke nachgearbeitet werden musste.
„Ihr habt doch in Berlin fast an jeder Ecke eine Bäckerei, da holt man sich die Brötchen fürs Frühstück und den Kuchen zum Kaffeetrinken. Oder nicht?“
Der Lange ließ sich jetzt, wenn auch widerwillig, auf das Gespräch mit dem Fahrradfahrer ein. „Bei mir um die Ecke ist ein Bäcker aus dem Schwabenland, der backt alles selbst. Da habe ich heute Morgen meine Brötchen gekauft. Laugenbrötchen.“
„Na siehst du, würde ich auch so machen, hier gibt es weit und breit keinen Bäcker. Und dein Bäcker aus dem Schwabenland macht bestimmt Werbung damit, dass er regionale Produkte verarbeitet, wahrscheinlich aus dem Schwabenland.“
„Nein, nein, da liegen diverse Flyer aus. Dieser Bäcker verarbeitet nur Mehl aus regionalem Anbau für seine Backwaren. Ist doch in Ordnung, oder?“
„Sehr gut“, erwiderte der Mann auf dem Fahrrad,
„und hast du ne Peilung, wo das regionale Mehl wächst?“ Er schmunzelte leicht bei dieser Frage.
„Wie, wo das Mehl wächst? Du meinst, das Getreide?“
Der Radfahrer nickte. Übrigens waren die anderen Beiden mit den Hunden ebenfalls herangekommen. Die Hunde wirkten erschöpft, insbesondere die Bulldogge. Der Labrador umkreiste schwanzwedelnd den Langen, lief dann aber einige Schritte in das Feld zurück, hockte sich in den Weizen und packte sein großes Geschäft mitten hinein. Die Hundebesitzer hatten den Vorgang mit großem Interesse verfolgt und auch der Fahrradfahrer konnte sich erst abwenden, als das Ergebnis sichtbar wurde. Der Hund sprang also wieder auf und ein großer Haufen blieb im Weizen liegen.
Unter dem Eindruck dieses Ereignisses nahm der Fahrradfahrer leicht belustigt den Gesprächsfaden wieder auf:
„Siehst du“, fuhr er fort, „die Sache liegt doch auf der Hand, besser gesagt, vor uns mitten im Weizen. Regionaler Weizen kommt aus Brandenburg, quasi von diesem Acker hier, den ihr gerade mit euren Kötern verwüstet. Und wenn der Bauer doch noch Weizen ernten kann, das ist nicht sicher, dann wird dieser zu Mehl und in den Berliner Bäckereien zu Brötchen verarbeitet. Deine Laugenbrötchen werden aus Weizenmehl gebacken, aus Weizen von hier. Und morgen früh gehst du wieder mit deinem Liebling da zu dem Schwabenbäcker und kaufst Laugenbrötchen und ‘ne Brezel. Und danach wirst du mit deiner Freundin zusammen frühstücken, mit duftendem Kaffee und wenn du dein Laugenbrötchen genussvoll aufschneidest, wird dir ein Hauch von Hundescheiße um die Nase wehen. Das geht auch nicht mehr weg.“
Der Mann mit seinem Fahrrad konnte nicht weitersprechen, er prustete vor Lachen los, verschluckte sich, hustete und musste erneut loslachen. Nach und nach beruhigte er sich, winkte den Hundebesitzern kurz zu und fuhr davon.
Der Rabe übrigens, der die ganze Zeit auf der Toreinfahrt gegenüber gehockt hatte, hielt den Kopf etwas schief und bei genauerem Hinsehen hätte man sein Grinsen bemerken können.
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