Heute haben wir einmal die Rollen getauscht, ich frage und Paul antwortet.
Frage: Vielleicht mal zum Einstieg: Ihr seid Ende Juni 2024 nach Frankfurt gefahren, von Frankfurt nach Vancouver geflogen, dort habt ihr euch in zwei Tagen die Stadt angesehen und wurdet dann mit einem Auto abgeholt für den letzten Abschnitt der Reise bis zur Ranch… Erzähl mal, was du so auf der Fahrt zur Ranch alles gedacht hast und was du für einen Eindruck hattest, als du angekommen bist. War das so, wie du dir das vorgestellt hast, oder war alles ganz anders?
Paul: Auf der Autofahrt hab ich mich erst mal konzentriert, dass mir nicht übel wird. Das hat Gott sei Dank auch ganz gut funktioniert, ich durfte vorne sitzen. Der Fahrer ist sehr rasant gefahren, hat spektakuläre Spurwechsel durchgeführt und ist um die kurvigen Schotterstraßen gesaust, am Ende ist alles gut gegangen.
Auf dieser Fahrt in die Wildnis habe ich den ersten Schwarzbären gesehen, der suchte am Straßenrand scheinbar nach essbaren Dingen und hat sich auch nicht von einem vorbeifahrenden Auto stören lassen. Das hat mich überrascht, ich wusste auch gar nichts über Schwarzbären, die lange nicht so groß wie Grizzlies sind.
Nach sechs Stunden Fahrt sind wir dann auf der Ranch angekommen, es gab gleich Mittagessen. Alle waren guter Dinge, haben sich gefreut, Manon wiederzusehen, großes Händeschütteln und es sah anders aus, als ich gedacht hatte. Ehrlich gesagt, hatte ich mir nicht so konkrete Vorstellungen gemacht, aber alles war mit nichts vergleichbar, was ich schon kannte. Das ganze Anwesen, die Gebäude mit den Koppeln und Pferden und auch die Menschen, die ich kennenlernte. Es war so eine winzige Ansiedlung in einem riesigen Gebirge, mehrere Autostunden entfernt vom Ende der Zivilisation. Aber sehr herzlich. Und ich war nicht so überrascht, dass alles anders war, als ich es mir vage vorgestellt hatte.
Frage: Ja, aber wie war dein erster Eindruck?
Paul: Na, der erste Eindruck von der Ranch war gut, ich hatte aber noch immer ein ziemlich mulmiges Gefühl von unserer Anreise, weil wir, nachdem wir von der großen Hauptstraße abgebogen sind, durch ein großes Gebiet mit einem abgebrannten Wald gefahren sind. Dort standen nur noch die verkohlten Stämme einiger Bäume in der Landschaft, das sah gespenstisch aus. So was hatte ich bisher nicht gesehen. Das Feuer ist dort im letzten Sommer durchgegangen. Auf der Ranch jedoch war alles grün und die Stimmung wurde besser.
Frage: Wen von den Bewohnern der Ranch hast du bei eurer ersten Begegnung getroffen?
Paul: Mia und Sophie – zwei Praktikantinnen, Keith, den Boss, seine Partnerin Emma und die beiden kleinen Kinder und die Hündin Edna.
Frage: Gab es eine Ansprache vom Boss?
Paul: Na, schön, dass ihr da seid, wir haben ein paar Aufgaben für euch vorbereitet.
Frage: Ging das mit den Aufgaben dann auch schon los am ersten Tag?
Paul: Schon, doch zuerst haben wir uns mal ein Zelt ausgesucht, ein Bettlaken zu finden war nicht so einfach. Naja, und eben das Zelt aussuchen, es gab so viele Zelte. Nachdem das Zelt ausgewählt war, haben wir dort unsere Sachen abgeladen. Und mit den Aufgaben, ich weiß gar nicht mehr genau, ich denke, mit dem Ausfüllen der ganzen Papiere haben wir dann gleich angefangen.
Frage: Was war der Inhalt der Papiere, die Aufgabenstellung?
Paul: Es fing an mit einem Fragebogen, den man eigentlich ausfüllen soll, bevor man auf die Ranch kommt. Der ausgefüllte Fragebogen ist die Eintrittskarte, damit man überhaupt auf die Ranch kommen darf. Wer den Fragebogen nicht ausfüllt, darf nicht kommen. Das betrifft sowohl Praktikanten als auch Gäste. So ist die Regel. Und in dem Fragebogen wird man auch mit der Philosophie vertraut gemacht, die auf der Ranch vertreten wird. Diese Philosophie besteht im Kern aus sechs Prinzipien („nature connection, personal development, self-sufficiency, conscious- and awareness, empowerment and nature conservation), und zu jedem dieser Prinzipien soll man am Ende einen Aufsatz schreiben, sich Gedanken über das Thema machen, ergänzende Texte lesen und weitere Fragen beantworten. Die ausgefüllten Fragebögen, die Aufsätze und alles andere, was zu schreiben ist, wurde bei Keith auf den Schreibtisch gepackt und wurde von ihm oder wem auch immer ausgewertet. Das lief also auf eine Prüfung hinaus, ob beispielsweise der Praktikant die Philosophie der Ranch verstanden und sich damit beschäftigt hat.
Das war die erste Aufgabe, die zweite Aufgabe war der Küchentest und die dritte der Reittest.
Frage: Was muss ich mir unter dem Küchentest vorstellen?
Paul: Küchentest heißt, es gibt ganz viele Fragen, wie die tägliche Routine in der Küche ist und wie man sauber macht. Der Gedanke dahinter wiederum ist – oder besser anders herum, es gibt einen Ordner, in dem alles drinsteht, was du zur Küchenarbeit wissen musst. Da ist alles auf vielen Blättern aufgeschrieben und du musst dich durch den ganzen Ordner durchwühlen und dabei findest du noch viele andere Informationen, die du letztendlich auch aufnimmst und dadurch noch mehr lernst.
Teilweise werden da ganz simple Dinge behandelt, wie der Abwasch funktioniert, was in den Geschirrspüler kommt und was nicht, wie werden gusseiserne Pfannen gereinigt und all so was. Es muss also jeder, der auf der Ranch ankommt, diesen Küchentest machen, damit geklärt ist, dass jeder die grundlegenden Regeln der Küchenarbeit kennt und sofort anfangen kann, in der Küche zu arbeiten.
Und dann der Reittest, der funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Du hast wieder einen Ordner, liest die Theorie zu den Themen, die das Reiten betreffen, um dann Fragen zu beantworten. Beispielsweise, wenn man durch die Berge reitet, wo reitet man entlang, wenn man auf dem Weg ein Murmeltierloch sieht. Und die Antwort ist, man reitet unterhalb des Murmeltierloches, damit man mit dem Pferd nicht bei dem Murmeltier durch die Decke der Wohnstube bricht, aus Versehen. Oder, wie heißen die Teile, die an einem Sattel dran sind? Von welcher Seite steigt man auf das Pferd auf? …
Frage: Das sieht so aus, dass ihr die Regeln zur Erledigung aller Aufgaben kennengelernt habt, die von den Praktikanten in der Gemeinschaft zu übernehmen sind?
Paul: Genau, das sind die grundlegenden Abläufe, die jeder kennenlernen muss, der auf der Ranch arbeiten möchte. Jeder muss sich das Wissen über die Abläufe selbständig erarbeiten und wenn du später eine Frage hast, wird es dir auch jemand zeigen. Der Anfang ist selbständig und alleine, mit dem Ordner in der Hand.
Frage: Und seid ihr dann gleich in bestimmte Aufgaben eingeteilt worden, oder passiert das jeden Tag, dass gesagt wird, wer was macht, oder macht jeder das, was er sieht?
Paul: Im Prinzip ist das so, dass jeder seinen persönlichen Plan aufstellt, in einem Monatsplan aufschreibt, was er alles machen möchte, auch, was man lernen oder in der Umgebung kennenlernen möchte und sich für jeden Tag Aufgaben zuordnet. Der Plan, den du machst, ist immer mit der Frage zu verknüpfen, was ist der Sinn dahinter. Was ist dein übergeordnetes Ziel, dein höhergeordnetes Interesse, warum möchtest du etwas erlernen, Aufgaben übernehmen, Erfahrungen sammeln und natürlich auch, worin siehst du den Nutzen für die Gemeinschaft. So ist der eigentliche Ablauf.
Wir hatten zwar den Fragebogen ausgefüllt, bevor wir auf der Ranch angekommen sind. Der Fragebogen war danach jedoch aktualisiert worden und deshalb bestand für uns die Priorität, den neuen Fragebogen gleich nach unserer Ankunft also noch einmal auszufüllen. Gleichzeitig gab es schon Aufgaben, die einfach zugeteilt worden waren, die wir übernehmen können, die vorher ohne uns zusammengestellt worden waren.
Frage: Welche Aufgaben waren das?
Paul: Na, es waren eben nicht die schönsten Aufgaben, es waren Sachen, die man im Büro erledigt. Für die Internetseite der Ranch mussten Updates gemacht werden, vor allem unser Papierkram musste erledigt werden, na so was eben.
Frage: Gut, und die Zuteilung von Aufgaben in der Wirtschaft, wie ist das passiert? Wer räumt den Geschirrspüler ein, wer wäscht ab? Oder, wer stellt die Rasensprenger auf die Koppeln, wer füttert die Hühner? Keine Ahnung, oder wer putzt die Pferde?
Paul: Hm, die Pferde werden nicht geputzt. Grundsätzlich ist es so, wer aufsteht und die Initiative ergreift, geht und macht. Ich habe am Anfang gleich die 20 Hühner in die Hand gedrückt bekommen.
Frage: Das hieß ja, mit den Hühnern aufzustehen?
Paul: Wie, mit den Hühnern aufstehen?
Frage: Na,die Hühner müssen doch früh herausgelassen werden aus ihrem Hühnerstall.
Paul: Ja, aber am Ende ist doch die Frage, wann ich den Hühnerstall aufmache.
Frage: Na, wann?
Paul: Na, man kann den Hühnerstall früh um fünf Uhr öffnen, oder eben erst zehn Uhr. Aber wenn erst um zehn, dann werden die Hühner ganz schön meckern.
Frage: Gab es denn so einen Anspruch, wann jeder morgens aufsteht und mit der Arbeit beginnt? Gab es ein gemeinsames Frühstück, Mittagessen und Abendbrot?
Paul: Alles ist immer abhängig von der Frage, sind gerade Gäste da oder nicht und wie viel es zu tun gibt, beziehungsweise gibt es irgendwie ein besonderes Ereignis oder ein besonderes irgendwas was halt noch fertig gemacht werden muss bevor irgendwas passiert: Bevor irgendwelche Gäste ankommen oder bevor irgendwer mit den Pferden irgendwo hingeht und wenn irgendwas mit Pferden passiert, dann ist alles immer sehr früh. Und es ist im Sommer besonders früh, weil der Sonnenaufgang früh ist und weil es ziemlich schnell ziemlich heiß wird. Auch mit allen körperlich anstrengenden Aufgaben ist es so, dass die eher früh morgens erledigt werden sollten, damit du nicht in der Mittagshitze stehst und brütest mit deinem Spaten in der Hand, sondern die Arbeit halt vorher fertig kriegst und meistens haben wir uns dann eben um fünf schon im Büro getroffen und den Plan für den Tag besprochen. Keith hat in der Regel erzählt, was er sich vorgestellt hat für den Tag.
Frage: Und dann wurde das noch mal durchdiskutiert oder war es so, er hat erklärt, was er sich vorstellt, und dann ist es so?
Paul: Kommt drauf an, wenn du einen guten Vorschlag machst, kannst du den mit einbringen. Es gab auch Sachen, die wurden nicht diskutiert, das hing von der Stimmung ab.
Frage: Das heißt aber, die Gemeinschaft hat sich in der Regel jeden Tag fünf Uhr im Büro getroffen, um den Tagesplan zu besprechen, die Aufgaben, die zu erledigen sind und jeder wusste, wo es lang geht.
Paul: Ja, und irgendjemand ist gegangen, um Frühstück zu machen.
Frage: Frühstück hieß, alle Mitglieder der Gemeinschaft frühstücken zusammen und die Gäste gleichermaßen?
Paul: Genau, und dann gibt es noch eine Morgenrunde. Da gibt es einen Zettel mit Fragen, die jeder beantwortet, die Fragen sind jeden Tag dieselben. Also, was ist auf deiner To do-Liste heute, mit welcher Einstellung gehst du an deine Aufgaben heran, was musst du machen, damit du dich am Ende des Tages gut und ausbalanciert fühlst? Wofür bist du dankbar? Und dann beantwortet jeder die Fragen mündlich, erzählt und es geht einmal im Kreis herum. Alle nehmen daran teil, auch die Gäste. Dann weiß jeder, wo die anderen gerade stehen, was sie sich für den Tag vorgenommen haben. Du kannst deine Ziele ankündigen und am Abend kommen alle wieder zusammen und jeder kann berichten, wie war es denn.
Frage: Die Abendrunde gibt es auch jeden Tag?
Paul: Genau, da sind wieder Fragen zu beantworten, wofür bist du dankbar, welche drei Erfolge hast du erreicht? Dann sollst du auf einer Skala von eins bis zehn einschätzen, wie fühlst du dich im Gleichgewicht, also körperlich, emotional-spirituell und intellektuell? Und dann gibt es noch zwei Fragen, was hat dich heute beeinflusst und welchen Einfluss hattest du heute auf deine Umwelt? Und das ist eigentlich ganz interessant, weil die meisten Menschen ins Stocken kommen, wenn sie sich fragen, welchen Einfluss hatte ich heute auf meine Umwelt. Also es könnte ja ein Einfluss sein auf die anderen Menschen um dich herum, oder auch ein Einfluss auf die natürliche Umwelt. Irgendeinen Einfluss hat man immer. Ja, irgendetwas hat man immer beeinflusst. Und sich das mal zu fragen, finde ich gar nicht schlecht.
Frage: Das ist dann aber nicht ausgewertet oder irgendwie bewertet worden, sondern jeder hat erzählt.
Paul: Nein, jeder hat erzählt und dann ist der Nächste dran. Manchmal waren die Runden ganz lustig, manchmal sind sie nicht so lustig. Es gab auch Tage, da waren alle schon ziemlich müde, wollten bloß noch ins Bett gehen und mussten noch die Abendrunde machen. Manche erzählen ganz viel und quatschen eine halbe Stunde über ihren Zettel und andere sind da in 30 Sekunden durchgerauscht.
Frage: Wie war das so, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen, gab es einen, der entscheidet oder war das mehr eine Gemeinschaftsaufgabe?
Paul: Grundsätzlich ist das eine Gemeinschaftsaufgabe, aber am Ende ist Keith derjenige, der das letzte Wort hat. Und der sagt, so geht’s oder so geht es nicht.
Frage: Wie muss ich mir das vorstellen, wenn man Gast auf der Ranch wird?
Paul: Du fragst an, ob du kommen kannst. Dann musst du einen Fragebogen ausfüllen, also Fragen dazu beantworten, ob dir das bewusst ist, dass du deine Komfortzone verlassen wirst und dass du aus dem städtischen Umfeld in ein Umfeld kommen wirst, wo eben nicht so viel Infrastruktur ist, wo du auch mal eine Nacht im Zelt schlafen wirst. Ob dir das alles bewusst ist und du nicht mit deinen Ansprüchen als Stadtmensch da hinkommst und am Abend denkst, ich bestelle mir jetzt mein Bier und rauchen möchte ich auch. Es gibt keinen Alkohol und das Rauchen ist verboten. Du kannst dir als Gast Alkohol mitbringen, aber es ist nicht gerne gesehen.
Du musst also den Fragebogen ausfüllen und damit soll sichergestellt werden, dass die Gäste, wenn du sie auf einen pack trip mitnimmst, es auch mal anstrengend finden werden und es ein bisschen härter werden kann. Sie sollen damit klar kommen und sich eben nicht die ganze Zeit nur beschweren und dir das Leben schwer machen, weil sie gar nicht darauf eingestellt waren, sechs Stunden zu reiten und dann hinterher noch die Pferde zu versorgen und sie sich auch mal den Tee selbst kochen müssen. Und eben erst die Pferde versorgt werden, bevor es Abendbrot gibt.
Frage: Aber die Gäste haben im Verhältnis zu den Praktikanten eine andere Stellung oder müssen sie alle Aufgaben in der Wirtschaft gleichermaßen mit erledigen?
Paul: Nee, die Gäste sind schon Gäste und haben eine andere Stellung als die Praktikanten. Ein Praktikant ist ja quasi eine angestellte Arbeitskraft. Es ist schon unterschiedlich, Gäste würden nicht unbedingt abwaschen, den Tisch abräumen oder Mittag kochen. Wenn sie dann aber auf einem pack trip sind und in einem Camp übernachten, dann sind sie dort in alle Aufgaben eingebunden. Pferde versorgen, die müssen auf die Wiesen gebracht werden, wo sie die Nacht über grasen können, das Essen auf den Herd zu stellen und nach dem Essen abzuwaschen, Kaffee zu kochen. Das machen alle zusammen. Aber du bist jetzt nicht dazu verpflichtet außer, die Pferde zu versorgen und zu satteln. Das ist Teil des Konzeptes.
Frage: Die Gäste kommen, um Ausflüge zu machen, die Umgebung kennenzulernen und das alles auf dem Rücken der Pferde?
Paul: Genau, du kannst einen Mehrtagesritt, so einen pack trip buchen, der zu einem Camp geht und dort gibt es dann auch Tagesausflüge zu Pferde weiter in das Gebirge. Du kannst auch eine Woche auf der Ranch bleiben und von dort Tagesausflüge machen, du kannst wandern gehen oder Ausritte machen. Du kannst auch zu einem Tagesausritt kommen, dann zwei Stunden zu einem Aussichtspunkt reiten und wieder zurück. Das sind die klassischen Optionen.
Frage: Ausflüge zu einem Camp heißt, es gibt Außenstationen, die zur Ranch gehören?
Paul: Ja, es gibt mehrere Wanderhütten, die in den Bergen sind, und dort kann man hinreiten oder wandern. Die Camps sind gut ausgestattet mit Zelten und Matratzen, mit Gasherd, Ofen und grundlegenden Lebensmitteln.
Frage: Die Ausflüge sind immer begleitet, da reiten dann Mitarbeiter der Ranch, Praktikanten mit?
Paul: Genau, Guides. Pro Trip werden immer zwei Guides geplant.
Auf der Ranch kannst du beispielsweise die guide school durchlaufen. Nach der Ausbildung bist du ein assistant guide, kannst dann mit einem erfahrenen Guide Trips begleiten, dir weiteres Wissen aneignen, die Wege kennenlernen und vieles mehr. Auf der guide school lernst du das grundlegende Handwerkszeug kennen, um Gäste durch die Wildnis zu führen.
Frage: Und zu dem Handwerkszeug gehört der Erste-Hilfe-Kurs, oder die Einschätzung der Wetterlage?
Paul: Ja, auch schon, aber noch vieles Anderes. Zum Beispiel, wie packt man das Packpferd. Das Reitpferd muss jeder Gast selbst satteln, alle Gäste müssen das lernen, aber es wird auch Gepäck der Gäste mitgenommen, Schlafsäcke und mehr, es müssen auch Lebensmittel mitgenommen werden und dafür gibt es das Packpferd, das die Packboxen trägt. Und wie führt man das Packpferd? Wie orientiert man sich in den Bergen? Man muss das Gelände genau kennen. Oder, wie beschlägt man ein Pferd? Es kommt nicht selten vor, dass Pferde unterwegs Hufeisen verlieren oder Hufeisen sich lockern. Dann müssen unterwegs Hufnägel eingeschlagen werden und der Guide muss das können, notfalls auch mit einem Stein. Das lernt er oder sie.
Frage: Gibt es denn einen Plan, wie man mit den Tieren der Wildnis umgeht?
Paul: Ja, das lernt man da auch, zum Beispiel, was ist zu tun, wenn die Gruppe auf einen Bären trifft. Es gibt ein Video auf der Ranch, von einem Guide, der früher die Einweisungen zum Umgang mit Bären durchgeführt hat. Der hat das mal in einer halben Stunde erklärt und aufgezeichnet.
Der erklärt dort, was zu tun ist, wenn man ausversehen in einen Bären hineinläuft. Er sagt, als Erstes sollst du ein Foto machen. Als Zweites soll man die augenblickliche Situation checken. Auf keinen Fall darf man wegrennen oder auf einen Baum klettern. Auch wenn sie nicht so aussehen, Bären sind sehr schnell und klettern mindestens genauso gut wie du.
Es macht einen Unterschied, ob man auf einem Pferd oder zu Fuß auf einen Bären trifft. Wenn du auf einem Pferd sitzt, ist das kein Problem, denn du bist wesentlich größer als der Bär. Und Bären und Pferde haben miteinander kein Problem, Bären und Pferde können zusammen auf derselben Wiese stehen und grasen und dort friedlich nebeneinander existieren. Wenn man jetzt mit seiner Gruppe auf einem Pfad reitet und plötzlich den Bären erschreckt, muss man den Abstand einschätzen, beobachten, was macht der Bär, reitet langsam und geordnet zurück und versucht, den Bären zu umgehen. Wenn man dem Bären zu Fuß begegnet, versucht man ebenfalls, langsam rückwärtszugehen, den Bären in Frieden zu lassen und meistens wird sich der Bär auch nicht für dich interessieren. Das einzige Problem entsteht, wenn man zwischen eine Bärin und ihre Jungtiere gerät. Für den Fall sollte man ein Bär-Spray bereithalten, das ist ein großes Pfefferspray. Wenn der Bär dich angreift, weil er seine Jungen verteidigen will, nimmt man das Bär-Spray und pustet ihm die volle Ladung ins Gesicht. Bär-Spray sollte man nicht verwenden, wenn man gerade auf dem Pferd sitzt, um das Pferd nicht zu reizen, dass es nicht durchdreht.
Du musst also sehr genau gucken, wie sind die Abstände, woher kommt gerade der Wind. Wenn du jetzt kräftigen Gegenwind hast und das Bär-Spray abfeuerst, bekommst du die Ladung erst mal selbst.
Frage: Die Guides und die Gäste haben immer ein Bär-Spray dabei?
Paul: Also die Guides haben so ein Spray, die Gäste meistens nicht. Man geht ja größtenteils zusammen und wenn man abends noch mal auf das out-house, also auf das Klo muss, dann kannst du dir einfach so ein Bär-Spray mitnehmen, da hängt in der Hütte immer eines am Nagel und du hast eins dabei.
Frage: Sag doch mal bitte, welche Arten von Bären gibt es denn da oben, wo die Ranch liegt?
Paul: Es gibt die Schwarzbären und die Grizzlybären. Man sagt, dass die Schwarzbären mehr unten am Berg ihr Habitat haben und die Grizzlybären vor allem im Sommer immer weiter nach oben wandern, weil es ihnen weiter unten zu heiß wird. Sie sind auch recht faule Wesen, die nicht immer Lust haben, sich durch das Gestrüpp zu drängeln mit ihrem dicken Fell und dem dicken Hintern und dann eben im Sommer lieber weiter nach oben wandern und auf den Hängen und Kämmen unterwegs sind, wo es keine Bäume mehr gibt.
Die Schwarzbären sind meistens nicht mal schwarz, wie man denken könnte, deswegen ist das manchmal auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu unterscheiden, ob es ein Schwarzbär oder ein Grizzly ist. Schwarzbären sind häufig braun, haben aber ein spitzeres Gesicht und längere Ohren, tendenziell etwas kleiner als die Grizzlies. Grizzlybären dagegen haben, wenn man von der Seite guckt, da, wo die Schulter ist, wie so einen kleinen Buckel, den die Schwarzbären nicht haben. Bei denen verläuft der Rücken gerade und fällt dann zum Hintern runter.
Frage: Wovon ernähren sich die Schwarzbären und die Grizzlies?
Paul: Man sagt, dass die Schwarzbären ein bisschen mehr Prädatoren sind als Grizzlybären, aber grundsätzlich sind das Allesfresser.
Sie fressen Beeren, Äpfel, alles, was ein bisschen Zucker enthält, buddeln auch gerne in der Erde nach Wurzeln, Insekten, auch Aas, und von den Grizzlybären kennt man die Bilder, wenn die Lachse flussaufwärts wandern und die Bären im Fluss stehen und sich die Lachse fischen. Und das ist eigentlich ganz interessant, denn unterhalb der Ranch gibt es einen großen Fluss, in dem natürlicherweise auch die Lachse vorkommen würden. Nun ist das aber so, dass vor 100 Jahren ein Staudamm gebaut wurde, der zur Stromerzeugung genutzt wird, und ein großer Stausee dahinter entstanden ist.
Seitdem können da keine Lachse mehr hochwandern. Das heißt, die Grizzlybären in der Region mussten ihre Ernährung umstellen, denn gab es flussaufwärts keine mehr. Sie mussten eine andere Nahrungsquelle finden, um sich auf den Winterschlaf vorzubereiten. In der Region gibt es eine besondere Kiefer, die white bark pine, die wächst an der oberen Baumgrenze, und bildet Nüsse ähnlich wie Pinienkerne, die groß und gehaltvoll sind mit Fetten und Proteinen. Diese Kiefern haben jedoch nur alle drei Jahre Samen und die Grizzlybären haben sich umgestellt und angefangen, diese Kiefernsamen zu fressen. Damit haben sie es geschafft, eine alternative Nahrungsquelle zu finden, um über den Winter zu kommen. In der Region wurde schon beobachtet, dass eine Grizzlymutter drei oder vier Junge zur Welt gebracht hat, was sehr ungewöhnlich und nur möglich ist, wenn die Bärin gut vorbereitet ist auf den Winter und ausreichende Reserven hat. Die Jungen werden während des Winterschlafes geboren, verbringen ihre ersten Lebensmonate in der Winterschlafhöhle und müssen in dieser Zeit von der Mutter versorgt werden. Das ist nur möglich, wenn die Bärin sich ein dickes Fettpolster angefressen hat.
Frage: Bist du denn Bären begegnet, also nicht im Auto, sondern dort in der Natur?
Paul: Ja, regelmäßig Schwarzbären, die auf der Ranch vorbei gekommen sind, um die Äpfel zu fressen von dem einzigen Apfelbaum. Meine Aufgabe war es dann, die Äpfel zu pflücken, dass wir nicht ständig den Bären zu Besuch haben. Man erschreckt sich auch ganz schön, wenn man vom Büro in die Küche geht und du kommst um die Ecke und 20 Meter vor dir steht der Bär und reißt da an den Ästen mit den Äpfeln herum.
Frage: Ja, ja, heißt das dann Gefahr, ich stelle mir das nicht so entspannt vor. Da steht der Bär, der ist genau so groß wie du, der verteidigt dann seine Äpfel?
Paul: Das ist schon ein Schreck, das erste Mal. Er hat sich nicht für mich interessiert, als ich an ihm vorbeigegangen bin und musste seine Äpfel nicht verteidigen. Es ist immer ein bisschen schwierig, wenn Hunde in der Nähe sind, weil die Hunde gerne denken, dass sie den Bären aus ihrem Revier vertreiben können. Manche Bären lassen sich auch von einem Hund verscheuchen.
Frage: Wenn der Bär zu Besuch kommt, gibt es keinen Alarm, alle wissen, da ist der Bär?
Paul: Alle wissen es, alle versuchen, irgendwie einen Bogen um den Bären zu machen. Man versucht, sich ruhig zu verhalten, langsam rückwärts zu gehen, wenn man aus Versehen in den Bären reingerauscht ist und beobachtet einfach, wie reagiert er auf dich, interessiert er sich für dich oder interessiert er sich nicht.
Auf einer Wanderung habe ich auch einen Grizzly gesehen, der war sehr weit weg und das ist auch besser, wenn man zu Fuß unterwegs ist und den Bären aus sicherer Entfernung beobachten kann. Gefährlich kann es werden, wenn man durch den Wald läuft und man den Grizzly plötzlich überrascht, besonders, wenn es eine Bärin mit ihren Jungen ist und du vielleicht zwischen die Bärin und die Jungtiere gerätst. Um das zu verhindern, schleicht man nicht durch den Wald, man macht Geräusche, unterhält sich, dass der Bär dich schon rechtzeitig bemerken kann und dann verzieht er sich schon, bevor man ihn überhaupt zu Gesicht bekommt.
Grundsätzlich ist der Mensch keine Nahrung für Grizzly oder Schwarzbären. Anders, als für den Eisbären, wenn du in einen Eisbären reinläufst wäre das schlecht, der Eisbär sieht den Menschen als Nahrung.
Frage: Auf der Ranch hat sich während deiner Zeit kein Grizzly blicken lassen?
Paul: Doch, am letzten Abend kam ein Grizzlybär vorbei, wir saßen gerade beim Abendbrot, haben aus dem Fenster geguckt und da ist der Bär vor dem Fenster lang, also mit Abstand, über die Wiese, auf der sonst die Pferde stehen, und hat dort Gras gefressen. Wir sind dann hinausgegangen, um uns den Bären anzusehen, der Hund ist gleich dem Bären hinterher gejagt und der Bär ist verschwunden. Wir konnten ihn nur kurz beobachten. Ganz ohne Aufregung. Man muss natürlich sehen, dass die Kinder nicht allein draußen sind, und dem Bären in die Arme laufen.
Frage: Es gibt niemanden, der ständig beobachtet, ob Bären anwesend sind, aber wenn die Kinder draußen sind, sollte auch ein Erwachsener dabei sein?
Paul: Grundsätzlich ja, das hängt auch ein bisschen vom Alter der Kinder ab, bei einem zweijährigen Kind auf jeden Fall. Die zweijährige Jessy wusste natürlich, was ein Bär ist und sie war auch immer die Erste, die am Fenster stand und begeistert „Bär, Bär, Bär!“ gerufen hat. Ein Bär war immer eine Attraktion. Sie wusste natürlich auch, dass ein Bär gefährlich ist und wäre nicht als erste aus der Tür gelaufen, um vielleicht den Bären zu streicheln.
Frage: Noch mal anders herum gefragt, gab es noch andere Mittel, einen Bären abzuwehren auf den pack trips oder bei den Wanderungen? War das Pfeffferspray das einzige Mittel?
Paul: Na, wenn du mit dem Pferd unterwegs bist, nimmst du nur das Pfefferspray mit, du hast ja das Pferd. Doof ist, wenn man runterfällt, man sollte also zusehen, dass man oben bleibt. Auf unsere zweiwöchige Wanderung haben wir auch eine Schrotflinte mitgenommen, Manon hat einen Waffenschein. Die Schrotflinte wäre das letzte Mittel, womit man sich verteidigen könnte für den ungünstigen Fall, dass man zwischen Bär und Futter oder Jungtiere gerät. Das sollst du jedoch mit allen Mitteln vermeiden. Die Schrotflinte war ziemlich nervig, die war ein zusätzliches schweres Gepäckstück auf einer Wanderung, wo du alles mitnehmen musst. Übrigens hatte die auch einen heftigen Rückschlag, wir haben sie vor dem Losgehen noch ausprobiert.
Frage: Bei Tageslicht war sicherlich alles übersichtlicher, im Dunkeln eher nicht?
Paul: Ja, bei Tageslicht auch nicht unbedingt, wenn du durch den Wald gehst oder durch Gestrüpp und du keine Sicht hast. Deshalb sollst du immer hörbar sein. Es gibt Leute, die sich einfach kleine Glöckchen an den Rucksack hängen, die dann so vor sich hin bimmeln, ganz wichtig für Wanderer, die alleine unterwegs sind. Der Bär soll rechtzeitig wissen, da kommt jetzt wer und er verzieht sich einfach frühzeitig. Dann triffst du meist keinen Bären.
Frage: Die Bären sind nicht darauf aus, den Menschen zu überfallen?
Paul: Grundsätzlich nicht. Schlecht ist es, wenn du in deinem Zelt übernachtest und dort dein Essen dabeihast und das den Bären anlockt. Deswegen hängt man das Essen, wenn man draußen schläft, weiter entfernt vom Schlafplatz in einen Baum nach oben, und sucht sich eine Stelle aus, wo man sich vorstellt, dass der Bär dort nicht hin klettern kann. Manchmal gibt es weit ausladende Äste, da hängt man die Lebensmittel rein. Gut ist, wenn das da frei hängt und der Bär von unten nicht direkt aufsteigen kann. Wenn es so was nicht gibt, sucht man sich einen kleineren Baum und versucht die Sachen dort in der Spitze mit einer Schnur festzubinden. Es geht nur darum, dass du das Essen nicht an deinem Schlafplatz hast und der Bär vorbeikommt, um nachzusehen, was du Schönes in deinem Rucksack drin hast. Man sucht sich den Schlafplatz nach Möglichkeit dort, wo man keine frischen Spuren von Bären gesehen hat. Man kommt viel häufiger an Spuren von Bären vorbei, als dass man den Bären tatsächlich trifft.
Frage: Was sind Spuren der Bären?
Paul: Du hast die Fußabdrücke, Kot, ziemlich große Haufen und Haare. Die Bären markieren ihr Revier, indem sie sich an Bäumen mit viel Harz und besonders rauer Rinde reiben. Die Haare hängen an der Rinde, die werden auch gesammelt für DNA- Untersuchungen. Bären benutzen sehr gerne die vorhandenen Wege, weil sie dort gut vorankommen. Es ist bequemer ohne Äste, ohne Gestrüpp. Und Bären reißen häufig die Rinde von kleineren Bäumen ab. Man sieht dann Bäume, bei denen die Hälfte der Rinde fehlt und das Harz überall herunterläuft. Das ist schon beeindruckend, so ein Baum mit einem Stammdurchmesser von zwanzig Zentimetern, der zur Hälfte geschält ist. Das Schälen ist auch eine Form, das Revier zu markieren.
Frage: Bären auf Wanderung gehen auf allen Vieren?
Paul: Ja, Bären stellen sich nur auf ihre Hinterbeine, wenn sie irgendwo hoch wollen oder einen besseren Überblick brauchen. Aber eigentlich sehen Bären nicht besonders gut, sie müssen viel über ihren Geruchssinn machen, zum Schnuppern stellen sie sich auch gerne auf die Hinterbeine. Bei unmittelbarer Gefahr richten sie sich auch auf und zeigen, dass sie groß sind.
Frage: Von den Bewohnern der Wildnis würde ich gerne noch mal zu den Bewohnern der Ranch zurückkommen. Wieviel Bewohner hat die Ranch, ich meine, wer wohnt da dauerhaft auch in der Zeit, in der keine Gäste kommen?
Paul: Keith und Emma mit den zwei kleinen Kindern und Mia, die auch dauerhaft auf der Ranch lebt. Ab und an kommt jemand dazu, so, wie Manon, die für zwei Jahre dort gelebt hat. Die Bewohner müssen die ganze Wirtschaft bewältigen. In der Winterzeit, wenn keine Gäste kommen, ist dann Zeit für alles, was liegengeblieben ist, für Arbeiten im Büro, Marketing und Vorbereitungen für die nächste Saison. Eigentlich ist der Winter auch Jagdsaison, Jagd und Fallen stellen. Das ging im September/ Oktober erst richtig los und früher kamen viele Gäste zur Jagd. Aber sie haben die Jagdlizenz verkauft und in diesem Jahr werden zum ersten Mal keine Jagden mehr angeboten. Für den eigenen Bedarf kann weiter gejagt werden. Du musst natürlich einen Jagdschein haben und in der Region wohnen.
Frage: Wie wird die Ranch versorgt mit Allem, was so gebraucht wird? Muss man in die nächste Stadt fahren, um einzukaufen oder werden die Sachen geliefert? Wie weit ist denn die nächste Siedlung entfernt, wo man ein Geschäft finden kann?
Paul: Ja, das nächste Geschäft, ein kleiner Dorfladen, der ist nicht so weit weg, ungefähr eine halbe Stunde bis Gold Village. Das ist ein kleines Dorf mit einem Laden und einer Poststation, da holt man die ganze Post ab und wenn man etwas bestellt hat, kommt das auch dort an und muss dort abgeholt werden. Die nächste Stadt ist Big Mountain, zwei Stunden mit dem Auto entfernt. In Big Mountain gibt es ein kleines Krankenhaus, eine Arztpraxis, auch einen Laden und man kann Lebensmittel liefern lassen zu dem Laden und sie dort abholen. Die nächstgrößere Stadt ist Williams Lake, ungefähr vier Autostunden entfernt, dort ist auch die Autowerkstatt, zu der wir gefahren sind, als die Bremsen an unserem Auto kaputt waren. Dort werden alle Autos hingebracht, die auf der Ranch nicht repariert werden können. Und dort gibt es ein riesiges Geschäft, wo du wirklich alles kaufen kannst.
Frage: Und die Straßen dort, die können im Sommer und Winter befahren werden?
Paul: Ja, die großen Straßen werden immer geräumt, im Winter von Schnee und im Sommer von Steinen. In der Nähe der Ranch führt so ein Highway vorbei, das ist nicht so eine Autobahn wie hier, eher eine Landstraße, die ist größtenteils asphaltiert, in Abschnitten auch eine Schotterpiste. Von diesem Highway zweigt eine kleine Schotterstraße ab und man ist nach zehn Minuten an der Ranch.
Frage: Zu den Camps, die zur Ranch gehören, gibt es auch Straßen?
Paul: Nein, die Camps liegen in zwei Parks, vergleichbar mit Nationalparks hier, also Schutzgebiete. In Parks gibt es bestimmte Regeln für den Naturschutz und sie dürfen nicht mit motorisierten Fahrzeugen befahren werden. Es gibt auch nicht die Wege dafür. Dann gibt es aber Ausnahmeregeln für einige Tourismusanbieter, die mit ihren Hubschraubern oder Wasserflugzeugen Touristen mit Mountainbikes oder Skiern da rein bringen. Die fahren dann mit ihren Mountainbikes auf den Trails, ansonsten kannst du dort wandern oder auf dem Pferd reiten.
Frage: Die Versorgung der Ranch mit Strom, Wasser, Gas, Telefon, wie ist das organisiert?
Paul: Alles ist organisiert nach dem Prinzip Selbstversorgung. Das Wasser kommt aus dem nächsten Bach. Über ein Einlaufbecken mit einem dicken Schlauch dran wird es zur Ranch geleitet. Der Bach verläuft oberhalb der Ranch. Die Heizung, es wird mit Holz geheizt, im Keller ist ein großer Ofen, dort wird das Wasser erwärmt und dann in die verschiedenen Räume geleitet, es gibt in den Räumen auch kleinere Kamine zum Heizen. Im Büro ist ein Kamin, das ist ein extra Haus, ja, alles kann mit Holz geheizt werden. Der Strom kommt aus dem Kabel, vom Wasserkraftwerk eines der vielen Stauseen der Umgebung, denke ich.
Frage: Telefon und Internet?
Paul: Es gibt dort keinen Empfang. Auf der Ranch ist ein Festnetztelefon und es gibt ein WLAN, das am Tag stundenweise zur Verfügung steht. Das muss reichen.
Frage: Alles Wasser, was für Küche, Dusche, Toilette, Heizung und so weiter verbraucht wird, kommt durch den Schlauch aus dem Bach und wird dann im Haus über ein Rohrleitungssystem verteilt? Man kann normal duschen, dreht den Hahn auf und das warme Wasser kommt?
Paul: Ja, so in etwa. Im Bad gibt es einen Behälter, in dem das Warmwasser mit Strom erzeugt wird.
Manchmal, wenn es mal einen starken Regenfall gab, war in dem Bach besonders viel aufgewühlt, eine Menge Sediment unterwegs. Dann drehst du in der Küche den Hahn auf und im Wasser sind eine Menge Schwebstoffe. Wenn du das dann eine Weile stehen lässt, setzt sich der feine Kies und allerhand anderes am Boden ab. Wir haben das Wasser eine Weile durchlaufen lassen und nach einer halben Stunde war es wieder klar, alles hatte sich beruhigt.
Frage: Das Wasser wird nicht gereinigt, es kommt direkt aus dem Bach und muss nur immer fließen?
Paul: Ja, es kommt aus dem Bach, wie es eben kommt. In den Gebäuden würdest du das auch nicht bemerken, dass die Wasserleitung zur Ranch ein Schlauch ist.
Frage: Und die andere Seite, das, was als Abwasser entsteht, verschwindet wo?
Paul: Das kann ich gar nicht genau sagen. Ich meine, da ist so ein Absetzbecken unterhalb der Ranch, was sich absetzt, bleibt und das übrige verschwindet im Berg oder wird gesammelt abgeholt.
Frage: Die Toiletten sind mit Wasserspülung?
Paul: Ja, im Haupthaus sind WC. Wenn du im Zelt wohnst, dort gibt es kein WC, da musst du in das Haupthaus gehen.
Frage: Was wird mit dem Müll gemacht?
Paul: Müll wird in einem großen Ofen verbrannt, der Ofen steht draußen neben der Werkstatt, da wird alles durch den Schornstein gejagt, Kunststoff, Papier, alles.
Frage: Alte Schuhe. Fällt denn da viel Müll an?
Paul: Naja, alles, was du einkaufst, ist irgendwie verpackt. Der Vorteil ist, Gemüse kommt in großen Kisten, alles andere eher in großen Packungen als in kleinen, aber trotzdem fällt genug Müll an. Es ist ein großer Betrieb, es geht viel an Nahrungsmitteln durch die Küche durch.
Frage: Küchenabfälle werden auch verbrannt?
Paul: Küchenabfälle bekommen die Hühner. Alles, was grüner Gartenabfall ist, den man auf den Kompost packen würde, bekommen auch die Hühner oder die Pferde.
Frage: Wenn man in ein Camp geht, wie ist das dort, mit Wasser und Strom?
Paul: Strom gibt es nicht, aber die Hütten sind alle an einer Wasserquelle gebaut. Du hast in der Nähe immer gleich einen Bach, wo man Wasser holen kann. Dann gehst du mit dem Eimer, es gibt immer Trinkwassereimer und holst das Wasser ins Haus, wie bei Oma. In dem einen Camp wurde auch ein Schlauch verlegt, vom Bach in die Hütte und dann hast du drinnen einen Wasserhahn, eine Spüle und du kannst deinen Abwasch mit dem fließenden Wasser, kalt, erledigen, du hast auch einen Herd, kannst mit Holz heizen und Wasser kochen. Man kocht auch auf dem Holzofen und wenn es schneller gehen soll, nimmt man den Gasherd. Dafür gibt es große Gasflaschen.
Die Toilette ist ein Plumpsklo, das steht immer ein Stück abseits von der Hütte, weil manche Bären da gerne mal reingucken. Das ist besonders lustig, wenn du nachts mal auf Klo willst und der Bär sich da gerade durchgewühlt hat. Ist dann besser bis zum nächsten Morgen zu warten.
Frage: Und die Klohäuschen sind fest, kann man da eine Tür zumachen?
Paul: Nein, meistens kannst du keine Tür zumachen, nur in einem Camp geht das, da ist ein richtiges Häuschen. In den anderen Camps gibt es so Konstruktionen mit Planen und Dach, die sind gut belüftet, meistens zeigt der Eingang in die andere Richtung, also nicht auf den Pfad, der zum Klo führt. Neben dem Örtchen ist noch eine Anzeige für besetzt, das ist ganz hübsch. Da stehen rechts und links neben dem Pfad Bäume und du hängst ein Hufeisen an einer Schnur zwischen zwei Bäume und das ergibt so eine Art Schranke. Alle, die den Pfad zum Örtchen langwackeln, sehen sofort – da ist schon Einer. Wenn alles erledigt ist, hängst du das Hufeisen wieder zurück, machst die Tür wieder auf. Das ist alles mit genug Abstand, du hast da deine Privatsphäre.
Frage: Man könnte sich aber auch gleich hinter den Busch hocken?
Paul: Könnte man, aber es ist sehr unschön, wenn überall verteilt die Häufchen liegen und es ist eine Sache, die Bären wiederum anlockt. In dem out-house wird alles gesammelt, das Papier fliegt nicht überall herum und es gibt auch ein Pulver für beschleunigte Zersetzung.
Frage: Klopapier gibt es?
Paul: Ja, du kannst auch etwas Natürliches nehmen, Moos, oder Lupine soll sich gut eignen, habe ich gehört oder du nimmst eben Klopapier.
Frage: Ich denke, das Thema haben wir abschließend behandelt. Ich will noch mal auf das Handy zurückkommen. Im Grunde musst du das nicht mitnehmen, es sei denn als Kamera. Alles andere fällt weg?
Paul: Genau, es gibt keinen Empfang. Es ist auch nicht erwünscht, du musst es nicht tun und du hast genug anderes zu tun. Es kommt einfach keine Langeweile auf, wo du dich hinsetzen würdest und dir sagst, ich spiele jetzt mal eine Runde Candy Crush, so wie die Leute in der S-Bahn, wenn sie von der Arbeit nach Hause fahren.
Frage: Ich will noch mal auf die Ranch zurückkommen, das Haupthaus, wie muss ich mir das vorstellen?
Paul: Na das Haupthaus ist ein ziemlich großes Gebäude, es besteht aus zwei Flügeln. Es ist auch schon ziemlich alt, 100 Jahre hat es bestimmt schon. Es gibt den einen Flügel, da sind eine große Stube und das Esszimmer, wo alle gemeinsam essen. Dort steht auch ein großer Kamin und was sehr schön ist: Hinter dem Kamin gibt es eine Couch und ein riesengroßes Fenster, wo du auf die Pferdekoppel guckst und die Berge dahinter sehen kannst. Das ist ein sehr schöner Platz um zu lesen oder einfach nur zu sitzen und aus dem Fenster zu sehen, vielleicht den Bären zu beobachten.
In der Etage darüber sind die Gästezimmer.
In dem anderen Flügel sind die Küche, weitere Gästezimmer und die Bäder, die man nutzt, wenn man im Zelt wohnt. In dem Haupthaus sind insgesamt nicht mehr als zehn Gästezimmer. Und dann gibt es noch zwei weitere Gebäude mit Gästezimmern, wie Ferienbungalows, ein größeres mit zwei Etagen und ein etwas kleineres. Die kann man dann mieten. Und es gibt noch viele Zelte, die sehen aus wie kleine Häuschen. Da ist ein Holzfußboden, es sind Möbel drin und ein richtiges Bett, also Stuhl, Schreibtisch und Kommode. Die Zelte sind sehr unterschiedlich eingerichtet. Man kann sich auch aus einem anderen Zelt noch ein Möbelstück leihen, wenn man etwas Hübsches gesehen hat.
Frage: Das Dach ist aus Zeltbahn?
Paul: Ja, Baumwolle gewachst oder so und da drüber ist noch eine Plastefolie als Dach. Praktikanten schlafen immer in den Zelten, damit du auch gut vorbereitet bist, wenn es in ein Camp geht, der Körper schon mal daran gewöhnt ist, dass er draußen wohnt, draußen schläft und dass es eben morgens kalt ist, wenn man aus dem Schlafsack kriechst, nicht überrascht bist, wenn du in das Camp gehst. Du sollst einfach daran gewöhnt sein, draußen zu leben. Im Winter ziehen alle dann ins Haus. Man kann theoretisch auch einen Ofen in so ein Zelt stellen, das wird manchmal in den Camps gemacht.
Frage: In den Camps gibt es aber jeweils ein festes Haus?
Paul: Ja, eine Hütte, eine feste und dazu sind dort auch Zelte. Die Hütten sind unterschiedlich groß. In manchem Camp ist eine Hütte, da sind Schlafplätze für fünf Personen oder mehr, manchmal ein Raum, manchmal mit abgetrennten Räumen oben in der zweiten Etage, also ganz unterschiedlich, jedes Camp ist anders. Und dann gibt es aber ein Camp mit einem wirklich winzigen Hüttchen, da steht gerade mal die Kücheneinrichtung drin, der Vorratsbehälter für Lebensmittel, ein Tisch mit zwei Bänken, viel mehr passt da nicht rein. Dort muss man im Zelt schlafen.
Frage: Du hattest gesagt, dass in dem einen Camp der Bär mal aufgeräumt hat?
Paul: Ja, das ist das Brett Camp, da hatte der Bär herausgefunden, wie er in die Hütte einbrechen kann und hat dort alles auf den Kopf gestellt. Er hatte es auf die Lebensmittelvorräte abgesehen und hat dann auch den Vorratsbehälter geknackt, das hat ihn eine Weile beschäftigt, dabei ging vieles zu Bruch. Die Fenster waren zerbrochen, Schränke von der Wand gerissen, die Tür stand offen. Wir hatten nach der ersten Woche auf der Ranch den Auftrag, diese Hütte aufzusuchen, festzustellen, was ist alles kaputt, was muss repariert oder ersetzt werden, was fehlt an Lebensmitteln, also Lebensmittel waren nach dem Bärenbesuch alle weg, naja.
Frage: Das war ja für den Anfang eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe?
Paul: Eigentlich nicht. Was ich beeindruckend finde, ist, wenn man aus Deutschland kommt, wo alles erschlossen ist, alles in Parzellen eingeteilt ist, jede landwirtschaftliche Fläche kleinkariert ist, du kommst überall hin, kannst nicht weiter als zwanzig Kilometer entfernt sein von der nächsten Stadt, oder fünf Kilometer vom nächsten Dorf, selbst in Mecklenburg. Du bist immer innerhalb der Zivilisation und dann kommst du in dieses riesige Land Kanada. Alles ist anders, es gibt Wildnis, die unberührt aussieht und es gibt Bereiche, die nicht erschlossen sind. Und du kommst an einen Ort, wo Menschen leben, die völlig auf sich alleine gestellt sind. Alle Aufgaben musst du selbst lösen. Du kannst nicht einen Heizungsmonteur herbeirufen, wenn die Heizung nicht läuft. Du musst das so organisieren, dass du eine Heizung hast, die du selber warten kannst und wenn irgendetwas kaputt geht, dass du selber in der Lage bist, das Wissen und die Skills dazu hast, dein eigenes System am Laufen zu halten.
Frage: Das heißt aber, dass alle Leute, die dort leben, ihre Aufgabe darin sehen müssen, den ganzen Betrieb zu unterhalten, alles zu pflegen, zu warten, zu reparieren, wieder herzustellen, was kaputt ist.
Paul: Und deshalb ist auch ein Teil von dem, was ein Praktikum ausmacht, zu lernen, wie alles funktioniert und das lernst du meist bei der Gelegenheit, wenn etwas kaputt geht oder etwas repariert werden muss, was schon kaputt ist. Wenn du noch nicht weißt, wie es geht, frag Keith oder jemand anderes und einer wird wissen, wie es funktioniert oder sieht es sich mit dir an und dabei lernst du, wie funktioniert der Wasserintake, wie arbeitet die ganze Wasserversorgung. Wenn die Rasensprenger auf einmal kein Wasser mehr haben, was machst du dann? Du gehst also nach oben, wanderst den Bach entlang bis zu der Stelle, wo das Wasser eingesaugt wird und meistens wirst du auf dem Weg die Stelle finden, wo der Schlauch auseinander gerissen ist oder der Einlauf in den Schlauch verstopft ist, weil der letzte Regen zu viel Schlamm mitgebracht hat. Du lernst, wie man das alles instand hält und wartet und so behandelt, dass es weiter funktioniert.
So ist das übrigens auch mit den Autos auf der Ranch gedacht. Das Prinzip ist: es werden nur alte Autos gekauft, weil sie da wissen, wie man viele Dinge selbst reparieren kann, wenn etwas kaputt geht. Und es geht sehr häufig etwas kaputt. Es gibt eine Werkstatt, die mit allem ausgestattet ist, was man braucht. Reifen zum Beispiel werden geflickt. In der Sattelkammer ist eine große Werkstatt für Leder und alle Sachen, die an dem ganzen Sattelzeug oder den Trensen kaputt gehen. Es wird eben alles geflickt und repariert.
Wenn die Scheune neu gebaut wird und für den Winter eine Heizung braucht, gräbt man eben selbst den großen Graben, wo der Schlauch reingelegt wird, vom Ofen bis zur Scheune, um die Scheune im Winter zu beheizen. Alles ist Selbstversorgung. Bei Selbstversorgung denkt man zuerst an das eigene Essen und den Garten mit Obst und Gemüse. Es ist ja nicht möglich, sich ein ganzes Jahr lang in diesem engeren Sinne selbst zu versorgen mit Lebensmitteln. Du kannst es in Teilen machen, nur wenn es nicht ein Gärtnerei- oder Landwirtschaftsbetrieb bist, kannst du nicht genug produzieren, um dich und deine Gäste ein ganzes Jahr lang zu ernähren. An dem Punkt sind wir lange vorbei und das ist auch in Ordnung. Selbstversorgung auf der Ranch ist im umfassenden Sinn zu verstehen, alles ist so organisiert, und das betrifft das ganze Leben, dass man es selbst einrichten kann, wenn man es braucht und dann eben auch selbst warten und instand halten kann.
Frage: Das bedeutet, das Wohnen und Leben muss vollständig selbst organisiert werden mit allen dazu erforderlichen Einrichtungen. Wenn eine Heizung gebraucht wird, muss diese selbst mit den vorhandenen Mitteln gebaut werden? Da hängt kein Heizkörper an der Wand, sondern es müssen andere Wege gefunden werden, um zu heizen?
Paul: Ja, oder du musst einen Weg finden, wie du den Heizkörper anschließt. Da muss man kreativ werden, Lösungen finden, an die man nicht als erstes gedacht hätte. Man wird immer eine Lösung finden und auf diesem Weg lernt man Vieles, was man vorher noch nicht wusste. Es ist Aufgabe von allen, die auf der Ranch sind. Es gibt keine Rollenverteilung, welche Aufgaben für wen bestimmt sind und welche nicht, alles ist für alle bestimmt. Alle übernehmen die Verantwortung für die Aufgaben, die erledigt werden müssen und ergreifen die Initiative, ich kümmere mich jetzt darum und ich kümmere mich, dass es den Hühnern gut geht, dass die Rasensprenger umgestellt werden, die Pferde zu fressen haben, ich kümmere mich, dass alle ein Abendessen bekommen.
Frage: Wenn die Pferde Heu brauchen, steigst du auf den Traktor und holst einen Heuballen? Das hast du dann auch gemacht? Und vorher musst du dich damit befassen, wie der Traktor funktioniert?
Paul: Ja, es hat mich niemand an die Hand genommen und gezeigt, wie alles geht. Und der Traktor hatte seine Tücken, der musste vor jeder Arbeit einen Schluck Hydrauliköl bekommen. Eines Tages hatte er einen Platten, der Reifen musste geflickt und vorher ab- und anschließend wieder angebaut werden. Dafür mussten wir erst mal herausfinden, wie man den Traktor aufbockt, um das Rad abzuschrauben. Das war nicht so einfach, alle Wagenheber in der Umgebung waren viel zu klein. Weil es keinen passenden Wagenheber gab, musste es anders gehen. Die Lösung war, der Traktor konnte sich selbst hochbocken, er hatte einen Hubfuß, mit dem er sich selbst hochdrücken konnte zusammen mit seiner vorderen Schaufel. Es hat eine Stunde gedauert, bis wir die Lösung gefunden haben. Am Ende wussten wir, wie man es macht, es hat funktioniert, das Rad war wieder dran und wir konnten das Heu auf die Koppel bringen.
Frage: Du hast ja gesagt auf der Ranch gibt es eine Vielzahl von Ordnern, in denen man nachlesen kann, wie alles funktioniert oder geregelt ist?
Paul: Ja, wenn du den Traktor anschmeißen willst, gehst zu dem Ordner, nimmst den Zettel raus, wo drauf steht, welches Öl in welche Öffnung kommt, wie du die Ölstände vorher überprüfen musst. Dann musst du nachgucken, ob genug Wasser drin ist und dort steht auch beschrieben, wie der Traktor zu starten ist. Alles wurde aufgeschrieben, damit jeder es selbständig erledigen kann und dabei auch nicht vergisst, das Notwendige zu überprüfen.
Frage: In den Ordnern steht auch geschrieben, wie das Frühstück und das Abendbrot zu bereiten ist?
Paul: Ja, und welche Optionen du hast, etwas auf den Tisch zu stellen, was du kochen kannst, dass es immer einen Salat gibt, ein Hauptgericht und einen Nachtisch.
Frage: Die Versorgung der Gäste ist keine andere als die Versorgung der auf der Ranch lebenden Gemeinschaft?
Paul: Genau, alle essen zusammen das, was für alle zubereitet wird. Du musst nur aufpassen, wenn jemand eine Allergie hat oder besondere Ansprüche an das Essen, bei Glutenintoleranz zum Beispiel, da suchst du dir ein Essen ohne Gluten raus, das du für alle kochst oder du kochst eben für eine Person extra.
Frage: Wenn jemand zu jeder Mahlzeit Fleisch essen möchte, dann musst du das auch organisieren?
Paul: Ja, das kommt aber nur selten vor.
Frage: Ich will noch mal kurz auf den Tagesablauf zurückkommen, der Tag beginnt, das hatten wir schon angerissen, in der Regel gegen 5.00 Uhr morgens mit Keith im Büro?
Paul: Genau, alle treffen sich und es wird der Tagesablauf durchgesprochen, wer die Pack Trips begleitet und die übrigen Aufgaben auf der Ranch übernimmt. Wir haben in diesen Besprechungen angezeigt, dass wir eine Tageswanderung oder auch Wanderungen über mehrere Tage machen wollen. Das wurde häufig mit Aufgaben verknüpft, die auch für die Ranch einen Nutzen hatten. Die Übernahme der Aufgaben basierte auf Freiwilligkeit, Sachen, die gemacht werden mussten, konnten jedoch nicht liegen bleiben. Einsicht gehört also auch dazu.
In der Zeit bis zum Frühstück waren die Pack Trips vorzubereiten, die Pferde mussten häufig aus Weideflächen der Umgebung gesucht und zur Ranch getrieben werden. Das Gepäck wurde zusammengestellt und die Pferde gesattelt. Die Hühner wurden herausgelassen. Dann wurde gemeinsam gefrühstückt und am Ende des Frühstücks gab es den Morgenkreis mit allen Bewohnern und Gästen zur Einstimmung auf den Tag.
Unmittelbar danach gingen die Pack Trips los und die übrigen Arbeiten, die auf der Ranch zu leisten waren oder eben auch Wanderungen. Nach dem Tageswerk gab es das gemeinsame Abendessen und dazu gehörte nach dem Essen der Abendkreis wiederum mit den Fragen. Der Fragebogen wurde einmal herumgereicht und alle haben die einzelnen Fragen beantwortet. Danach gab es den Nachtisch, dann musste abgewaschen und die Küche aufgeräumt werden, da haben alle mit zugefasst, die Hühner kamen in den Stall, Katzen und Hunde wurden gefüttert. Dann wolltest du nur noch ins Bett, der nächste Tag mit seinem Beginn 5.00 Uhr war nicht mehr so weit.
Frage: Wahnsinn. Neben den Aufgaben in der Wirtschaft habt ihr euch, soweit das möglich war, vorgenommen, eigene Touren zu machen. Zu Fuß oder mit Pferden?
Paul: Beides, wir haben zum Beispiel einmal spontan zwei Pferde gesattelt und sind in die Berge geritten, um Beeren zu sammeln, um uns richtig vollzufuttern mit den schönen Thimbleberries. Die sind so ähnlich wie Himbeeren, schmecken besser und haben nicht so harte Kerne.
Frage: Satteln und Reiten hast du auf der Ranch gelernt?
Paul: Ja, das war gleich ziemlich am Anfang, das lernt jeder, der es noch nicht kann. Auch das Aufsteigen und Reiten auf einem ungesattelten Pferd. Aber zurück zu der vorherigen Frage. Wir hatten uns vorgenommen, auf einer größeren Wanderung die schönsten Hütten, also die Camps einmal abzulaufen. Weil unser Start schon ein bisschen verspätet war, wir hatten den Start schon verschoben, weil es am Vortag fürchterlich geregnet hatte, da haben wir gesagt, wir gehen einfach einen Tag später los. Wir hatten keinen Zeitdruck und es ist egal, ob wir heute oder morgen losgehen. Und es kam der nächste Tag, es regnete immer noch am Vormittag, wir mussten noch viel Krempel erledigen, unsere Sachen waren noch nicht richtig gepackt, auch die Schrotflinte musste noch ausprobiert werden. Und es regnete immer noch. Keith bot uns an, uns ein Stück der Strecke des ersten Tages mit dem Auto zu bringen, dass wir uns den langen Aufstieg sparen und das Tagesziel noch erreichen können. Manon war auch nicht ganz fit, sie kränkelte noch etwas, der erste Wegabschnitt war ziemlich eintönig. Gesagt, getan. Wir haben unsere Sachen in den kleinen roten Dreitürer verladen, der Kofferraum reichte gerade für eine Handtasche. Mit einem kleinen Auto kommt man jedoch auf den schmalen Pfaden wesentlich weiter hinauf, als mit einem großen.
Was dann folgte, war ein hervorragendes Beispiel für das tägliche Improvisieren auf der Ranch. Alles war verladen, unser Hund Edna hatte auch ein Plätzchen gefunden, das Auto war frisch aus der Werkstatt gekommen und wir fuhren guter Dinge los auf der alten Forststraße immer bergauf. Keith meinte nach einer Weile: „Oh, der Motor wird ganz schön warm. Wir müssen mal kurz anhalten.“ Er hat dann nachgeschaut, der Motor war zu heiß, es fehlte Kühlwasser. Dann haben wir unsere Trinkflasche in den Kühlkreislauf geschüttet, es war nur ein halber Liter. Man muss auf Wanderungen auch nicht so viel Trinkwasser mitschleppen, es gibt überall Bäche und Seen. Keith hat dann in so einer engen Serpentine gewendet und wir sind im Leerlauf zurückgerollt bis zu dem letzten Bach, den wir überquert hatten. An dem kleinen Bächlein wurde das Kühlwasser aufgefüllt und noch ein alter Kanister, der im Auto lag. Dann haben wir noch versucht, die Fehlerquelle zu beseitigen. Es war so, dass die Schlauchschelle den Kühlwasserschlauch nicht mehr auf dem Anschluss des Wärmetauschers festhalten wollte. Der Weg war viel zu ruckelig und die Schraube in der Schlauchschelle schon lange überdreht. Wir haben gesucht und ein altes Handtuch gefunden, bei dem sich der Saum schon löste. Den haben wir abgetrennt, eine Schnur draus gemacht und den Schlauch befestigt. Die Konstruktion hat dann zehn Minuten gehalten bis zur nächsten Pfütze, dann musste Wasser nachgefüllt werden und so ging das immer weiter. Nach eineinhalb Stunden hatten wir den Punkt erreicht, an dem wir ausgesetzt werden sollten. In der Zwischenzeit hatte der Regen aufgehört und die Stimmung wurde besser. Was haben wir gelernt: Aufgeben ist keine Option. Die Stimmung wurde dann noch besser, weil am Wegesrand wunderschöne Himbeeren wuchsen. Keith hat das Auto gewendet und ist ohne Motor, mit Schwerkraft den Weg zurückgerollt.
Frage: Und ihr habt planmäßig mit eurem Gepäck auf dem Rücken die Wanderung begonnen?
Paul: Ja, als erste Station haben wir eine bekannte Bären-Winterhöhle angesteuert. Wir haben eine ganze Weile gesucht, der Pfad zur Höhle war schon lange nicht begangen worden. Schließlich haben wir die Höhle gefunden, der Eingang war zwischen den Wurzeln eines großen Nadelbaumes. Die Eingangsöffnung war nicht so groß, wie man sich das vorstellen würde und die Höhle dahinter war ein in die Erde gegrabener Hohlraum, gerade so groß, dass ein Bär dort reinpasst, er sich zum Winterschlaf zurückziehen kann und sich einschneien lässt.
Nachdem wir die Höhle gefunden hatten, sind wir losgestratzt, wir wollten vor der Dunkelheit das Eldorado Camp erreichen. Mit Pferd braucht man dafür ungefähr sechs Stunden dahin, Pferde laufen schneller als Menschen und machen auch nicht so viele Pausen. Wir hatten dazu unser Gepäck, Manon kränkelte etwas. Kurz, wir waren nicht die Schnellsten.
Frage: Habt ihr es geschafft?
Paul: Wir haben es geschafft und waren auch ganz schön fertig, als wir ankamen. Dazu hatten wir die Aufgabe, die Bodenplatten der Zelte zu streichen, das gehörte zu unserem Tagesplan am Ankunftstag. Die Farbe sollte über Nacht trocknen und am Morgen vor dem Losgehen sollten die Zelte schon für den Winter eingelagert werden. So der Plan. Die Farbe ist aber über Nacht nicht getrocknet und so mussten die Zelte stehen bleiben.
Frage: Aufgabe nicht erfüllt?
Paul: Da hatten wir keinen Einfluss, das war nicht schlimm. Die Zeltböden waren gestrichen. Es gab in der Hütte nur die Behälter mit der Farbe, keinen Pinsel oder eine Rolle: Ich habe mich entschieden, den alten Besen zu nehmen und das ging auch wesentlich schneller, als wenn man mit einem Pinsel oder einer Rolle angefangen hätte. Es musste auch nicht so ordentlich sein.
Frage: Dann habt ihr euch noch Abendessen gemacht?
Paul: Am ersten Abend gab es Lasagne, das war unser Premium-Essen, das wir uns eingefroren mitgenommen hatten, die war schon vorgekocht. Und am nächsten Tag ging es weiter. Wir wollten in die Region, in der man mountain goats beobachten kann. Wir waren den Weg schon auf einem pack trip geritten und hatten damals 36 mountain goats gezählt. Auf unserem Fußmarsch haben wir nicht eine mountain goat entdeckt. Wir sind dann ziemlich enttäuscht den Berg wieder hinuntergestiegen und Richtung nächstes Camp am Pine Lake gewandert. Und da haben wir in der Ferne doch noch eine mountain goat erspäht, die stand oben auf dem Berg. Und da standen wir unten und überlegten, lohnt es sich, noch einmal hinaufzusteigen, wieviel Zeit bleibt, bis es dunkel wird, wie lange brauchen wir bis zum nächsten Camp, reicht die Kraft für beide Strecken, welchen Weg nehmen wir, mit oder ohne Gepäck. Wir haben uns dann entschieden, wir probieren es, wir gehen da noch mal hoch.
Frage: Mit Gepäck?
Paul: Es gab zwei Optionen, wir gehen den Weg unten weiter Richtung Camp und steigen am Ende des Berges ohne Gepäck hinauf oder wir nehmen die Diagonale mit Gepäck, einen Weg gab es nicht. Aus Faulheitsgründen haben wir uns für die Diagonale entschieden. Ziemlich schnell mussten wir feststellen, dass wir nicht gut vorankamen. Es gab Abschnitte mit feinem Splitt, in dem man auch ganz gut laufen kann, wenn es weich ist, ist alles in Ordnung. Dazwischen waren auch felsige Passagen, die Felsen waren nicht so feste Felsen, die waren so bröckelig, alles, was du angefasst hast, ist herunter gebröckelt. Als wir in so einem felsigen Teil festhingen, haben wir uns für den Rückzug entschlossen. Es war nicht leicht, einen Weg nach unten zu finden, aber wir haben ihn gefunden und die Ziege stand immer noch oben auf dem Berg. Wir sind schweren Herzens dann zum Camp weiter.
Frage: Gab es dort wieder eine Aufgabe?
Paul: Nein, ohne Aufgabe, mit einem großen See vor der Tür und der Aussicht, Angeln gehen zu können. Wir sind einen Tag länger geblieben, weil es so schön war und haben Regenbogenforellen geangelt. Die gab es filetiert und gebraten zum Abendbrot.
Frage: Angelzeug war vorhanden?
Paul: Angelzeug gab es, das war nicht alles so in Schuss, es gab viele Angeln und man konnte sich alles Nötige zusammenbauen. Wir katten auch Haken und Blinker mitgenommen. Und es war verrückt, die Fische sind dir fast ins Boot gesprungen. Fast jeder Auswurf war ein Biss, egal, wo wir waren auf diesem See. Du konntest vom Steg aus angeln, einfach nur den Haken ins Wasser dippen, sie haben gebissen.
Frage: Es gab sehr viele Fische?
Paul: Es waren massenhaft Regenbogenforellen, große, mittlere. Die Idylle wurde nur einige Male zerstört, wenn ein Wasserflugzeug auf dem See gelandet ist und die Mountainbiker ausgespuckt hat.
Frage: Die Mountainbiker sind dann in den Bergen verschwunden?
Paul: Nicht unbedingt, die hatten auch eine Hütte am See, es gibt die Hütte von unserer Ranch und die von den Wasserflugzeugen haben auch ihre Hütte am See.
Frage: Waren die Mountainbiker denn anstrengend?
Paul: Am anstrengendsten sind die Wasserflugzeuge. Es dröhnt, du bist in diesem Tal und es hallt von allen Seiten wieder zurück. Wir saßen in unserer kleinen Nussschale auf dem See und das Wasserflugzeug ist uns zehn Meter über den Köpfen langgezogen. Das war kein Spaß.
Wenn man die Mountainbiker irgendwo trifft, sind sie häufig laut, wenn sie die Berge hinunterjagen, eine echte Plage. Wenn du ihnen zu Fuß begegnest, ist das nicht so schlimm, wie wenn du auf dem Pferd sitzt, Pferde erschrecken sich eher mal.
Frage: Ihr seid dann weiter gezogen, habt das Paradies verlassen?
Paul: Ja, am nächsten Tag ging es über Mount Hummingbird, den höchsten Berg in der Region und auf der anderen Seite wieder runter zu einem weiteren, absolut schönen, türkisen See. Dort wäre auch die beste Gelegenheit gewesen, die California Big Horn Sheep zu sehen. Es waren aber keine Schafe zu sehen, wir haben sie nur gerochen. Dafür waren auf der Bergspitze, über die wir gekommen waren, vier Mountain Goats zu sehen, zwei Nannies und zwei Junge.
Frage: An diesem See war wieder ein Camp?
Paul: Nein, es gab einen öffentlichen Campingplatz. Wir haben aber noch vor dem Campingplatz geschlafen, im Gebüsch, im Wald.
Frage: Einfach so, im Wald, Schlafsack ausgerollt?
Paul: Nicht ganz, es gibt ja diese Baumgruppen von Tannen, die unterirdisch über ihre Wurzeln miteinander verbunden sind. Die bilden so Ovale oder Kreise. Wir haben uns so einen Kreis gesucht, was im Sinne der Sicherheit vor wilden Tieren ist. Weil die sehr dicht wachsen, nach außen gut abgeschirmt sind und im Inneren hast du eine kleine offene Fläche, die gut überschirmt ist, auch gegen Regen, man braucht da kein Zelt. Wir haben unsere Isomatte ausgerollt und uns hingelegt.
Es war ein bisschen gruselig, weil wir auf dem Weg zu unserem Schlafplatz Bärenspuren gesehen hatten, die auch frisch waren. Wir hatten ja unser Hundchen dabei, sie hatte sich in der Nacht des öfteren erschrocken, fing an zu bellen oder zu knurren und du denkst jedes Mal, der Bär steht vor deiner Eingangstür.
Frage: Wie war das so bei dir?
Paul: Ich war ein wenig nervös und habe mich echt gefürchtet. Am Anfang habe ich mich noch nicht gefürchtet. Dann habe ich aber gemerkt, dass Manon ziemlich nervös war. Ich hatte mir so gedacht, sie hat schon häufiger draußen geschlafen. Und wegen den Bären habe ich sie gefragt, ob sie sonst auch so nervös war. Sie meinte, das wäre so noch nicht gewesen. Da habe ich mir gedacht, es könnte einen Grund geben, wenn sich Manon solche Sorgen macht.
Das Schlimmste war, wenn der Hund angeschlagen hat, du siehst überhaupt nichts im Wald, du liegst in deinem Gestrüpp, siehst gar nichts. Wenn der Hund dann anfängt, zu knurren, muss es dafür einen Anlass geben. Es könnte ein Reh gewesen sein, das fünf Meter weiter um die Ecke gebogen ist oder eben wer anders.
Frage: Das Bär-Spray lag bereit, die Schrotbüchse auch?
Paul: Ja, lag alles griffbereit, nur, du willst dir das gar nicht vorstellen. Irgendwann bin ich dann auch mal für etwas länger eingeschlafen. Es ist alles gut ausgegangen. Unser Essen war auch noch da, wir hatten es ein gutes Stück entfernt in einen Baum gehängt. Kein Bär war gekommen. Wir sind dann aus unserem Gebüsch herausgekrochen, waren noch auf dem Campingplatz, der war ganz in der Nähe.
Frage: Öffentlicher Campingplatz heißt, jeder kann dort Quartier machen? Gibt es dort eine Aufsicht?
Paul: Jeder kann, es gibt eine Toilette, eine Tonne, in die das Essen eingeschlossen wird, eine Bank, weiter nichts. Jeder kann dort campen. Auf dem Campingplatz lagen ungefähr zwanzig Mountainbiker in ihren Zelten und schnarchten friedlich.
Frage: Alles ist gut gegangen. Nach der unruhigen Nacht seid ihr weitergezogen?
Paul: Naja, es hätte schon passieren können, dass ein Bär mal vorbeigeschnuppert kommt. Wir sind ein wenig müde weitergezogen, den Berg hoch über den Deerpass, auf der anderen Seite wieder runter zum Lizard Camp. Das ist das Camp mit der kleinsten Hütte, Manons Lieblingscamp.
Frage: Da habt ihr in der Hütte geschlafen, Tür zu gemacht, Ofen angeheizt?
Paul: Da haben wir in der Hütte geschlafen, es war einfach schön. Ein Ofen war leider nicht. Dem war der Boden durchgerostet, ein Bein war abgeknickt und die letzten Besucher hatten beschlossen, ihn vor die Tür zu stellen. Deshalb kein Ofen, es war jedoch warm genug.
Von da aus haben wir am nächsten Tag einen Tagesausflug gemacht. Dort in der Umgebung waren richtig viele Spuren von Bären. Manon hat auch gesagt, wenn sie zu dieser Hütte gegangen ist, in diesem Tal hat sie immer einen Bären gesehen. Es war auch diesmal so, wir haben auf unserem Weg einen Grizzly gesehen.
Interessant ist, es gibt dort in der Umgebung mineralische Quellen, das sind so kleine Wasserlöcher am Hang, es blubbert und das Wasser rinnt den Hang hinunter. Der Hang ist total verkrustet mit den ganzen Mineralien, die ausfallen. Das Wasser schmeckt salzig und nach Eisen und die Wildtiere kommen zu diesen Quellen, trinken das Wasser, um ihren Bedarf an Mineralien zu decken. Wir hatten eine Wildkamera angehängt, haben aber „nur“ ein Reh erwischt.
Frage: Und der Bär, wie weit war er denn weg?
Paul: Der war weit weg, wir standen oben auf dem Berg und haben ihn im nächsten Tal gesehen, der hat sich nicht für uns interessiert.
Wir sind dann wieder zurück zu der Hütte und als wir durch den Wald sind, haben wir laut gesungen, wir wollten uns frühzeitig ankündigen.
Am nächsten Tag sind wir von dort zum letzten Camp, am Roxy Creek gewandert. Auf dem Weg dorthin kommt man wieder an einem See entlang, der an Schönheit nicht zu übertreffen ist. Von oben guckst du in eine breite Schlucht, die auf ihrer Sohle gefüllt ist mit dem See. Auf der einen Seite hast du am Ufer etwas Wald, auf der anderen Seite geht der Abhang, der eine Steinhalde ist, direkt in den See. Und du schaust über den See rüber und siehst am anderen Ende der Schlucht einen Gletscher am Berg liegen. Der Gletscher ist nicht sehr groß, wirkt aber so unberührt. Wir haben unsere Mittagspause am Ufer gemacht, wollten auch baden gehen, aber das Wasser war zu kalt, so kurz über der Null. Wir sind an kaltes Baden gewöhnt, es war einfach noch mal kälter.
Aus dem See wiederum entspringt ein Fluss, Roxy Creek. Dieser Fluss schlängelt sich das Tal entlang und an diesem Fluss steht die Hütte. Der Roxy Creek ist ein wirklich schöner Fluss, der sich in seinen Mäandern dahinschlängelt, ein schönes Blau hat, vom Gletscher und aus dem See werden viele Mineralstoffe transportiert und das gibt dem Wasser eine total hübsche Farbe. Die Uferbänke sind ganz lehmig und hell, dadurch erscheint das Wasser noch heller, es war einfach nur schön.
Entlang der beiden Ufer des Creeks gibt es sehr viele Moore, beziehungsweise die Ufer insgesamt moorig. Dort halten sich bevorzugt die Elche auf. Wir haben frühmorgens und abends Ausschau nach Elchen gehalten, auch den Elchruf gemacht, aber niemand hat geantwortet. Es kam kein Elch und die Wildkamera hat wieder nur Rehe aufgezeichnet.
Die Moore, die wir dort gesehen haben, sind denen sehr ähnlich, die ich im Norden Schwedens gesehen habe, von der Vegetation her, es gibt die Betula nana, die Zwergbirke, die Torfmoose, die Wollgräser und die sonstigen Seggen, die da wachsen. Es war sehr ähnlich zu der Vegetation in Abisko. Auch Cloudberries gab es, Pflanzen, Beeren haben wir nicht gesehen. Crowberries und Cranberries wachsen da oben auch.
Wir sind durch die Moore gestreift, haben uns die Torfmoose angesehen, alles, was da wächst.
Wir haben in der Hütte am Roxy Creek zwei Tage verbracht. Am zweiten Abend haben wir auf einem Bergkamm in der Ferne endlich einige Exemplare des Big Horn Sheep entdeckt, die wir am nächsten Tag etwas näher sehen konnten, als wir den Pass unterhalb des Bergkamms überquert haben.
Unser nächstes Ziel war Graveyard Valley. Dieses Tal ist kulturell schon lange von großer Bedeutung gewesen für die First Nations aus der Gegend. Zum einen wurden viele Kriege und Auseinandersetzungen in diesem Tal geführt zwischen den zwei Nationen, die dort ihre Grenze hatten. Das sind die Tsilhqot’in und die St’at’imc Nation. Sie haben schon lange Frieden geschlossen und zelebrieren das jedes Jahr gemeinsam in diesem Tal. Da gibt es eine große Zusammenkunft, die war auch in diesem Jahr im Juli. Dafür hatten sie bei der Ranch einen Trip gebucht, um auf Pferden in das Tal zu reiten.
Frage: Du warst da nicht mit?
Paul: Nein, Mia und Kelly waren mit. In dem Tal steht eine Tafel, die daran erinnert, dass sie Frieden geschlossen haben. Das Tal hat noch Bedeutung in anderer Hinsicht: als die Siedler aus Europa kamen und ihre Krankheiten mitbrachten, und auch die Pocken haben die Runde gemacht und viele First Nations ausgerottet. Die an Pocken erkrankten Mitglieder der Stämme sind damals in das Tal gegangen, um zu sterben, die Krankheit aus ihrer Siedlung wegzubringen.
Frage: In dem Tal haben keine Menschen gesiedelt?
Paul: Nein, es hatte schon immer eine große spirituelle Bedeutung.
Frage: Gibt es denn Nachfahren, die dort in der Umgebung noch wohnen?
Paul: Ja, da ist beispielsweise die die Seton Band, die in einer Gemeinschaft in der Nähe wohnen, das ist ungefähr vier Stunden mit dem Auto entfernt von der Ranch. Die Seton Band sind auch diejenigen, die zu verschiedenen Trips auf die Ranch gekommen sind, um die Möglichkeit zu haben, mit den Pferden unterwegs zu sein, jungen Leuten aus dem Stamm Elemente ihrer traditionellen Lebensweise näher zu bringen, durch die Berge zu reiten, sich die Natur traditionell zu erschließen.
Frage: Die Stammesmitglieder wohnen heute in Dörfern, in festen Häusern mit den Gewohnheiten unserer Zeit?
Paul: Ja, sie feiern aber noch ihre traditionellen Feste, haben ihre Zusammenkünfte.
Frage: Und die Ranch unterstützt es, dass Jugendliche und auch Erwachsene wieder näher an die Natur herangeführt werden?
Paul: Genau, das ist das generelle Konzept, mehr Naturverbindung zu schaffen für alle Gäste. Die meisten Gäste, die kommen, haben in ihrem Alltag nicht so viel mit Natur zu tun. Wenn die Gäste aus Europa kommen, haben sie zudem eine ganz andere Vorstellung von Natur und Wildnis, insbesondere in Westeuropa gibt es so was nicht, wie in Kanada.
Andererseits ist die Tendenz zu erkennen, dass die älteren Stammesmitglieder der First Nations das Bedürfnis verspüren, nach einer langen Phase von Vernichtung, Unterdrückung, Ausgrenzung und den Versuchen, eine von den Einwanderern geprägte Sozialisation zu etablieren, ihre Kultur wieder zu beleben und den jüngeren Stammesmitgliedern zu vermitteln. Das geschieht einerseits über die Stammessprache, die nur noch von einer Minderheit gesprochen wird, andererseits die Vermittlung kultureller Traditionen. Das geht nur im engen Kontakt zur Natur, weil das Leben der First Nations in der unberührten Natur stattfand, Lebensweise und Kultur der Völker durch das Leben in der Natur geprägt waren, sie quasi Bestandteil der Natur waren. Sie waren ganz unmittelbar von der Natur abhängig als Quelle der Selbstversorgung, haben nur so viel entnommen, wie sie zu ihrer Versorgung brauchten, haben das natürliche Gleichgewicht nicht zerstört. Sie haben eben nicht in einem Jahr das verbraucht oder auch vernichtet, was Ihnen die Existenz im nächsten Jahr sichern soll.
Frage: Was war früher die wichtigste Nahrungsquelle in der Umgebung der Ranch?
Paul: Die Seton Band hat überwiegend vom Fischfang gelebt.
Frage: Auf jeden Fall gibt es auf der Ranch Unterstützung für die Seton Band, sich wieder stärker der Natur anzunähern?
Paul: Nun ist das nicht so einfach, sich die Natur selbständig zu erschließen, auf Pferden die Umgebung zu durchstreifen, du brauchst Wissen, um für deine Sicherheit zu sorgen. Deshalb geht das in der Regel nicht ohne Guides. Und hier wird die Zusammenarbeit schwierig, du willst jetzt nicht als Weißer daherkommen und sagen, ich erkläre euch jetzt alles und zeige euch, wie es geht. Du bist Teil derjenigen, die die First Nations ursprünglich verdrängt hat und ihnen eine andere Lebensweise aufgezwungen hat und jetzt willst du ihnen ihre Kultur wieder nahe bringen. Das funktioniert so nicht. Das Interesse muss von der anderen Seite kommen und die entstehende Zusammenarbeit muss auf Augenhöhe geschehen. Du kannst nicht von oben herab sagen, ich helfe Euch jetzt, es muss vor allen Dingen ein Austausch stattfinden.
Frage: Ist denn zu erkennen, dass diese Zusammenarbeit funktioniert?
Paul: Ja, nach dem jetzigen Konzept hat das sehr gut funktioniert. Die Seton Band kam in diesem Sommer zu fünf Trips zur Ranch, hat alles, was als Programm angeboten wird, gebucht und einige Mitglieder absolvierten die Guide School.
Frage: Das wird bezahlt, wie von allen anderen Gästen auch?
Paul: Sie bezahlen das, sind eine besondere Zielgruppe und deshalb gibt es auch Besonderheiten im Umgang.
Frage: Ich muss noch mal etwas naiv nachfragen: Was machen die Mitglieder der Seton Band im Alltag, hast du darüber etwas gehört?
Paul: Sie haben ganz normale Berufe wie du und ich, gehen arbeiten wie alle. Ich habe mich mit einer Frau unterhalten, sie arbeitet als Lehrerin. Ich glaube, sie haben eine eigene Schule.
Frage: Noch was, ist mir fast peinlich, äußerlich sind sie…?
Paul: Sie sehen nicht so aus wie wir. Sie denken auch anders. Bei der täglichen Morgen- und der Abendrunde haben sie eine andere Herangehensweise an die Fragen, die zu beantworten sind. Ihre Antworten unterscheiden sich ganz wesentlich von denen der anderen Gäste, sind spiritueller und viel näher an der Natur. Sie sind dankbar für die gute, saubere Luft und das saubere Wasser in den Flüssen und Seen, das ist eine Wertschätzung der Natur auf einer grundlegenden Ebene, das hörst du nicht von einem europäischen Gast, der am Tisch sitzt.
Frage: Trotzdem gibt es ja auf der Ranch ein Konzept, wie die Gäste und auch die Praktikanten nach einem Programm wieder näher an die Natur herangeführt werden?
Paul: Ja, und das geschieht ganz natürlich, indem du dich auf einem Pferd fortbewegst, sechs Stunden durch die Wildnis reitest und zu einem Camp kommst, das nicht den Komfort eines Hotels oder des Ranch Hauses bietet. Auf dem Weg lernst du viel über die Pflanzen am Weg, über essbare Früchte, wilde Kartoffeln, die man ausbuddelt, du trinkst das Wasser aus dem Bach und du führst über mehrere Tage ein Leben ohne die uns sonst umgebende Technik und alles musst du selbst machen. Wenn du im Camp angekommen bist, lernst du, wie man Holz hackt und Feuer macht. Das alles führt dich automatisch näher an die Natur heran, du atmest die Luft des Waldes, du siehst und fühlst das Wetter, die Temperatur und es ist eben anders, wenn du morgens aus deinen Schlafsack kriechst im Vergleich zu deinem Leben in der Zivilisation, wo du morgens in die Küche schlappst, den Kühlschrank mit einer Fülle von Speisen öffnest und dann in dein Auto steigst. Da spürst du keine Temperatur, kein Wetter, keinen Regen, da ist immer alles gleich und es gibt keinen Kontakt zur Natur. Wenn du den ganzen Tag nicht raus gehst, bist du isoliert in deiner Kapsel Wohnung, du bekommst gar nicht mit, was draußen ist, wenn du aus dem Fenster schaust, siehst du ,dass es regnet oder du befragst dein Handy mit der Wetter- App. Du spürst nichts von dem, was draußen ist. Wenn man auf einen Trip geht, muss man hinausgehen, man ist automatisch draußen und ein Reingehen gibt es nicht, selbst in einer Hütte ist man inmitten der Natur, das sind keine beheizten oder klimatisierten Räume, in denen wir uns in Europa normalerweise aufhalten.
Frage: Für dich war der Aufenthalt auf der Ranch nicht die erste Annäherung an die Natur. Du bist im Norden Schwedens viel gewandert, hast viele Wochen im Zelt gelebt, quasi im Freien inmitten der Natur, Ist dir dadurch alles leichter gefallen?
Paul: Ich habe das Leben in der freien Natur absolut genossen. Ich vermisse das jetzt schon wieder, einfach nur draußen zu sein, im Zelt zu wohnen, fernab der Zivilisation, von großen Straßen, Autos und Hochhäusern. Ich habe das erlebt, dass Gäste diesen Schritt in die Natur als kaum lösbare Aufgabe empfunden haben, weil sie noch nie in ihrem Leben in einem Zelt geschlafen haben, der fehlende Komfort als Verlust von Sicherheit empfinden, sie Angst haben, ein Käfer könnte ihnen während der Nacht über den Schlafsack krabbeln. An all das gewöhnen sich die Gäste, es gibt auch keine Alternative.
Für mich lagen anspruchsvolle Aufgaben in einem ganz anderen Bereich. Ich habe die Grundlagen des Naturschutzes studiert, bin also nicht ganz grün hinter den Ohren und kam auf die Ranch, um unter anderem Aufgaben des Naturschutzes zu übernehmen. Ich bin angekommen, habe mir das angesehen, wie dort an Naturschutzaufgaben herangegangen wird. Ich hatte aber keinerlei Möglichkeit, Veränderungen anzustoßen, wenn sich beispielsweise gezeigt hat, Beobachtungen könnten genauer gemacht und erfasst oder auch ausgeweitet werden. Das wurde als respektlos wahrgenommen.
Frage: Du musstest wie jeder andere Praktikant bei Null anfangen und den bestehenden Regeln folgen?
Paul: Genau, jeder durchläuft denselben Ausbildungsprozess, bereits vorhandenes Wissen und Erfahrungen ändern daran nichts, alle sind gleich, es gibt keine Ausnahmen. Du lernst, wie die von der Ranch übernommenen Aufgaben des Naturschutzes genau dort zu lösen sind und zwar so, wie das schon immer gemacht wurde. Dein mitgebrachtes Wissen musst du an die Kette legen. Mir scheint, es ist leichter, ohne Fachwissen dort in die Ausbildung zu gehen, so ist alles auch aufgebaut, du bist neugierig, lernst viel Neues und musst das, was du lernst, nicht ständig mit dem abgleichen, was du schon weißt, dich mit Widersprüchen herumplagen.
Frage: Eine Vielzahl von Aufgaben, die auf der Ranch zu übernehmen war, nicht nur im Naturschutz, hast du vorher schon mit Erfolg gelöst. Du bist noch nicht auf einem Traktor gefahren, hattest noch kein Pferd gesattelt, bist nicht geritten, hast noch keine Schrotbüchse bedient und vieles mehr?
Paul: Ja, das waren alles Sachen, die ich mit Begeisterung gelernt habe, es fühlt sich aber komisch an, wenn ich mir erklären lassen muss, wie man Holz hackt, wie man eine Axt hält. Ich habe in meinem Leben schon eine Menge Holz gehackt und doch habe ich es so lernen müssen, als würde ich es das erste Mal tun. Ich musste es mir zeigen lassen und genau so, wie gezeigt, ausführen, sonst darf ich kein Holz hacken. Jeder bekommt die Einweisung, wie Holz gehackt wird, da führt kein Weg dran vorbei. Hinter allem steht natürlich der Sicherheitsaspekt, was ich gut verstehen kann und verstanden habe. Jeder soll die Möglichkeit haben, alles zu lernen, um es selbständig und sicher tun zu können, was auch keinerlei Aufsicht bedarf.
Frage: Es ist also eine Ausbildung, die dazu führt, dass du die anfallenden Arbeiten sicher und mit einem geringen Risiko ausführen kannst?
Paul: Genau, das Risiko für alle soll minimiert werden. Denn wenn du dir ins Bein hackst, hast nicht nur du den Schaden, du musst in die nächste Stadt gebracht werden zu einem Arzt, ein anderer muss dich dann ins Krankenhaus bringen.
Es gibt eben in der Natur andere Gefahrenquellen. Der Umgang mit Pferden muss gelernt werden, du musst die dafür geltenden Regeln annehmen, sie befolgen. Es gibt Regeln, wie und mit welchem Abstand man sich um ein Pferd bewegt, worauf du schauen musst, wenn du dich hinter dem Pferd bewegst, damit du nicht, wenn das Pferd ausschlägt, gegen den Kopf getroffen wirst. Beim Satteln ist das Risiko gering, wenn du das Pferd beschlägst, ist es wesentlich höher. Kürzlich gab es auf einem Trip eine Verletzung durch ein Pferd, der Gast wurde mit dem Hubschrauber aus den Bergen geholt, das muss nicht sein. Die Pferde auf der Ranch sind keine störrischen Biester, sie sind ruhig und trainiert und doch kann ein Pferd mal einen Schreck bekommen, wenn es eine Wespe nervt oder etwas anderes.
Frage: Hast du denn selbst Hufnägel ersetzt oder ein Pferd beschlagen?
Paul: Ich hatte die theoretische Einweisung, aber nicht selber gemacht. Auf den Pack Trips kommt es vor, dass ein Huf sich lockert, dann muss er wieder festgeschlagen werden. Man muss schon aufmerksam sein, darauf achten beim Reiten, wenn es anfängt, zu klappern, dann muss das Hufeisen wieder festgeschlagen werden. Wenn bei meinem Pferd ein Shoe locker war, dann hat Manon den wieder festgeschlagen.
Frage: Bäume hast du nicht gefällt?
Paul: Nein, Forstarbeiten sind Arbeiten für den Winter. Das Brennholz wird im Winter eingebracht, dafür gibt es ein großes Kettenfahrzeug, das kommt im Schnee gut voran.
Frage: Der Forst, aus dem das Holz gewonnen wird, ist gleich in der Nähe?
Paul: Ja, der Wald um die Ranch herum, die Ranch liegt mitten im Wald. Der Wald ist in den letzten Jahren während eines weiträumigen Waldbrandes abgebrannt, deshalb ist zurzeit kaum Holz für den Einschlag vorhanden.
Frage: Aber Holz wird doch in derselben Menge gebraucht?
Paul: Das ist richtig, es werden die Reste vorhandener Stämme verwendet, bei so einem Waldbrand bleibt von den dickeren Stämmen im unteren Bereich der Kern häufig erhalten und kann als Brennholz verwendet werden. Ich weiß nicht, wie das in diesem Jahr gelöst wird, es klang nicht dramatisch.
Frage: Es wird jetzt aber eine Weile dauern, bis der Wald wieder aufgewachsen ist, sechzig bis achtzig Jahre?
Paul: Auch das ist richtig, wahrscheinlich müssen sie Lizenzen für weiter entfernte Cutbloggs erwerben.
Frage: In diesem Jahr gab es nahe der Ranch keinen Waldbrand?
Paul: Was heißt in der Nähe, schon so dicht, dass der Himmel zeitweise rauchig war, man den Himmel nicht sehen konnte, andererseits verbreitet sich der Rauch recht weit.
Frage: Das heißt aber, dass Waldbrände ständig auf der Tagesordnung stehen?
Paul: Ja, dann sind große Löschaktionen mit Hubschraubern und allem anderen.
Als das Feuer im letzten Jahr auf die Ranch zurollte, das Feuer war noch weiter entfernt, wurde entschieden, ein Gegenfeuer zu legen. Nachdem das Gegenfeuer richtig in Gang gekommen war, drehte sich der Wind und das Gegenfeuer raste als riesiger Feuertornado auf die Ranch zu. Die Bewohner der Ranch wurden aufgefordert, das Gebiet sofort zu verlassen, bevor es zu spät ist, um kein Leben zu gefährden. Keith hat entschieden, zu bleiben und auch die anderen Bewohner sind geblieben, um das Feuer zu bekämpfen. Drei Tage und drei Nächte wurde das Gelände gewässert. In den angrenzenden Wald wurden breite Schneisen geschlagen, die Bäume wurden niedergewalzt. Feuer breitet sich immer in den Baumkronen aus, Ziel war es diesen Vorgang zu durchbrechen, das Feuer auf den Boden zu verlagern und dort zu bekämpfen. Und sie haben es geschafft, das Feuer wurde quasi am Zaun gestoppt. Hätten sie sich in Sicherheit gebracht, wäre alles niedergebrannt.
Frage: Hatte Keith diese Entscheidung für alle getroffen?
Paul: Im Grunde ja, natürlich hätte jeder ins Auto steigen und in die nächste Stadt fahren, sich in Sicherheit bringen können. Dass alle geblieben sind und gekämpft haben zeigt, dass sie Keith vertraut haben und sie haben die Ranch gerettet.
Frage: Und deshalb gibt es die Ranch noch und du hattest die Gelegenheit, das alles Kennenzulernen. Eure Wildniswanderung hatte auch ein gutes Ende, wie ging es danach weiter?
Paul: Es waren nur noch wenige Tage, einige Sachen mussten noch zu Ende gebracht werden und dann sind wir auch schon abgereist.
Frage: Ja, echt schade: Wenn du mal das Leben vergleichst, hier und dort, wie lautet das Fazit?
Paul: Naja, auf der Ranch kümmert man sich um ganz elementare Dinge des Lebens, Dinge, ohne die es kein Leben gibt. Du erkennst, was es bedeutet, in einer kleinen Gemeinschaft an ganz elementaren Aufgaben des Lebens beteiligt zu sein. Das sind viele Aufgaben und Leistungen, die in dem anderen Leben überhaupt nicht sichtbar werden, Sachen, von denen du gar nicht weißt, dass es sie gibt und die trotzdem unverzichtbar sind: Wenn du hier etwas brauchst, gehst du über die Straße in die Kaufhalle, es gibt alles, es fehlt an nichts, das Wasser kommt aus der Leitung, du musst dich darum nicht kümmern, wenn etwas defekt ist, rufst du an, es kommt ein Monteur und bringt es für dich in Ordnung. Auf der Ranch dagegen musst du dich selbst versorgen, alles selbst erledigen und du musst dafür die Fähigkeiten haben.
Frage: Ist es jetzt so, dass es für dich zukünftig nur noch ein Leben in der Natur, in der Wildnis geben sollte, oder kannst du dir vorstellen, hier in der Zivilisation manches zu vereinfachen, Dinge wegzulassen, die einfach nur dumm sind?
Paul: Ja, weglassen, was dumm ist: Ich habe die Erfahrung gemacht, das Leben in der Natur ist stressfrei; Dinge, die Stress bedeuten, finden nicht statt, sind einfach nicht relevant. Fernsehen und Radio gab es nicht, der Internetzugang war stark begrenzt, ich war immer beschäftigt und hatte gar nicht die Zeit, mich dem Handy zu widmen und es hätte mir bei der Arbeit keinen Nutzen gebracht. Ich war nicht dieser täglichen Flut von unnützen Informationen ausgeliefert, es gab auch nicht den Zustand, dass dringend benötigte Informationen einfach nicht beschaffbar waren, du das Wesentliche nicht erfährst. Nur ein Beispiel: Du fährst mit dem Zug Richtung Berlin und in Dresden bleibt der Zug im Bahnhof stehen, weil eine Tür defekt ist. Keiner kann die Tür in Ordnung bringen. Dann setzt die Informationsflut ein, die dir helfen soll, die Reise fortzusetzen, die Informationen bringen dich aber nicht an dein Ziel. Am Ende warst du mit all diesen Informationen acht Stunden unterwegs, bist viermal umgestiegen, warst mehrfach der Verzweiflung nahe. Auf der Ranch gab es diese absurde Abhängigkeit von Informationen nicht.
Frage: Ja, wie soll man sich den ganzen Informationen entziehen, die für das Leben und auch die Entwicklung der Persönlichkeit keinen Nutzen haben? Mit all den Dingen, die du in den letzten Monaten gelernt hast, bist du als Persönlichkeit mächtig gewachsen, ich habe Respekt vor dir: Du warst zwei Wochen ohne Kommunikation in der Wildnis. Das ist unvorstellbar, das alles auszuhalten, die nicht immer klar zu definierenden Gefahren, die irgendwo lauern, einfach zu zweit in den Wald zu gehen, dort zu schlafen, ohne feste Hülle, nur mit einem Hund und einem Schrotgewehr?
Paul: Das ist schon fast so wie bei Jack London. Es wirkt ein wenig wie eine Reise in ein vergangenes Zeitalter, das aber real existiert und einen großen Nutzen bringt. Du kommst da anders raus, als du reingegangen bist. Ich bin wesentlich fitter, die tägliche körperliche Arbeit, immer die Berge hoch, natürlich auch wieder runter, da verändert sich der Körper. Den Tag fünf Uhr morgens zu beginnen. Ich hätte im Leben nicht geglaubt, Vögel zu kartieren, das passiert vor Sonnenaufgang, wenn die Vögel eben aufstehen. Und es ging.
Frage: Am Abend gab es eine Grenze?
Paul, Ja, und wenn du die Grenze verpasst, hast du am nächsten Tag Pech gehabt, der Tag hat darauf keine Rücksicht genommen. Du hast dann zugesehen, rechtzeitig ins Bett zu kommen. In der Mittagshitze konnte man auch ein Päuschen machen, da konnte keiner effektiv arbeiten. Wichtig war, am Morgen so viel wie möglich schon zu erledigen, in drei Stunden bis zum Frühstück die wesentlichen Aufgaben des Tages wegzuarbeiten. Es ist dann ein anderes Gefühl, wenn du beim Frühstück sitzt, als wenn du gerade aus dem Bett gekrochen, nicht richtig wach bist und mit der Nase über dem Kaffee hängst.
Frage: So diese ursprüngliche Lebensweise, wie die Bauern, die in erster Linie ihre Familien zu versorgen hatten, die auch mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen, sich zuerst um das Vieh kümmern mussten und wenn das erledigt war, konnten sie an das Frühstück denken.
Paul: Die Lebensenergie hat automatisch ein höheres Niveau, ich würde mir das gerne erhalten in der Zukunft.
Frage: Das bedeutet, über Tagesstruktur, Aufgaben, denen man sich stellt, deren Sinn oder Unsinn neu nachzudenken. Dann sind Entscheidungen zu treffen. Es gibt sicherlich Dinge, die in der Vergangenheit im Leben einen breiten Raum eingenommen haben, die aber einfach unnütz sind.
Paul: Richtig, ganz grundsätzlich ist die Frage zu stellen, bewege ich mich im richtigen Rahmen, arbeite ich noch am richtigen Bild, warum mache ich das überhaupt. Du übst eine Beschäftigung aus, die dich nicht erfüllt, die Frage, warum du gerade diese Arbeit machst, stellst du dir gar nicht, der scheinbar höhere, verallgemeinerte Sinn liegt darin, Geld zu verdienen. Geld zu verdienen ist das jeder Arbeit zugrunde liegende Motiv. Die nächste Frage, wieviel Geld brauche ich eigentlich, um zu leben, stellst du dann auch nicht. Hier in unserer Gesellschaft erhält eine Mehrheit mehr Lohn, als zum Leben tatsächlich benötigt wird. Und die Menschen bauen sich einen Lebensstandard auf und erhalten diesen, obwohl sie dadurch nicht glücklicher werden, der nicht erfüllend ist für das Leben und auch keinen Nutzen hat. Du gibst viel Geld aus für Luxus, Autos, Abos und Verträge, deine Freunde machen das auch alle, das macht dich nicht glücklich, du denkst gar nicht darüber nach, was Glück ist und du hältst alles aufrecht, weil es zu deinem Programm gehört und du annimmst, dieses Programm gehört zu deinem Leben dazu. Die Frage nach Sinn und Nutzen wird nicht gestellt.
Frage: Praktikanten und auch Gäste der Ranch gleichermaßen erkennen während ihres Aufenthaltes sehr genau, welche Aufgaben der Einzelne im Leben übernehmen muss zur Erhaltung seiner Existenz und wie groß hierfür sein Eingriff in die Natur ist, was er aus der Natur entnehmen muss, so rein gegenständlich. Wenn du beispielsweise eine Stunde auf dem Handy gespielt hast, wird der Gedanke nicht aufkommen, in welchem Maße in die Natur eingegriffen werden musste, damit das möglich wird, ein Eingriff in die Natur wird gar nicht sichtbar, ganz abgesehen von der Frage, welchen Nutzen das Spielen auf dem Handy hatte.
Paul: Und die andere sehr wesentliche Erkenntnis besteht darin, dass du im Alltag auf der Ranch alles selbst erledigen musst, für alles selbst verantwortlich bist im Rahmen der übernommenen Aufgaben. Die Gemeinschaft sichert durch ihre Arbeit die eigene Existenz, du bist ein Teil davon. Nicht der Dienstleister oder die anderen sorgen für dich und du legst nur das Geld auf den Tisch, du brauchst dort mit Geld nicht hantieren, du musst selbst tätig werden. Wenn du was essen willst, musst du in die Küche gehen und Essen zubereiten, willst du Wärme, musst du Holz hacken und den Ofen heizen, Geld spielt in den täglichen Abläufen keine Rolle, abgesehen davon, dass Gäste für den Aufenthalt und das Programm Geld bezahlen. Und so, wie das Geld keine Rolle spielt, spielt deine Stellung in der Gesellschaft, aus der du kommst, keine Rolle. In Bezug auf die täglichen Abläufe auf der Ranch sind alle gleich. Es gibt auch keine Differenzierung nach Geschlechtern, welche Aufgabe du übernimmst, alle machen alles. Es gibt nicht die klassischen Männer- oder Frauenarbeiten, keiner würde sagen, Bäume fällen ist Männerarbeit, Frauen fällen Bäume nicht schlechter als Männer. Ich will nur sagen, alle Mitglieder der Gemeinschaft, Praktikanten und in Grenzen auch Gäste erlernen die anfallenden Tätigkeiten und sind dann in der Lage, alle Aufgaben zu übernehmen. Die Möglichkeit und die Bereitschaft, zu lernen, ist der Schlüssel.
Frage: Was ist so deine Beobachtung, kommen mehr Frauen oder Männer zum Praktikum auf die Ranch?
Paul: Es sind überwiegend Frauen, auch bei den Gästen.
Frage: Liegt das möglicherweise an dem Konzept, das auf der Ranch verfolgt wird?
Paul: Vielleicht, ich bin mir da nicht sicher. Betrachte ich meinen Studiengang, der sich ganz zentral mit dem Erhalt der Natur beschäftigt hat, dort haben überwiegend Frauen studiert. Es gibt aber kein Konzept, das sich vorwiegend an Frauen richtet. Das Thema wirkt als Filter. Das Konzept der Ranch dagegen ist schon darauf gerichtet, dass Frauen so etwas wie Selbstermutigung erfahren sollen und das Vertrauen in sich gewinnen, dass sie alles leisten können, sich eine Frau eben nicht einem Mann unterordnen muss, weil dieser über andere Fähigkeiten verfügt- keine Abhängigkeit entstehen muss und unterordnen einfach dumm ist.
Jeder hat das sich unterordnen schon häufig erlebt oder beobachtet. Wenn du auf der Ranch arbeitest und den Ausbildungsprozess durchläufst, wirst du zunehmend befähigt, diese Unterordnungsverhältnisse zu verlassen. Dazu musst du bereit sein, dir die Fähigkeiten anzueignen, die sich alle aneignen müssen, um in der Gemeinschaft jede anfallende Arbeit auszuführen. Häufig hast du gar keine Wahl, du musst zufassen, weil die Arbeit gemacht werden muss, vorausgesetzt, du hast die nötigen Fähigkeiten erworben. Ist doch ganz einfach.
Frage: Gibt es ein Fazit?
Paul: Naja, ich habe sehr hautnah erlebt, welche elementaren Arbeiten von mir zu leisten sind, um zu leben, das war nur fernab der Zivilisation möglich. Ich habe gesehen, dass ich hierzu in die Natur eingreifen muss, jedoch mit dem Anspruch, Natur nicht zu verdrängen, sondern Teil der Natur zu bleiben. Und ich habe begonnen, mir Fähigkeiten anzueignen, um alle zur Existenzsicherung notwendigen Arbeiten leisten zu können. Damit stehe ich erst am Anfang und es gibt noch so viel zu entdecken.