Der Rabe saß auf der Einfassung eines alten Ziehbrunnens inmitten einer schon seit vielen Jahren verlassenen Gärtnerei. Er betrachtete von dort aus den Walnussbaum neben dem halb eingefallenen Wohngebäude. Der Sommer neigte sich seinem Ende entgegen und der Rabe versuchte abzuschätzen, wann die prallen Schalen der Walnüsse aufreißen und die Nüsse herausfallen würden. Schon begannen die Blätter in der Sonne des Spätsommers zu welken und die Zweige neigten sich unter der Last der Früchte.
Es war Eile geboten. Der Rabe hatte schon vor Tagen den großen Bagger bemerkt, der von einem Tieflader auf das Gelände gebracht wurde. Er wusste Bescheid. Schon oft waren mit solchem Gerät ganze Bäume aus der Erde gerissen worden, um Platz zu schaffen. Kürzlich hatte ein Bagger in der Nähe einige Gärten aufgeräumt, die Apfelbäume gepackt, hochgehoben und samt Blättern, Äpfeln und Nistkasten in einen Container geworfen. Der Rabe machte sich nichts aus Äpfeln, Nüsse dagegen waren Leckereien. Aus seiner Sicht.
Der Rabe kannte die Gärtnerei schon lange. Früher hockte er gerne auf dem Rand der Brunneneinfassung und bewunderte sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Das glänzende Gefieder, der untadelige Schnabel und überhaupt die ganze stolze Erscheinung. Im Laufe der Zeit entfernte der Spiegel sich immer weiter, bis er ganz verschwand. Auch die Eitelkeit des Raben verlor sich zunehmend und so fügte sich alles.
Neben der Sorge um die reifenden Walnüsse und der Beunruhigung, die von dem Bagger ausging, hatte noch etwas anderes die Aufmerksamkeit des Raben geweckt. Er hatte hier, wo weit und breit niemand zu sehen war, das Gefühl, er wäre nicht allein. Wenn er zu diesem Brunnen flog, hier, wo eine angenehme Stille herrschte, schien es ihm, als hörte er Stimmen. War es die Stille, die solche Illusionen erzeugte? Oder gab es tatsächlich Bewohner?
Es war kein Zweifel möglich. Er hörte ganz in seiner Nähe Stimmen. Der Rabe drehte sich, so dass er sich über die Brunneneinfassung ein wenig in den Brunnenschacht hinein beugen konnte. Ja, die Stimmen kamen aus der Tiefe des dunklen Brunnenschachtes.
„Immer dieses tägliche Einerlei. Ist es Tag, ist es Nacht? Ich weiß es nicht und diese Langeweile. Nichts passiert. Nichts ist zu tun.“
„Du musst dich noch gedulden, das wird nicht immer so bleiben.“
„Kein Zweifel“, dachte der Rabe, „das sind Brunnenfrösche“.
„Ich habe es lange satt! Das erzählst du mir jeden Tag. Und das schon seit Jahren. Nichts hat sich geändert.“
Nach längerem Schweigen erwiderte der andere Brunnenfrosch:
„Ich erinnere mich gern daran, wie es früher war, das hilft mir.“
„Ja, früher, da haben wir oft auf dem Brunnenrand gesessen und in die Welt geschaut.“
„Genau, du hast auf die Prinzessin gewartet, die mit der goldenen Kugel. Wie oft hast du davon geredet, du wärest ein verwunschener Prinz. Ich glaube das einfach nicht.“
„Ich bin ein Prinz! Kapier das doch endlich.“
„Aber es ist doch keine Prinzessin gekommen mit einer goldenen Kugel. Es kamen nur Leute, die einen alten Grill in den Brunnen geworfen haben. Und später noch eine Schubkarre und eine alte Waschmaschine. Und in diesem rostigen Gerümpel wohnen wir heute“.
„Die Prinzessin wird mich eines Tages erlösen und du musst alleine sehen, wie du klarkommst.“
„Nun sei mal nicht so krötig. Überleg doch mal, wie soll sie dich hier unten finden. Und wenn die goldene Kugel wirklich in den Brunnen fällt, wie willst du sie denn nach oben bringen, hier, wo es kein Wasser mehr gibt? Du müsstest doch mit der goldenen Kugel nach oben schwimmen und sie über den Brunnenrand werfen. Und außerdem: Das Schloss ist doch schon lange eingefallen, da wohnt keiner mehr. Auch keine Prinzessin.“
„Wie gerne würde ich wieder in den Spiegel schauen, vom Brunnenrand. Früher habe ich auch manchmal den Raben beobachtet, wie er in den Spiegel geschaut hat, wie der sich dabei aufgeplustert hat. Er hat mich nicht bemerkt, ich habe immer von unten durch den Spiegel geschaut.“
„Schau mich doch einfach an, ich bin jetzt dein Spiegel.“
„Dass ich nicht lache, du müsstest dich einmal sehen, so möchte ich wirklich nicht aussehen.“
„Du siehst auch nicht besser aus.“
„Ja, ja, wir haben uns wahrscheinlich nicht zu unserem Vorteil verändert. Es fehlt das tägliche Schönheitsbad und die Ernährungsumstellung tut das Übrige. Keine Mücke mehr, keine Fliege. Nur noch Käfer, Spinnen und diese Nacktschnecken. Nie hätte ich geglaubt, davon eines Tages leben zu können.“
„Der Frosch gewöhnt sich an alles, hat schon meine Oma gesagt. Ach, meine Oma.“
Es trat Schweigen ein. Nach einer ganzen Weile sprach der Brunnenfrosch, der eigentlich ein Prinz war, weiter:
„Kannst du dich noch erinnern, wie eines Tages der rosa Frosch hier vorbei kam, der uns eine Leiter aufschwatzen wollte? Das war kurz nachdem die Menschen das Schloss verlassen hatten und die Prinzessin auch fortging.“
„Na, den haben wir tüchtig ausgelacht. Eine Leiter für Frösche! Das sind diese Geschichten, die sich Menschen ausgedacht haben. Gibt es schönes Wetter, steigt der Frosch die Leiter hoch. Und wenn es regnen soll, sitzt er unten. Ist genau der gleiche Quatsch wie der Frosch, der ein verzauberter Prinz ist.“
„Ich bin ein Prinz! Daran glaube ich fest. Und manchmal habe ich schon gedacht, wir hätten damals die Leiter nehmen sollen. Dann müssten wir heute nicht hier unten sitzen:
Es trat wieder Schweigen ein. Und der Rabe dachte „Ja, hättet ihr mal!“
Tiefe Trauer erfasste ihn bei seinen Überlegungen, wie es nun weitergehen würde.
Dann erschrak der Rabe, weil plötzlich die Turbine des Baggers aufheulte. Er wollte losfliegen, aber seine Flügel versagten ihm den Dienst.